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"Teenage Angst" ist ein angelsächsischer Begriff, der die deutsche Eigenart des "Leidens an der Welt" bezeichnen soll und im Besonderen die Phase der Adoleszenz eingrenzt, die von Ängsten auf Grund der Unsicherheit gegenüber den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen geprägt ist. Abgeleitet wurde der Begriff von "German Angst", der schon seit längerem für die vor allem für die Amerikaner oft schwer nachvollziehbaren Ängste der Deutschen steht.

Abgesehen von der Griffigkeit des Filmtitels und der Tatsache, dass die Handlung unter Heranwachsenden eines Elite-Internats spielt, erschliesst sich der Zusammenhang zu dieser Begrifflichkeit nicht. Denn von Ängsten scheinen die Söhne reicher Familien nicht erschüttert zu sein, sondern eher von unerschütterlichem Selbstbewusstsein und Standesdenken. Als Konstantin (Franz Dinda) von einer Beerdigung zu dem abgelegenen Schloss zurückkehrt, indem sich das Internat befindet, offerieren ihm seine Freunde Dyrbusch (Niklas Kohrt) und Bogatsch (Michael Ginsburg), dass sie eine nahelegene Datsche organisiert haben, um abseits vom streng regulierten Schulalltag ihren exzessiven Vorstellungen zu fröhnen. Auch Leibnitz (Janusz Kocaj), der etwas weiche, hübsche Spross einer Adelsfamilie darf mitmachen.

Regisseur Thomas Stuber konzentriert sich ganz auf diese Viererkonstellation, zu der als wichtiges Element nur noch der Mentor (Michael Schweighöfer) gehört, der für die Disziplin und Aufgabenverteilung, aber auch für die Betreuung der Jugendlichen im Internat zuständig ist. Es ist nicht nur auf Grund des geringen Budgets des Films nachvollziehbar, warum Stuber sich auf wenige Personen beschränkt, sondern auch, weil es die gegenseitigen Abhängigkeiten zwischen den Handelnden deutlicher hervortreten lässt. Allerdings liegt darin auch die Gefahr, "Teenage Angst" als Kritik an egoistischen und unsozialen Handlungsweisen von Reichen zu verstehen. Aber damit täte man dem generalistischen Ansatz unrecht.

Dyrbusch und Bogatsch sind in ihrer Arroganz zwar von ihrem reichen Elternhaus geprägt, stehen aber beispielhaft für jeden Charakter, der unerschütterlich nur an den eigenen Vorteil denkt. Trotz ihrer unterschiedlichen internen Rollen - Dyrbusch ist der Kopf, während Bogatsch die Exekutive vertritt - stehen Beide für eine klare Vorstellung ihrer Zukunft. Auch wenn sich Alkohol, Drogen, Mösen und Moneten nach jugendlichem Übereifer anhören, werden Beide von keinerlei pubertären Unsicherheiten geschüttelt. Selbst als einiges schief läuft, verändern sich Beide nicht in ihrer Denkweise, sondern bleiben als Bedrohung immer präsent. Ganz offensichtlich verkörpern sie hier die Norm und die daraus entstehende Macht und sind damit beispielhaft für jede ähnliche Position, sei es auf dem Schulhof oder in einer Gefängniszelle.

Das kristallisiert sich spätestens heraus, als sie angetörnt im nahegelegenen See feiern und die Kellnerin Vaneska (Stephanie Schönfeld), die gerade nach Hause geht, nur in Unterhosen bekleidet anbaggern. Aus dem anfänglichen Flirt wird schnell brutaler Ernst und es ist offensichtlich, dass Dyrbusch und Bogatsch die junge Frau vergewaltigen wollen. Konstantin steht etwas abseits, aber Leibnitz greft ein und ermöglicht der Kellnerin die Flucht. Wer nun glaubt, dass die Beiden spätestens in nüchternem Zustand ihr Handeln begreifen, irrt. Stattdessen muss sich Leibnitz für seine Tat verantworten und wird brutal gefoltert.

Auch Leibnitz steht trotz seines jugendlichen Antlitzes hier nicht für pubertäre Verwirrungen, sondern ist das Opfer. Opfer wird er nicht nur, weil er sich schlagen und sogar vergewaltigen lässt, sondern besonders, weil er sich nicht dagegen wehrt. Er will dazu gehören und akzeptiert trotz grösster Ängste die Machtposition der Anführer und damit auch deren Strafen. In diesem Zusammenhang ist besonders die Rolle des Mentors interessant, denn dieser gibt der gesamten Handlung erst den notwendigen Rahmen. Seine Figur kann man politisch verstehen, denn seine Ambivalenz und damit Diffusität in der Handlungsweise wirkt symbolisch für gesellschaftspolitische Rahmenbedingungen, die den Wunsch grösserer Bevölkerungsteile nach extremen Parteien oder der sogenannten "starken Hand" fördern.

Michael Schweighöfer ist sehr gut gewählt als langhaariger, untersetzter Mentor, der einerseits die strengen Erwartungen der Eltern erfüllen soll, andererseits kumpelhaft Disziplin ausüben will. Sein fehlendes Verständnis für die Jungen (als Konstantin ihm von den Problemen berichten will, lässt er ihn nicht ausreden und interpretiert ihn völlig falsch) entspringt nicht einem Generationsunterschied, sondern den völlig unterschiedlichen Interessen. Zwar fordert er vordergründig seine Schützlinge auf, ihm ihre Probleme zu erzählen, wirkt aber letztlich an deren Gedanken uninteressiert, so lange er nur für Ruhe sorgen kann. Diese hohle Liberalität kann keine Vorbildwirkung darstellen, weshalb sich Leibnitz ihm nicht anvertraut. Die Katastrophe wird dadurch unvermeidbar...

Interessanterweise ist Konstantin, obwohl eindeutig die Hauptfigur, hier der blasseste Charakter. Allerdings ist das nur konsequent, denn er gibt hier den Opportunisten oder symbolisiert die schweigende Masse. Franz Dinda ist als Darsteller eine Spur zu sympathisch, als das man dessen lange Zeit abwartende Haltung wirklich negativ beurteilt. Sein spätes Handeln, das ihn automatisch zum Aussenseiter werden lässt, nimmt man ihm dadurch zwar leichter ab, aber in dieser Veränderung liegt auch eine Schwächung des filmischen Konzeptes, denn Stuber gesteht zumindest einem seiner Protagonisten zu, sich eines Besseren zu besinnen. Damit kommt er unnötigerweise wieder zum pubertären Gedanken des Filmtitels zurück und weicht seinen gesellschaftskritischen Standpunkt auf.

"Teenage Angst" gelingt es lange Zeit mit einfachen, aber nicht wenig drastischen Mitteln - auch wenn er auf explizite Darstellungen verzichtet - eine furchterregende Konstellation zu schaffen, die überzeugend die psychischen Zusammenhänge beschreibt, wie es zu von aussen unverständlichen Gewaltexzessen kommen kann. Das dafür ein Personenkreis gewählt wurde, der einmal nicht zu den üblichen Verdächtigen gehört, ist positiv, sollte aber nicht dazu führen, den generalistischen Charakter des Films zu übersehen. Im Gegenteil schafft Stuber auf Basis des Drehbuches von Horst Jäckle damit eine gesellschaftskritische Aussage, die weit über einen kleinen Personenkreis hinausgeht.

Leider nimmt die Rolle des Konstantin, die das Publikum letztlich beruhigen soll und der missverständliche Titel "Teenage Angst" , der die Handlung in die Nähe von pubertärer Verwirrung rückt, dem Film etwas von seiner Kraft - trotzdem ein überzeugender Erstling (7,5/10).

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