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Bei der Beschreibung von Situationen sind gegensätzliche Herangehensweisen möglich - die verstandesmässige, die versucht das Geschehen in einen Kontext anzusiedeln und die das Verhalten der Protagonisten nachvollziehbar machen will oder die emotionale, die ein Spiegelbild des Empfindens darstellt, unabhängig von erfassbaren Kriterien.

In der Regel erwartet man von Filmemachern, dass sie einen übergeordneten Standpunkt einnehmen, um so dem Betrachter die Möglichkeit zu geben, eigene Schlüsse zu ziehen und individuell reagieren zu können. Daran war Özgür Yildirim bei seiner Geschichte aus dem "Hamburger Ghetto" nicht gelegen - viel mehr orientiert er sich in seiner filmischen Gestaltung am harten Rap der hier Lebenden, die größtenteils über einen Migrations-Hintergrund verfügen. Ähnlich wie in Liedertexten, die über Gewalt, sexuelle Vorlieben und dem Willen sich durchzusetzen berichten, will "Chiko" nicht differenzieren, keine Kompromisse machen und schon gar nicht eigene Verhaltensweisen reflektieren.

Obwohl der Film realistische Züge ausweist, zeigt "Chiko" eine Parallelwelt inmitten des bürgerlichen Hamburg, für die scheinbar keine der sonstigen gesellschaftlichen Regeln gilt. Am befremdlichsten sind deshalb auch nicht die Bilder von Gewalt und Exzessen, sondern wenn die Kamera das "normale" bürgerliche Leben einfängt - wenn Chiko (Dennis Moschitto) seine kleine Tochter zum Geburtstag besucht und kein Geschenk dabei hat, wenn er sie am Kindergarten umarmt oder wenn er zusammen mit seinem besten Freund Tibet (Volkan Özcan) in der Küche bei der Mutter, die nur türkisch spricht, sitzt. Hier zeigen sich in wenigen Momenten Verzahnungen zu einer Umwelt, die für Chiko und seine Freunde sonst keine Rolle mehr zu spielen scheint.

Ihr Leben wird davon bestimmt, "groß" herauskommen zu wollen, und aus der scheinbaren Diskrepanz zwischen den tatsächlichen Lebensumständen innerhalb der riesigen Wohnsiedlungen und der Sucht nach tollen Autos, Luxuswohnungen und schönen Frauen, wird gut die eigentliche Profanität deutlich, die ihr Denken bestimmt und die von den modernen Medien beeinflusst ist. Kriminalität wird nur Mittel zum Zweck, da es die einzige Möglichkeit ist, aus den bürgerlichen Strukturen auszubrechen. Sehr schön zeigt der Film, dass diese Denkweise, die ihr kriminelles Handeln nie in Frage stellt und nie über Konsequenzen nachdenkt, erst in der jetzigen Generation der jungen Männer angekommen ist, während ihre Eltern bürgerlichen Berufen nachgehen und ein angepasstes Leben führen.

Allerdings vermischt sich das rigorose Streben nach gesellschaftlichem Aufstieg, dass schon immer signifikant für Bewohner benachteiligter Wohngebiete in Großstädten war, hier mit den konservativen Vorstellungen der Vorfahren. Blutrache und konsequente Einhaltung von Ehrenkodexen ergeben die explosive Mischung, die das Drama in "Chiko" zum Rollen bringt. Die Freunde Chiko und Tibet fühlen sich wie Brüder, aber Tibet verfügt weder über den Intellekt noch den Durchsetzungswillen seines besten Freundes. Gemeinsam beginnen sie den Drogenmarkt in ihrer Umgebung aufzumischen, indem sie Klein-Dealer mit brutalen Methoden einschüchtern. Es dauert nicht lang, bis sie zum Drogenboss Brownie (Moritz Bleibtreu) gebracht werden, der von Chikos Elan beeindruckt ist und ihm eine Chance gibt.

Gemeinsam mit Tibet soll er innerhalb kürzester Zeit eine erhebliche Menge Haschisch unter die Leute bringen und einen bestimmten Gewinn machen. Der etwas naive Tibet hält sich nicht an die Bedingungen, das Geschäft in einer Wohnung abzuwickeln, sondern zweigt heimlich ein paar Gramm für sich ab und verkauft es auf der Strasse. Tibet wird darauf hin von Brownie brutal bestraft, was den smarten Chiko in innere Schwierigkeiten bringt. Während Bownie eine Menge von ihm hält und ihm ein lukratives Geschäft anbietet, wird Tibet fallengelassen, vegetiert nur noch in der mütterlichen Wohnung herum und wird von Rachegedanken zerfressen...

Regisseur und Drehbuchautor Yildirim beschreibt hier eine schwer erträgliche Mischung aus Gewalt und Gegengewalt, deren Kreislauf nur von den Protagonisten selbst erzeugt wird. Konsequent verzichtet er deshalb auf Polizei und weitere staatliche Institutionen, während auch nie die Angst vor Gefängnis oder sonstigen Strafen eine Rolle spielt. Es wird für den eigenen Zweck geprügelt und getötet, Drogen werden im großen Stil verkauft, Geld wird verprasst für Wohnungen, Autos und luxuriöse Essen. Auch Frauen sind vor allem eine Sache des Besitzstandes. So verliebt sich Chiko in die Prostituierte Meriyem (Reyhan Sahin), mit der er aber erst glücklich ist, nachdem er sie ihrem Zuhälter Brownie abgekauft hat.

"Chiko" weist nur wenige Momente des Verweilens auf und verzichtet auf jede Reflexion. Der Film versteht sich nicht als gesellschaftskritische Anklage und will auch keine Wege aus der Misere zeigen, sondern zeigt nur wie es abläuft. Für den Außenstehen ist das schwer nachvollziehbar, da die Gedankenlosigkeit der Protagonisten, das Fehlen jeglichen Schuldgefühls oder nur das Bewusstsein des eigenen Handels wenig Möglichkeiten der identifikation bieten. Yildirim reflekliert in "Chiko" Emotionen, die für den Eingeweihten authentisch sein mögen. Für den sonstigen Betrachter seines Films wirken die hier handelnden Personen unsympathisch und klischeehaft und in ihrer Unfähigkeit, auch eigenes Versagen erkennen zu können, regelrecht dumm.

Dadurch hinterläßt der Film ein zwiespältiges Gefühl. Einerseits ist das Bemühen zu erkennen, mit der Beschränkung auf das Wesentlichste ein realistisches Bild zu zeigen, was zu Recht auf differenzierende Betrachtungen verzichtet, andererseits entsteht dadurch für den neutralen Beobachter eine Haltlosigkeit der hier geschilderten Ereignisse, die es für ihn unmöglich machen, das Geschehen einzuordnen und damit nachempfindbar zu machen.

Die Macher der Films, die über den selben Migranten-Hintergrund verfügen, wie die in "Chiko" handelnden Personen, beweisen mit dieser direkten Sichtweise Mut, aber ihnen muss auch die Gefahr bewusst sein, dass sie mit diesem Film Vorurteile bestätigen. Ihre Intention wird letztendlich nicht deutlich genug, da sie dem Film einerseits eine sehr abwechslungsreiche, an Action-Filmen orientierte Handlung geben, andererseits aber einen gesellschaftlichen Missstand ohne Beschönigung dokumentieren. Für einen kritischen Problemfilm beliebt "Chiko" aber zu oberflächlich, für einen ironisch-coolen Film ist er zu ernst (5/10).

Edit : In der von Reyham Sahin gespielten Rolle der Prostituierten wird erkennbar, welchen Weg "Chiko" auch hätte gehen können. Die als "Lady "Bitch" Ray" bekannt gewordene deutsch-türkische Rapperin übertreibt nie in ihrer Rolle, ist selbstbewusst als türkische Frau und als Prostituierte, obwohl das dem Rollenverständnis klar widerspricht, aber sie erliegt auch den Versprechungen Chikos und dem dargebotenen Luxus, obwohl sie von Beginn an spürt, dass ihr Freund sie schlagen wird. Diese Komplexität lässt ihre Position auch für Uneingeweihte nachvollziehbar werden und verliert trotzdem nichts von ihrer inneren Konsequenz.

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