Steven Spielberg ist meiner Meinung nach einer der besten Regisseure unserer Zeit. Nicht nur weiß er, sich publikumswirksam in Szene zu setzen, nicht nur weiß er seine Zielgruppe immer genau richtig anzusprechen, in regelmäßigen zeitlichen Abständen dreht er auch Filme für die Gallerie und nicht unbedingt nur des Kommerzes wegen.
Dann dreht er Filme mit großem Inhalt und großer gesellschaftlicher Wichtigkeit, Filme, die auf Grund Spielbergs Macht, ganze Gesellschaften zum Nachdenken und zur Veränderung bringen können.
Insofern ist er nicht ein großer Regisseur, er ist auch ein verdammt wichtiger Mann.
Und er weiß all das.
Jeder seiner neuen Filme hat eine unglaubliche Eigendynamik, ist ein Meisterwerk in spe und wird, nur weil es ein Film von ihm ist, gleich ein Hit.
Wieso aber wird in dieser Rezension so viel Zeit darauf verwendet, über Steven Spielberg zu philosophieren und nicht endlich auf diesen zweifelsfrei wichtigsten seiner Filme eingegangen, abgesehen vielleicht von anderen wichtigsten Filme, die dieser Mann in regelmäßigen Abständen obdu- äh produziert?
Nun, die Handlung ist hinlänglich bekannt, die technische Durchführung- in Scharwz-weiß gehalten und zurückhaltend gefilmt sowieso.
Daher wird an dieser Stelle etwas anders an die Besprechung herangegangen.
Also gehen wir erst mal auf die Musik ein: Schöne Violin-Klänge untermalen, so kommt es einem vor, 97,5% des Films, viel zu viel, um die richtigen Gefühle beim Zuschauer zu wecken.
Auch ist die Musik viel zu monoton, nach einer Weile ist es fast so, als würde die Musik in einen typischen Hollywood-Film gehören. Das sollte nicht sein. Etwas spärlicher und an den richtigen Stellen eingestzt hätte dem Film durchaus gut getan.
Und es ist mit Sicherheit nicht die Stelle, wenn Ben Kingsley jedesmal gepeinigt aus der Wäsche schaut und immer die Musik dazu im Hintergrund spielt. Das ist dann doch etwas zu offensichtlich.
Nun gut, die Musik ist aber bei so einem Film - zu Recht - von seiner Wichtigkeit her vernachlässigbar.
Nun zur eigentlichen Durchführung des Films: Die Schauspieler sollen möglichst dezent und unaufdringlich spielen, so dass das Thema auf jeden Fall im Vordergrund bleibt.
Sehr guter Vorsatz.
Gelingt aber nur in Ansätzen.
Liam Neeson wird ein äußerst charismatischer Ralph Fiennes entgegengesetzt, welcher ihm vollends die Schau stiehlt. Während Neeson blaß bleibt bis zum Ende, was nicht unbedingt an seinen Fähigkeiten liegt (Dazu gleich mehr), erstrahlt Fiennes Stern völlig.
Fiennes ist ein erstaunlich guter Schauspieler,ohne Frage, aber bei diesem Film, diesem Thema, darf der Antagonist, nicht den Titelträger in den Schatten stellen.
(Das wäre fast so, als würde Omar Sharif in Lawrence von Arabien Peter O'Toole an die Wand spielen, oder im ungleich schäbigeren Vergleich Pauly würde in Rocky 1 Apollo Creed aus dem Ring hauen).
Das darf einfach nicht sein.
Wie gesagt, es liegt nicht daran, dass Liam Neeson ein schlechter Schauspieler ist.
Die Wahrheit ist, es fällt dem Zuschauer schwer, sein Talent überhaupt beurteilen zu können, denn sein schauspielerisches Repertoir wird extrem begrenzt durch eine mangelhafte Charakterisierung seitens der Inszenierung.
Ist Schindler anfang des Films einer, der sich am Krieg bereichern will, egal auf wessen Kosten, so ist er am Ende des Films ein Heiliger. Es bleibt dem Zuschauer verborgen, wann und wie diese Wandlung tatsächlich stattfinden konnte. Immer wieder wird nur milde angedeutet, dass er kein fanatischer Nazi im üblichen Sinne ist und die Insassen im Konzentrationslager für ihn genauso selbstverständlich ganz normale Menschen sind, aber andererseits ist dieses auch schon seine Einstellung am Anfang des Films. Immer wieder gibt es kleine Episödchen, die darstellen könnten, wie es zur inneren Wandlung kommen kann, doch ist das alles im Endeffekt nicht überzeugend.
Auch fällt es schwer, groß Sympathien für Ben Kingsley zu empfinden geschweige denn entickeln, da er immer -bis zum Schluß - einfach nur einen Gesichtsausdruck zu haben scheint. Auch hier muß jetzt ein schlechter Vergleich herhalten: Hätte ein Steven Seagal nicht genausoschlecht spielen können? Ungleich kraftvoller hat Kingsley einen thematisch ähnlichen Film mit Leben zu füllen verstanden: "Recht, Nicht Rache", in welchem er Simon Wiesenthal mit bravourösem Einsatz verkörpert.
Wenn also alle Schauspieler möglichst charakterlos, fast schon dokumentarisch in Szene gesetzt werden sollen, wie kommt es dann, dass ausgerechnet Fiennes' Charakter eine Tiefe mitbekommt, die - wie gesagt ihm zwar förderlich aber nicht unbedingt dem Film - ihn geradezu menschlich wirken läßt im Vergleich zu Schindler?
Wieso muß das sein?
Die Länge des Films ist angemessen. Auch das Vorhaben, den Film recht nüchtern und farblos halten zu wollen. Die Idee mit der roten Farbe ist auch sensationell. Und die kleinen grausamen Episoden, die immer wieder erzählt werden, sind wie offensichtlich kalkuliert erfolgreich eingebaut worden.
Doch der Film nimmt für sich nun mal in Anspruch ein Charakterfilm sein zu wollen, wie wandelt sich Schindler dann also zum Helden?
Diese Frage wird nicht ausreichend beantwortet.
Nun wieder zu Spielbergs Bedeutung für diesen Film:
Wie in fast allen seiner Filme mittlerweile fängt sein Film sensationell an, wird zur Mitte hin schwächer, um zum Ende hin elendlich zu verpuffen. Dazu trägt vor allem sein extrem langgezogenes Finale mit (in anderen Themengebieten würde mir das Wort lächerlich einfallen) unpassenden Dialogen bei.
Spielberg selbst hat gesagt, dass dies ein sehr persönlicher Film für ihn sei, also wird er wohl nicht die professionelle Distanz ganz so zu wahren gewußt haben wie sonst?
Aber das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass Schindlers Liste nicht vollends zu überzeugen in der Lage ist.
Das alles macht den Film nun nicht wirklich schlecht, höchstens mittelmäßig.
Was gibt dem Film den letzten Rest, was zieht ihn so dermaßen runter, dass er so unterirdisch erscheint?
Das macht Spielbergs Bedeutung für das Filmemachen an sich. Wenn dieser Mann einen Film dreht, dann erschüttert das in China zwei Säcke Reis. Es ergibt sich ein unglaublicher Medienhype und jeder Film ist ein Meisterwerk. Andere Kritiken werden in den Medien nicht gedulded, er wird gehuldigt.
Als er also Schindlers Liste drehte, war der Film plötzlich, schon im Vorfeld, der wichtigste Beitrag zum Thema Holocaust, der je gedreht werden würde, und jede noch so berechtigte Kritik wurde unterschlagen. Das grenzt ein bißchen an Zensur, aber sei's drum.
Tatsächlich ist der Film auch daher wichtig, da er die Shoah Foundation ins Leben rief, und (nicht nur) junge Filmemacher dadurch ermutigt werden, zum Thema Holocaust weiterhin Filme zu dehen.
Also man kann nicht umhin, dem Film seine kulturelle Bedeutung auf jeden Fall sehr hoch anzurechnen. Wenn es nur danach ging, ist dies mit Sicherheit einer der ganz wenigen Filme, die glatte 10 Punkte verdienen würden.
Aber filmtechnisch versagt der Film auf ganzer Linie, ein paar Gänsehautszenen, ein paar erzwungene Tränen reichen nicht aus, um die ganze tatsächlich vorhandene Tragödie zu beschreiben.
Spielbergs Film bleibt seltsam steril,lethargisch, irgendwie unentschlossen. Und für einen so hohen Anspruch, den jeder (neue) Spielberg-Film für sich reklamiert, geht er gnadenlos unter.
Dieses Thema ist sehr delikat, vor allem in Deutschland, und nichts von seiner Ernsthaftigkeit und Schwere sollte vergessen werden. Daher verwundert es ja auch nicht, dass dieser Film gerade hier auf so ein Echo gestoßen ist, aber doch ein bißchen zu euphorisch wurde der Film gefeiert, so als wolle man zeigen: "Schau her Welt, wir können mittlerweile damit umgehen."
Aber gerade die Fähigkeit dazu, eine Sache auch kritisch zu würdigen und nicht gleich auf eine andere Ebene zu erheben, zeugt meistens auch davon, dass man damit umgehen kann.
Der Film ist wie gesagt mittelmäßig, nicht großartig. Und man muß diesen Film gesehen haben.
Vier Punkte verdient er allemal, vielleicht sogar eins bis zwei mehr, aber um viele viel zu positiv gehaltenen Kritiken mit meiner mickrigen Stimme etwas runter zu ziehen, werde ich ihm nur 1 Punkt geben.