Review

Es ist nacht in Schweden. Dicker Schnee dämpft die sowieso spärlichen Geräusche. Das Licht einiger Straßenlaternen scheint auf diese weiße Decke und wird leicht diffus reflektiert. In dieser Umgebung gibt es einen Jungen zu sehen. Obwohl er kaum etwas sagt zu diesem Zeitpunkt (viel wird er auch später nicht erzählen), weiß man, dass er es schwer hat. Man beginnt zu ahnen, dass er von seinen Klassenkameraden gehänselt und drangsaliert wird, dies nur oberflächlich gelassen und teilnahmslos hinnimmt, innerlich aber nach und nach kaputt geht. Als der Junge sein Messer zieht und auf einen Baum einsticht, als wäre es einer seiner Peiniger wird das Geahnte realer.

Zu diesem Zeitpunkt ist dieser Film mehr Jugendfilm, als Horrorfilm. Trotz der kommenden Ereignisse wird dies eigentlich immer so bleiben. Man kann „So finster die Nacht“ entweder als ungewöhnlichen Jugendfilm oder als ungewöhnlichen Horrorfilm betrachten. Wie auch immer man sich entscheidet, das Adjektiv „ungewöhnlich“ bleibt.

Der Junge heißt Oskar und hat wirklich kein einfaches Leben. Wie schon vermutet, wird er in der Schule wirklich regelmäßig fertiggemacht. Sein einziger Ausweg aus diesen Situationen ist das stille Erdulden. Freunde hat er nicht. Das, was einem Freund am nächstem kommt, ist sein Vater, der in Trennung von seiner Familie lebt und den Oskar ab und an besuchen kann. Zu Beginn des Filmes sind dies die einzigen Momente, in denen er lächelt.

Vieles ändert sich, als Oskar neue Nachbarn bekommt. Der Ton des Filmes ändert sich hingegen nicht, obwohl sich inhaltlich eine grobe Wende von dem bisherigen Jugenddrama abzeichnet. Die neuen Nachbarn haben augenscheinlich eine Tochter, mit der sich der schüchterne Junge langsam anfreundet. Sicherlich ist sie etwas merkwürdig, aber auf eine eine ganz bestimmte Art übt sie eine große Faszination auf Oskar aus. Eli heißt das Mädchen, doch was genau es mit ihr auf sich hat, wird Oskar erst nach und nach klar. Dem Zuschauer werden schon früher recht eindeutige Hinweise gegeben, dass Eli eine kleine Vampirin ist. Beinahe selbstverständlich umschifft „So finster die Nacht“ jegliches Klischee. Nein, sie ist nicht mit einem Umhang unterwegs, diese Vampirin ist keineswegs glamourös. Nein, Eli ist eine ebenso verlorene Person, wie Oskar. Ihre einzige Verbindung zur Außenwelt (und ebenso Nahrungslieferant) ist ein älterer Mann, von dem man nicht weiß, in welcher verwandtschaftlichen Beziehung er mit der kleinen Blutsaugerin steht.

In Oskar findet sie einen gleichaltrigen Freund (obwohl sie wohl deutlich älter ist, als der 12-jährige Körper, wie sich später herausstellen soll). Beide knüpfen nach und nach zarte Bande und auch als Oskar langsam dahinterkommt, wer Eli denn wirklich ist, sind seine Gefühle für sie stärker als jede Angst oder Abscheu.

Dass im Verlauf des Filmes noch dramatische Situationen entstehen, soll hier nicht verschwiegen werden, manche dieser Konfrontationen sind sogar recht explizit dargestellt, doch im Vordergrund steht eindeutig die ungewöhnliche Beziehung zwischen Oskar und Eli. Und genau dies macht diesen Film zu etwas Besonderem! Speziell die beiden Kinderschauspieler liefern eine Leistung sondergleichen ab. Oskar wird gespielt von dem kleinen Kare Hedebrant, der es schafft, unglaublich viele Gefühle, nur mit seiner Mimik und seinen traurigen Augen zu erzeugen. Sein Spiel ist ungewöhnlich (dabei immer realistisch) und geradezu hypnotisch. Seine nicht ganz menschliche Angebetete steht ihm in Nichts nach und wird ebenso fesselnd von Lina Leandersson dargestellt, die es schafft jegliche Klischees zu umschiffen, ihrem Spiel aber trotzdem immer einen Hauch Bedrohlichkeit hinzufügt. Im wahrsten Sinne des Wortes ist das ganz großes Kino, dass die beiden da auf die Leinwand zaubern, so dass man vor ihnen einfach den Hut ziehen muß. Ob die Beiden in ihren folgenden Rollen auf einem ähnlichen Niveau weitermachen können, ist zumindest fraglich, man wünscht es ihnen auf jeden Fall. Alle anderen Schauspieler füllen ihre Rollen allesamt gut aus, dies gilt sowohl für die anderen Jugendlichen, als auch für die Erwachsenen, doch hinter den Leistungen der beiden Hauptprotagonisten, auf deren Schultern auch der gesamte Film lastet, bleiben sie zwangsläufig etwas blaß.

„So finster die Nacht“ konnte auf diversen Festivals Preise abräumen und tat dies völlig zu Recht! Selten hat man einen Film mit solch einer grandiosen Atmosphäre gesehen, der eine völlig unaufgeregte Erzählstruktur hat, in ruhigen Bildern schwelgt und dabei dennoch eine enorme emotionale Spannung erzeugt. Es geht nur zweitrangig um den Horror (den es hier natürlich dennoch gibt), sondern um die Faszination, die von den Charakteren ausgeht und mit denen man mitfiebern muß. Die angenehm diffuse Stimmung, die der Film erzeugt, zusammen mit dem Nichtfestlegen auf ein Genre, machen aus „So finster die Nacht“ einen beeindruckenden Filmgenuß, gerade weil er sich den amerikanischen und beinahe allgegenwärtigen Konventionen des Genres nicht beugt, und nur auf den ersten Blick etwas „sperrig“ daherkommt. Kaum hat man sich auf den Film und die Charaktere eingelassen, ist man auch schon mitten drin. Würde der Film nicht auch einige recht explizite Szenen enthalten, könnte man ihn auch Kindern in der Schule zeigen als das, was er ist, wenn man die Horror-Thematik abzieht: ein Lehrstück über Einsamkeit, Freundschaft und Liebe.

Sprach ich gerade von den amerikanischen Filmkonventionen an die man sich als Mainstream-Seher schon so unbewusst gewöhnt hat und die „So finster die Nacht“ so geschickt auslässt, muß man sagen, dass den Amerikanern zumindest nicht die Güte und vor allem der Erfolg dieses Films verborgen geblieben ist. Dies ist zwar einerseits gut und spricht grundsätzlich erst mal für Hollywood, doch wie es dort eben so üblich ist, gipfelt das Ganze in einem Remake. In diesem Fall kann man ganz sicher sein, dass es außer der grundlegenden Idee nichts mit dem Original zu tun haben wird. Dafür ist es eindeutig zu anders. Niemand sollte den Fehler begehen, sich diesen Film entgehen zu lassen und stattdessen nur das Remake zu schauen, also lieber jetzt zuschlagen und bei dem Remake dankend abwinken...

Fazit:

9 / 10

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