„Über das Ziel hinausgeschwappt"
Dennis Gansel ist am Puls der Zeit. Hat der clevere Filmemacher doch eine neue Marktlücke entdeckt: den Guido Knopp fürs Klassenzimmer. „Histotainment" nennt sich das Neudeutsch. Die NS-Vergangenheit soll für ein möglichst breites Publikum zwar historisch korrekt, aber gleichzeitig auch leicht verdaulich aufbereitet werden. Vor allem der gezielte Einsatz nachgestellter, reißerischer Spielszenen - adrett drapiert zwischen Zeitzeugenstatements und Dokumentaraufnahmen - ist bei Knopp der Schlüssel zum Publikumserfolg. Zielsicher und Zielgruppenorientiert setzt Regisseur Gansel gleich ganz auf den Spielfilm, ist dieser doch weit mehr in der Lebenswelt der Schüler und Jugendlichen verankert wie der immer noch - trotz der neuen Knoppschen Allzweckwaffe - als ziemlich dröge empfundene Dokumentarfilm. Dass dieses Konzept wunderbar aufgeht, bewies er schon mit seinem letzten Werk Napola, ein Jugenddrama über die Eliteschulen der Nazis. Nun also sein neuester Streich: Die Welle. Und die schwimmt eindeutig im gleichen Fahrwasser.
Seit den frühen 1980er Jahren werden ganze Pennälergenerationen mit der naiven aber politisch korrekten Schullektüre malträtiert. Dabei ist dieser „Klassiker" bereis der dritte Aufguss. Morton Rhues Roman Die Welle ist das Buch zum Film zum Experiment. Letzteres fand 1967 an einer kalifornischen High School statt und simulierte mit einer Schulklasse Entstehung, Mechanismen und Auswüchse autoritärer und faschistischer Machtstrukturen.
Ein Schelm, der Marketingstrategische Überlegungen hinter Gansels Projekt vermutet. Tatsache ist: das „Nazi-Thema" ist populärer denn je. Knopp hat es vorgemacht. In ermüdender Regelmäßigkeit wird der Fernsehzuschauer mit immer neuen Dokureihen über die NS-Zeit bombardiert. Ob Hitlers Krieger, Helfer, Frauen oder Selbstläufer wie Stalingrad, Die SS und jüngst Die Wehrmacht. „Hitler sells", schließlich bringt auch das Nachrichtenmagazin Der Spiegel jedes Jahr mindestens drei Titelstories über den Nationalsozialismus. Auch der deutsche Kinofilm hat längst die Publikumswirksamkeit der Thematik erkannt. Die enormen Besucherzahlen von Der Untergang sowie von Sophie Scholl - die letzten Tage bestätigen diese Theorie. Das Konzept scheint auch für Gansel erneut aufzugehen. Die Welle verzeichnete am Startwochenende über 300.000 Besucher in bundesdeutschen Lichtspielhäusern. Und das in der Ferienzeit. Die zweifellos unzähligen Schulsondervorstellungen kommen ja erst noch. Das Überschwappen der Welle in sämtliche Klassenzimmer des Landes ist wohl nicht mehr aufzuhalten.
Die Welle behandelt eine der Gretchenfragen der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit: Wie konnte es dazu kommen und ist so etwas wie Faschismus und Diktatur in heutigen demokratischen Gesellschaften überhaupt noch möglich?
Der gymnasiale Sport- und Politiklehrer Rainer Wenger (Jürgen Vogel) wird in seiner Lerngruppe über Autokratie mit dieser Frage konfrontiert und beschließ ihr im Rahmen der anstehenden Projektwoche auf den Grund zu gehen. Zu diesem Zweck beginnt er in seinem Kurs mit Einverständnis der Schüler eine Reihe neuer Regeln und Verhaltensweisen einzuführen. Mehr Disziplin und eine straffere Unterrichtsführung machen den Anfang. Die Schüler müssen nun aufrecht sitzen, den vormals geduzten Klassenlehrer mit „Herr Wenger" ansprechen sowie jedes Mal aufstehen, bevor sie sich zu Wort melden. Des weiteren ändert er die Sitzordnung. Je ein schwacher bekommt einem leistungsstarken Schüler zum Banknachbarn. Man soll sich gegenseitig helfen und damit ein Gemeinschaftsgefühl entwickeln. Macht durch Disziplin, Gemeinschaft und Handeln heißen die drei „Zauberslogans". Die Schüler jedenfalls gewöhnen sich schnell an die neuen Umgangsformen, die von Rainer Wenger angestoßenen Veränderungen allerdings entwickeln alsbald eine rasant voranschreitende Eigendynamik. So wird in rascher Folge ein Name - Die Welle - mitsamt dazugehörigem Logo, Grußzeichen und eigener Website gefunden. Wer nicht mitzieht wird entweder verabschiedet oder angefeindet. Als Rainer die Idee einheitlicher Kleidung - man einigt sich auf ein weißes Hemd mit Jeans - durch- und umsetzt, wird die Bewegung auch außerhalb der Projektgruppe ein Thema. Vormals verfeindete Grüppchen halten nun zusammen, perspektivlose Außenseiter bekommen neuen Halt und gelangweilte Wohlstandsjüngelchen entdecken ihren Gemeinschaftssinn und entwickeln eine ungeahnte Tatkraft.
In diesen Sequenzen im Klassenzimmer und auf dem Schulgelände hat der Film seine stärksten Momente. Mechanismen, Gefahren und Auswirkungen faschistischer Systeme und deren Gedankenguts werden hier zwar etwas oberflächlich und ungeordnet, aber durchaus anschaulich offen gelegt. Leider gibt es davon viel zu wenig zu sehen. Gansel konzentriert sich zu sehr auf das Privatleben seiner Protagonisten und lässt die Welle eine zu große Wirkung außerhalb der Schule entfalten. So gibt es neben einem gewaltsamen Zusammenstoß mit einer Punkergruppe auch eine nächtliche „Plakatierungsaktion" bei der das neue Logo in der ganzen Stadt Verbreitung findet. Vor dem Hintergrund, dass das Projekt nur 5 Tage dauert, eine hinsichtlich Tempo und Radikalität recht unglaubwürdige Ereigniskette.
Die verschiedenen Gruppierungen, Ansichten, Verhaltensweisen und Interessen heutiger Jugendlicher werden zwar ganz gut getroffen, bekommen aber eindeutig zu viel Raum. Vor allem haben die Macher einfach auch zu viele Typen und Sozialprofile unter einen Hut bringen wollen.
Da gibt es den von einer alleinerziehenden Mutter im Stich gelassenen Einzelgänger, die von penetrant lockeren wie kumpelhaften Eltern betont politisch korrekt und liberal erzogene Klassenprimadonna, den verschlossenen, nerdigen Außenseiter (natürlich Computerfreak und natürlich unterschwellig gewaltbereit), den andere piesackenden aber innerlich gelangweilten Klassenclown sowie den sich nach Integration sehnenden „Quotenausländer". Das alles wird geschickt eingeführt, entbehrt aber auch nicht einer plakativen Klischeehaftigkeit und bremst ob seiner teilweise unnötigen Ausführlichkeit letztlich eine stärkere Gewichtung der eigentlichen Inhalte aus.
Ähnlich verfährt der Film mit der zentralen Figur des Lehrers. In Rainer Wenger kulminieren zwar sämtliche Klischees eines einst linksradikalen und jetzt nur noch linksliberalen Anarchos, trotzdem ist er die interessanteste und am besten ausgearbeitete Figur. Der ehemalige Hausbesetzer erscheint mit T-Shirts einstiger Punkgrößen zum Unterricht, lässt sich von seinen Schülern duzen und lebt auch noch auf einem Kommunenhaften Hausboot. Und als ob das noch nicht genug wäre, prangt natürlich auch noch ein „Fuck Bush" Aufkleber auf seinem Briefkasten. Das vornehmlich Realistische an dieser Klischeebeladenen Lehrerfigur ist seine „Außenseiterrolle" innerhalb des Kollegiums. Die Intention dahinter ist natürlich offensichtlich. Rainer Wenger wäre der Letzte, von dem man faschistische oder diktatorische Tendenzen oder Verhaltensweisen erwarten würde. Da auch er im Verlauf des Projekts teilweise Opfer der selbst herbeigerufenen Geister wird, dachte man wohl die Message umso deutlicher hervortreten zu lassen. Jürgen Vogel jedenfalls gibt sein Bestes und beweist erneut, dass er zu Deutschlands fähigsten Schauspielern zählt. Er schafft das Kunststück, die teilweise stark überzeichnete Figur zu einem glaubhaften Charakter zu machen und trägt viel dazu bei, dass der Film zumindest teilweise funktioniert. Für das überzogene und auf Schock abzielende Ende kann er nichts.
Die Welle ist kein schlechter Film. Handwerklich muss er sich keineswegs hinter der scheinbar übermächtigen US-amerikanischen Konkurrenz verstecken. Gansels Inszenierung haftet eben nicht die bemüht ernsthafte, oftmals pseudointellektuelle und bleierne Bedeutungsschwere an, die den deutschen Film - außer er setzt auf Fäkalhumor und talentfreie Comedians - häufig so unglaublich bieder, ungenießbar und dröge macht. Im Gegenteil. Das Tempo ist durchgehend hoch, die Musik treibend und die Kameraführung schreit permanent „Ich will nicht wie ein deutscher Fernsehfilm aussehen". Die Schüler-Charaktere werden gekonnt mit ein paar Pinselstrichen eingeführt und sind trotz manch klischeehafter Simplifizierung im Großen und Ganzen glaubhaft und authentisch geraten. Vor allem die sich permanent wandelnde Jugendsprache ist mit Phrasen wie „Du Opfer", „auschecken" oder „Was geht, Alter?" durchaus am Puls der Zeit.
Diese bei deutschen Produktionen selten gesehene Stärke ist aber gleichzeitig auch eine der Schwächen des Films. Er ist so glatt und perfekt in Szene gesetzt, dass er eben größtenteils nicht unter die Haut geht. Bei der behandelten Thematik ein nicht gerade geringfügiges Problem. Er ist einfach zu gefällig und Zielgruppen anbiedernd. So findet sich beispielsweise bei den Problemen der porträtierten Jugend-Typen kaum ein Hinweis auf den stetig wachsenden Druck der Leistungsgesellschaft, unter dem heute allerdings immer mehr Jugendliche massiv leiden. Dieser wird häufig verdrängt durch hemmungslosen Konsum, schließlich ist er ja "noch" möglich. Viele Eltern wiederum unterstützen diese Verhaltensweisen, ebenfalls um der eigentlichen Problematik aus dem Weg zu gehen. Diesem gesellschaftskritischen Sprengsatz geht Gansel aus dem Weg. Bewusst?
Die Welle ist ähnlich mitreißend, unterhaltsam und leicht verdaulich wie der jüngste deutsche Megaerfolg. Til Schweigers Keinohrhasen punktet mit denselben Vorzügen, nur geht es dabei um das Liebesleben eines nicht Erwachsen werden wollenden Womanizers. Locker, flockig und teilweise sogar hintersinnig witzig, aber eben auch klar ohne höheren Anspruch. Bei Gansels Film haben diese Qualitäten allerdings eine Kehrseite. Nachdenkliche Momente bleiben ob des hohen Tempos weitestgehend Mangelware, zur Reflexion oder emotionalen Auseinandersetzung bleibt kaum Zeit.
Der deutsche Jungregisseur hat ein wenig zu viel Mühen darauf verwendet, die Sehgewohnheiten seiner Hauptzielgruppe zu treffen und ein in deren Augen authentisches Szenario zu erschaffen. Dabei ist er über das eigentliche Ziel hinausgeschossen oder hat es zumindest um einige Meter verfehlt. Neben dem hinsichtlich Rasanz und Vehemenz übertrieben dargestellten Überschwappen der Welle auf Umfeld und Lebenswelt der Mitglieder, ist in diesem Zusammenhang vor allem der effektheischende und völlig überzogene Schluss zu nennen.
Die Problematik von schulischen Amokläufen hier auch noch verbraten zu wollen, ist des (Un-)Guten eindeutig zu viel. Zumal auch keine der jeweiligen Vorlagen (Experiment, Film, Roman) eine finale Gewalteskalation beinhaltet. Das haben sich Gansel und sein Drehbuchschreiber Peter Thorwart ganz alleine ausgedacht. Hier wird überflüssigerweise mit dem ganzen Zaun gewunken. Ein subtileres und glaubwürdigeres Ende hätte die intendierten Botschaften weit besser und nachhaltiger zum Vorschein gebracht als dieser alles niederknüppelnde, didaktisierende Holzhammer. Zudem erstickt ein Grossteil der eigentlichen Thematik im Lärm treibender Techno- bzw. Rocknummern und coolen Sprüchen. Wirkungsmechanismen faschistoider Strukturen werden letztlich zu schnell, zu wirr und zu Schlaglichtartig präsentiert.
Ob Gansel Deutschlands Geschichts-, Sozial- und Deutschlehrern mit seinem insgesamt zu glatten und reißerischem Aufguss der schulischen „Pflichtlektüre" einen Gefallen getan hat, darf zumindest angezweifelt werden. Bevor die Pädagogen überhaupt zu den angedeuteten Inhalten kommen können, werden sie zunächst die plakativen, effektheischenden und Zielgruppen anbiedernden Elemente des Films aufdröseln müssen. So gesehen taugt Die Welle zunächst einmal mehr zur Medienerziehung, denn zur Auseinandersetzung mit der Faschismus-Problematik. Was ja wiederum auch seine guten Seiten hat. Schließlich handelt es sich hier um ein zentrales, fächerübergreifendes Erziehungs- und Bildungsziel so ziemlich aller bundesdeutschen Lehrpläne.
(6/ 10 Punkten)