Review

Die Schullektüre im Filmformat!
Immer wieder bei Jahrgängen von Unter- und Oberstufenschülern zur Auflockerung des Unterrichtes gern gesehen, hat sich „Die Welle“ von Morton Rhue bei einer Generation Schülern ins kollektive Unterbewußtsein eingegraben.
Ergo keine schlechte Idee, auf deutschem Boden das Thema noch einmal neu ins Szene zu setzen – denn aufgrund historischer Ereignisse sollten die Deutschen daraus einen zielgerichteten Film machen, ist die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus doch so etwas wie zelluloidgewordene Pflichtaufgabe.

Um so erfreulicher, daß Dennis Gansel, Regisseur und Autor in Personalunion, diesen ausgetretenen Pfad dann im Plot alsbald thematisiert und vermeidet – die betroffene Gymnasialklasse darf die NS-Zeit als hervorragendes Beispiel für ein autokrates System selbst als „ausgelutscht“ titulieren. Die Grundzüge der Erzählung, allerdings von Todd Strassers Bericht, nicht die Morton Rhues Roman (was man pflichtschuldigst anzweifeln kann, da sich viele Elemente fast deckungsgleich ähneln), die Gansel und Thorwarth verwandt haben, bleiben jedoch erhalten:
Ein Schulkurs, der nicht glauben will, das im aufgeklärten Deutschland eine Autokratie noch möglich ist und ein unorthodoxer Lehrer, der es ihnen beweist, indem er genau an den Schwachstellen der Schüler arbeitet, dem fehlenden Gemeinschaftsgefühl, den unterschiedlichen Gruppen, Rang- und Hackordnungen, den Statussymbolen und dem allgemeinen Respektsverlust. Und binnen einer (Projekt-)Woche wird aus dem ausgelassenen Schulabschlußhaufen jeglicher Couleur ein fröhlich angepaßter Haufen Weißhemd-Nazis (ohne daß das böse N-Wort noch einmal fällt), die jeden ausgrenzen und ideologisch niedermachen, der gegen die vermeindlich gute Sache ist oder Zweifel zu äußern wagt.

Richtiggehend zerstören kann man diese Geschichte sowieso nicht, eine behutsame Modernisierung war jedoch überaus angebracht, schließlich spielte das Original in den vereinigten Staaten.
Was als Lektüre noch halbwegs funktionieren mag, kann auf einer Leinwand bei der heutigen Jugend genauso wenig einen Flächenbrand auslösen wie die simple Erwähnung des Schicklgruber-Abkömmlings.
Und tatsächlich funktioniert die Generalüberholung an der Oberfläche ganz ausgezeichnet. Thorwarth und Gansel treffen die modernen Gruppen und Jugendstile recht treffend: die gelangweilten reichen Kinder, die aus Spaß die vom Ansehen Unterpriviegierten quälen, die Ausländer, die Nachläufer, die grauen Mäuse und beliebten Prinzesschen, die Sportler und die vom Leben Enttäuschten. Hauptsache ist, es ist genügend Konfliktpotential da. Der Ton stimmt, die jungen Darsteller arbeiten mit wahrer Hingabe und die Dialoge haben genau die richtige „street credibility“, um kurz vor dem allgemeinen Entsetzen zu überzeugen.

Nur: so authentisch das manchmal wirkt, so hausbacken angepaßt wirkt der Film, wenn er denn wirklich mal Aussagen zu transportieren hat. Zwar sucht sich der Projektkurs zunächst noch moderne Bezüge und Ursachen zusammen, mit zunehmender Amateurgehirnwäsche kommt die Essenz der Vorlage jedoch immer plakativer zum Tragen. Noch schlimmer: die Mahner, die geistig Überlebenden, wirken manchmal moralisch dermaßen karikiert erwachsen, daß man sich an die schlimmsten Folgen von „Dawsons Creek“ erinnert fühlt.
Aber diese Tendenz wird vom flotten Erzählfluß immer wieder unterspült, so daß man gerade noch feststellen kann, das der Film mehr Überschriften und Schlagzeilen liefert, als er in 100 Minuten inhaltlich wirklich verarbeiten kann.
Das ist noch nicht Bild-Niveau, hätte aber trotz aller positiven Seiten, noch mehr verdient.

Gerade angesichts einer engagierten Leistung von Jürgen Vogel, der dem in der Vorlage eher blassen Lehrer hier ein paar abgründige Seiten abgewinnt: der punkhörende Semi-Anarchist, der Lehrer mehr aus Protest auf dem zweiten Bildungsweg geworden ist und jetzt irritierenderweise sich dahingehend den Gesetzen der Gesellschaft unterwirft, indem er offensichtlich Komplexe rund um die eigene Anerkennung durch die Kollegen entwickelt. Das gibt ein paar kleine Abgründe mehr, die den missionarischen Fanatismus, in den sich Lehrer Wänger hier eingräbt, nur noch besser abrundet.

So gut geschrieben sind die Schülerrollen leider nicht alle, die vor allem darunter leiden, daß ausgerechnet die ausstiegswilige Klassenprima mit den guten Noten und dem hohen Beliebtheitsgerade sich als Faschismus-resistent erweist, während wir ansonsten schlucken müssen, daß sich einer der Quotenausländer im Zuge der heißersehnten kulturellen Gleichheit ins weiße Hemd stürzt.
Dagegen kann der unterdrückte Duckmäuser, der nachts seine Zugehörigkeit zu irgendeiner Clique ersehnt und jeden Speichel dafür leckt, in diesem Fall mehr als überzeugen, nähert sich Darsteller Frederick Lau mit seinen introvertierten Defekten dem perfekten Mitläufer und Schlagetot an, der schlußendlich das Massaker von Erfurt noch einmal echot. Columbine ist überall.

Und auch da kann Gansel noch einmal punkten und auch wieder nicht: zwar trägt der erhöhte Gewaltlevel zum Showdown realen Fällen Rechnung, doch die Entlarvung des bösen Scheins mal ohne Adolf H. aus B. kommt ohne Biss daher, der Mann ist in seiner Breitenwirkung für den deutschen Film dann eben doch nicht zu ersetzen – wobei es nicht unwitzig gewesen wäre, wenn man die autokrativen Tendenzen des real existierenden Sozialismus mal thematisiert hätte, doch so viel Subtilität wollte dann wohl doch keiner riskieren.

All dieses Für und Wider läßt einen Schluß zu: „Die Welle“, Version 2008 ist ein flotter und extrem gut anzuschauender Streifen geworden, der den Großteil des Publikums vermutlich problemlos mitreißen wird, zu stürmisch und aufgaloppierend sind all die Plotelemente zusammenkonstruiert. Doch wo uns die Thesen um die Ohren fliegen, bleiben die Synthesen der Nachbearbeitung durch das Publikum überlassen, hier ist die Auseinandersetzung mit dem Thema gefragt, weswegen Herr Gansel auch in erster Linie für all die Deutschkurse Unterrichtsmaterial für Jahre geliefert hat. Es ist nicht zu oberflächlich geworden, aber mehr als freundlich anreißen können die Macher das Potential nicht, sonst wäre es für die breite Masse wieder zu trocken geraten, insofern werden sich die Klassenausflüge häufen, das generelle Publikum wird angerührt unterhalten sein und die Intellektuellen werden das alles mit einem „Naja...“ abtun.
Wenn das die berühmte goldene Mitte ist – dann hat Gansel hier einen maßgeschneiderten Erfolg.
Nur die Schlußeinstellungen, die kommentararm im Moment des größten Schocks selbigen zelebrieren und uns den gescheiterten Pädagogen unverständlicherweise in Handschellen präsentieren (wofür sollte er verhaftet werden – suspendiert ja – aber verhaftet, an Ort und Stelle?), sind dann eine Konzession an moderne amerikanische Vorbilder und vermeide jegliche analytische Tendenz – da fehlt was.
Für Schulklassen bestimmt eine solide 1-!
Fast zwei Jahrzehnte älter muß ich persönlich da noch eine Note abziehen – der Geschmack ist noch spürbar, aber das Sättigungsgefühl hält nicht mehr so lange an. (7/10)

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