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eXistenZ - Du bist das Spiel (1999)

Eine Kritik von Fastmachine (Bewertung des Films: 10/10)
eingetragen am 03.06.2004, seitdem 708 Mal gelesen


eXistenZ – dies ist nicht nur der Titel des Films, sondern auch das erste Wort, welches zu hören ist, wenn man unvermittelt in die Handlung hineingestoßen wird, um der Vorstellung eines neuen Computerspiels beizuwohnen. Wer noch mit der Popkorntüte knistert oder die Bierflasche öffnet, weil er meint, am Anfang verpasse man noch nicht allzu viel, sei gewarnt: Viele der rätselhaften Entwicklungen im Verlaufe des Films bekommt man beim ersten Sehen nur richtig einsortiert, wenn man in der Eröffnungsszene Augen und Ohren weit aufgesperrt hatte. Die meisten werden die Szene für einen normalen Filmanfang halten, wo Thema und Hauptfiguren des Films erstmal kurz vorgestellt werden.
Folgendes spielt sich vor unseren Augen ab: Allegra Geller ist ein Star unter den Computerspieldesignern. In einer Provinzkirche hat ihre Firma zur Vorstellung ihres neuen Spiels geladen – eXistenZ. Allegra bittet ein Dutzend Freiwillige aus dem Publikum nach vorne, um mit ihr probehalber eine Runde zu spielen. Die Spielkonsolen, die sich jeder auf den Schoß stellt, sind organische, ja lebendige Klumpen, die über eine Art Nabelschnur mit dem Nervensystem eines jeden Spielers verbunden sind. Jeder Spieler taucht dadurch völlig in die virtuelle Realität von eXistenZ ein. Gerade soll das Spiel starten, da kommt es zu einem Attentat auf Allegra, das unter denkbar merkwürdigen Begleitumständen geschieht. In der anschließenden Verwirrung schaffen es Allegra und ihr Betreuer (Leibwächter) Ted zu fliehen. Es gibt offenbar eine Gruppe von Anti-eXistenZialisten, die sich „Freunde der Realität“ nennen, und für die Allegra eine böse Dämonin ist.
Hier nun dürften alle Zuschauer wach sein, sich verwundert die Augen reiben und fragen, was das alles zu bedeuten habe. Das folgende Geschehen bietet für jede vermeintliche Aufklärung eine neue Ungewissheit. Ted ist dabei der Naive, der sich unversehens in einer seltsamen Welt zurechtfinden muss, während Allegra die vollkommen Geheimnisvolle gibt. Sie hat den Verdacht, dass ihre Konsole, auf der die einzige Version von eXistenZ ist, Schaden genommen haben könnte. Sie bittet den unerfahrenen und zunächst widerstrebenden Ted, mit ihr zum Test eine Runde eXistenZ zu spielen, um die Konsole zu überprüfen. Das Testspiel sei nur mit einem „Freund“ möglich – so Allegra vieldeutig. Kaum eingestöpselt, wechseln beide auf eine andere Ebene von eXistenZ.
Der Film lässt zwar deutlich den Wechsel der Spielszenen erkennen, hält aber den Realitätsgrad der Szenen offen. „Realität“ und Spiel unterscheiden sich nicht. Über dem ganzen Film liegt eine unwirkliche Atmosphäre, die durch den geschickten Einsatz von klassischen Filmmitteln bewerkstelligt wird: Präzise Wahl des Sets und der Beleuchtung. Es gibt Leute, die den billigen, ja einfachen Charakter der Sets bemängeln und den Verzicht auf Effekte, insbesondere CGI Effekte. Diese Leute verwechseln offenbar „eXistenZ“ mit der Materialschlacht von „Matrix“. Außer dem Thema „Virtuelle Realität“ haben beide Filme wirklich nichts gemein. Die angebliche Billigproduktion ist gar keine, wie jeder, der die Extras auf der DVD gesehen hat, sofort mitkriegt. Es wurde nicht etwa an x-beliebigen „billigen“ Drehorten gefilmt, sondern fast alle Sets wurden komplett in der Werkstatt extra erschaffen. Die verrottete Fabrik, das heruntergekommene Chinarestaurant, die einfache Kirche und das Wochenendhaus aus Holz sind nicht so, weil ein Dreh an tolleren Orten nicht möglich war, sondern weil der Film in einer bestimmten, auf kulissenhafte Wirkung angelegten Umgebung stattfinden sollte. Die fremdartigen, immer etwas seltsamen Umgebungen sind bis ins kleinste Ausstattungsdetail geplant worden. Zu den größten Vorzügen dieses Films gehört es, auf diese Weise eine völlig originelle mysteriöse Stimmung zu erzeugen, die allen Handlungen, auch den vermeintlich banalsten und nebensächlichsten, einen fremdartigen Anschein gibt. Auf der anderen Seite werden rätselhafte, ja fantastische Elemente von den handelnden Figuren als selbstverständlich hingenommen, nur Ted, der zunächst als Neuling in eXistenZ befremdet ist, versucht zu deuten, was vielleicht schwer oder gar nicht zu deuten ist. Ted ist dadurch so etwas wie eine Identifikationsfigur für die Zuschauer. Undurchschaubare Verschwörungen ziehen sich durch die Welt von eXistenZ, Agenten und Doppelagenten der Freunde der Realität nähern sich Allegra und Ted, um sie in immer weiteren Spielebenen zu bedrohen.
Cronenberg bleibt zwischendrin seinem alten Ruf treu und splattert etwas rum, wenn er uns verseuchte und defekte Konsolen zeigt, deren Reparatur eher an die Operation eines Tiers oder eher noch eines Aliens erinnert. Ein bizarrer Höhepunkt ist sicherlich die Schlachtfabrik, in der aus gezüchteten Mutantentieren die Konsolen hergestellt werden.
Doch was ist hiervon Wirklichkeit und was Spielvorgabe? Welche Handlungsmöglichkeiten haben die Spieler in eXistenZ überhaupt? Denn der freie Wille ist durchaus eingeschränkt, da manche Ebenen von eXistenZ gewisse Dialoge oder Handlungen von den Spielern erfordern, um weiterzukommen. Kommt die richtige Handlung nicht, bleiben die virtuellen Mitspieler in einer Art Warteschleife stecken.
Mittelpunkt der Handlung bleibt stets die Spieldesignerin Allegra Geller. Jennifer Jason Leighs Darstellung der Allegra ist brillant. Selten sah man eine Filmfigur von einer solch undurchschaubar mysteriösen Ausstrahlung umgeben. Ist sie Opfer einer Verschwörung? Ist sie nur Spielfigur? Oder hält sie auf unerklärliche Weise stets die Fäden in der Hand in ihrem eigenen Spiel? Mal scheint sie irritiert wie der anscheinend naive Ted, mal agiert sie schlafwandlerisch, dann wieder verhält sie sich höchst raffiniert manipulativ gegenüber Ted. Eine schöne, fast beiläufige Szene mit Ted und Allegra im Wohnzimmer zeigt Ted entnervt herumlaufen und sich über das Gefühl der Losgelöstheit beklagen. Allegra räkelt sich schläfrig auf dem Bett, aber steuert nebenbei mit einem Fuß die Nabelschnur, durch die Ted und die Konsole verbunden sind, stets so, das sie sich nicht verfängt und hinausfällt.
Es besteht eine immer gegenwärtige, aber unterschwellige erotische Beziehung zwischen Allegra, Ted und dem Spiel, für die im Finale noch eine verblüffende Erklärung geboten wird.
Da die Details und das Finale nicht gespoilert werden sollen, nur soviel: Es kommt noch einmal zu einer nicht völlig unerwarteten, aber doch verblüffenden Kehrtwendung der Handlung zum Schluss. Kehrtwendung, nicht Auflösung, denn nach der Kehre stellt Cronenberg gleich wieder vieles in Frage. Das Ende ist ok, aber vielleicht nicht ganz das was man erwartet hatte. Der Zuschauer wird so unvermittelt aus dem Film hinaus- wie hineinkatapultiert und steht mit seinen unbeantworteten Fragen wieder in seiner wirklichen Existenz.
Fazit: Ein herausragender Film, der in Punkto atmosphärischer Dichte und intelligenter Handlungsführung den zum philosophischen Windbeutel aufgeblasenen Actionreißer Matrix weit übertrifft. Trotzdem ist der Vergleich nur bedingt möglich, da beide Filme unterschiedlichen Genres angehören.
Extrapunkte gibt es noch für die phantastische Jennifer Jason Leigh. Minimale Abzüge nur für das Ende. Nicht unbedingt einen Abzug, aber ein Stirnrunzeln sind gewisse motivische Selbstplagiate Cronenbergs wert, etwa wenn er aus „Rabid“ das Motiv einer erotisch besetzten künstlichen Körperöffnung übernimmt. Dort war es die Mutation nach einer Operation, hier ist es der Bioport für die Nabelschnur der Spielkonsole.
Das stört aber nicht, da hier alles inhaltlich stimmig ist.
Also: 9.5 von 10, was ich mal wegen des guten Gesamteindrucks für die Wertung aufrunde.


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