Review

"So finster die Nacht" in diesem Film oft ist, so wenig sagt der Titel etwas über den Inhalt aus. "Lass den Richtigen hinein kommen" wirft dagegen die entscheidende Frage auf, denn wer ist der Richtige? Darin verbirgt sich der Grund, warum ein Film, in dem zwei 12jährige als Protagonisten auftreten, und der keinem Genre eindeutig zugeordnet werden kann, in einer Art umfassende Gedanken aufzuwerfen vermag, die Jeden ansprechen können.

Vielleicht konnte dieser Film (und seine Buchvorlage) so nur im Norden Europas entstehen, denn signifikant ist besonders die hier vorherrschende Kälte. Das betont der Film nicht nur durch seine Langsamkeit, die die daraus resultierende Starrheit erfahrbar werden lässt, sondern ist - wie ziemlich alles in diesem Film - auch immer übergeordnet zu verstehen, denn das Leben des zwölfjährigen Oskars (Kåre Hedebrant) ist von allgemeiner Gefühlskälte geprägt. Oskar wird in seiner Schule von einigen Klassenkameraden auf das brutalste schikaniert, was seine Mutter, die sich gerne von durchschaubaren Ausreden bei Verletzungen täuschen lässt, nicht bemerkt, da sie sich auch sonst nicht für das Gefühlsleben ihres Sohnes interessiert. Auch der getrennt lebende Vater ist nur vordergründig ein Kumpel, der seinen Sohn für ein Glas Alkohol schnell links liegen lässt.

Das der Film sich nicht als reine Sozialstudie versteht wird in einer der ersten Szenen deutlich, als ein älterer Mann, der eher wie ein Arbeiter wirkt, der zur Spätschicht muss, einen Jugendlichen überfällt, diesen mit den Füssen nach oben aufhängt, ihn aufschlitzt und in eine Flasche ausbluten lässt. Trotz dieses brutalen Vorgehens wirkt der Mann weder routiniert noch cool, weswegen er bei seiner "Arbeit" auch ertappt wird und vom Tatort fliehen muss. Wieder in seiner Wohnung angekommen wird er von einer herrischen Stimme kritisiert und als Versager zurechtgewiesen. Damit entsteht im Film die zweite immer allgegenwärtige Komponente neben der Kälte - der Tod. So verstörend dieser erste Mord ist, so wenig einseitig bleibt in "Låt den rätte komma in" die Bedeutung des Todes. Und auch der Horror, den der Film damit entwickelt, ist vor allem in der Alltäglichkeit verankert. Er ist nicht nur Zerstörung, sondern bedeutet gleichzeitig auch Leben.

So wie das Leben, das plötzlich in Oskars Dasein einbricht und das sich gänzlich von seiner gewohnten Umgebung unterscheidet - die gleichaltrige Eli (Lina Leandersson). Sie ist nicht nur trotz der Kälte leicht bekleidet, sondern springt in einer Leichtfüßigkeit von dem Spielgerät, die in völligem Gegensatz zur sonstigen Langsamkeit steht. Obwohl sie ihre Begegnung mit den Worten beginnt, dass sie bestimmt keine Freunde werden, ist die Faszination zwischen den beiden Heranwachsenden sofort zu spüren, die der Kälte und dem Tod die wesentliche Komponente noch hinzufügt - die Liebe. Es ist keine einfache Liebe, aber wie in allen sonstigen Betrachtungsweisen vermeidet der Film auch hier jedes Klischee, so dass die entstehenden Gefühle zwischen den Zwölfjährigen trotz ihrer altersgemäßen Authentizität für jedes Alter nachvollziehbaren werden.

"Låt den rätte komma in" entwickelt aus dem Zusammenspiel zwischen Kälte, Tod und Liebe ein Konglomerat, das nicht nur in der Story mit ständigen Wendungen aufwartet, sondern jede moralische Leitlinie in Frage stellt. Dadurch, dass der Film immer wieder bekannte Versatzstücke verwendet, diese dann aber zu anderen Ergebnissen führt, wird der Betrachter immer neu auf die Frage gestoßen, was oder wer der Richtige ist. Die Mischung aus einem dokumentarischen Ambiente in einer Sozialbausiedlung und der fantastischen Story ermöglicht eine realistische Sichtweise ohne Beschönigung und den Traum von Erlösung, ohne das dieser aufgesetzt wirkt. "Låt den rätte komma in" ist gleichzeitig ein Märchen und eine Sozialstudie, ein Horror- und ein Liebesfilm, aber vor allem ein künstlerisch und intellektuell dichtes Werk, dass nicht nur unterhält und berührt, sondern den Betrachter mit seinen eigenen Vorstellungen konfrontiert (9,5/10).

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