Ansicht eines Reviews

Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra (2008)

Eine Kritik von directorcut (Bewertung des Films: 7/10)
eingetragen am 17.09.2008, seitdem 922 Mal gelesen


Der Mafiafilm erlebte spätestens nach Francis Ford Coppola’s Erfolgsfilm The Godfather (Der Pate) eine ungeahnte Blüte. Dieser Film wird aktuell auf Platz 2 der Bestenliste der IMDb geführt (knapp dahinter auf Platz 3 The Dark Knight). Nur wenige Plätze dahinter positioniert sich Goodfellas des italienischstämmigen Martin Scoresese, der auch persönlich gute Kontakte zu der verfilmten Untergrundstruktur pflegte. All diesen Filmen ist gemein, dass sie sicherlich ein Idealbild der amerikanischen Mafia porträtieren, die Glanz und Glamour mit Mord und Totschlag verbindet. Wesentlich näher an der Realität lagen schon immer die Filme aus Italien. Sie sind bodenständiger und einfach schmutziger, näher am einfachen Menschen, der in einem Geflecht aus Verbrechen und Politik gefangen ist. Matteo Garrone hat den Reportage-Bestseller des Schriftstellers Roberto Saviano verfilmt, der sich mit den mafiosen Strukturen der Camorra im Süden Italiens beschäftigt hat.

Der Film entwickelt fünf Handlungsstränge, die direkt nichts miteinander zu tun haben, aber dennoch durch eine übergeordnete Instanz, der Camorra, unglücklich miteinander verwoben sind. Da ist der Junge, der in einer verwahrlosten Plattenbausiedlung aufwächst und durch eine Mutprobe (ein Schuss in seinen Oberkörper in eine kugelsichere Weste) zu einem Mafiamitglied wird. Nach ihm folgen noch mehr Kinder, die in einer Schlange geängstigt warten. Dann ein älterer Mann, der als Geldlieferant für die Organisation arbeitet und sich nur vorsichtig umschauend durch die Straßen bewegen kann. Erschreckend ist das herumlungernde Leben zweier Jugendlicher, die sich aus Zeitvertreib mit Drogendealern und der Mafia selbst anlegen und von ihr Waffen stehlen. Mit diesen posieren sie wie in einem Rambo-Film an einem Flussufer und geben Schüsse in die Ferne ab. Ein Schneider versucht sich nebenbei noch ein paar Euro mehr zu verdienen und gibt einer Hundertschaft von Chinesen heimlich, nachts Nachhilfeunterricht im richtigen Umgang mit Nadel und Faden. Schließlich ein Geschäftmann, der mit einer gefälschten Müllabfuhrfirma toxische Abfälle entsorgt.

Die Camorra, und das macht Garrone von Anfang an deutlich, liegt bleischwer auf diesem Landstrich in dieser eigentlich wunderschönen Gegend Italiens. Sie durchdrängt das Leben eines jeden Einzelnen, sei er noch ein Kind oder ein alter Mann, und es gibt keine Gewalt, die sich gegen sie stellen könnte. Jeder steckt nun einmal mittendrin. Der Autor Roberto Saviano sprach es ganz offen aus, indem er sagte, dass jeder von der Camorra wüsste und sie selbst auch keine Anstalten macht, sich im Verborgenen zu halten. Es dürften bloß keine Beweise gegen sie auftauchen. Indizien gibt es aber genug, die jedoch nie für eine Anklage reichten. Denn gerade diese Indizien streichen ja die besondere Macht der Mafia heraus, die die Angst vor ihr schüren.

Garrone bleibt ganz auf Distanz zu seinen Figuren. In seinem dokumentarischen Stil begleitet er sie durch ihr Leben und zeigt ohne falschen Pathos ihr naives, ängstliches oder überhebliches Handeln. Dadurch wird eine Selbstverständlichkeit des Tötens und Sterbens in dieser Gesellschaft erfahrbar, die hierzulande fassungsloses Erstaunen hervorruft. Der nicht einmal Zehnjährige, der mit seiner Pistole spielt, verlautbart in einem Gespräch mit seinen Freunden, dass er das Risiko des Ermordetwerdens durchaus in seine Lebensplanung mit einschließt. Nach einer Runde Poker ziehen bierbäuchige Mitte-Fünfziger los und erschießen in Freizeitklamotten am menschenleeren Strand zwei Teenager. Die Justiz ist in den Händen eines jeden Bürgers und es genügt oft eine Unachtsamkeit, ein falsches Wort, um zur Zielscheibe zu werden.

Man kennt solch ein Szenario schon aus dem brillanten Film City of God, der von einer zweischneidigen Freundschaft zweier Jungs in den Slums von Rio de Janeiro erzählt. Doch so nah und mitten in Europa vermutet man ein solches Treiben nicht. Es ist aber näher, als man denkt. Leider vermag es der Film nicht, das muss wohl dem Dokumentarstil des Regisseurs zugeschrieben werden, den Akteuren eine wirkliche Tiefe zu verleihen. Dadurch wirkt Gomorrha etwas blutarm, was nicht für die optischen Effekte spricht. Daraus ergibt sich auch über die Distanz der 135 Minuten Laufzeit eine gewisse Länge, die nicht immer durch Spannung abgefedert werden kann.


Surprise me!
"Surprise me!" BETA
Lassen Sie sich überraschen! Wir führen Sie zu einem zufälligen Treffer zu einem Thema Ihrer Wahl... Wollen Sie eine andere Kritik von "directorcut" lesen? Oder ein anderes Review zu "Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra (2008)"?


Zur Übersichtsseite des Films
Liste aller lokalen Reviews von directorcut

Zurück





Copyright © 1999-2012 KI Media GbR
Alle Rechte vorbehalten.
Nutzungsbedingungen · Werben · Impressum
Hosted by Net-Build



Quicksearch






User-Center

Benutzername: 
Paßwort:
Login nur für diese Sitzung:

·

671 Besucher online





Abonnement


Abonnement - Bitte erst anmelden
Melden Sie sich bitte an, um Abonnements vornehmen zu können



Neue Reviews


Auf der Jagd (1998)
True Justice [TV-Serie] (2010)
Sexual-Terror der entfesselten Vampire (1971)
Ich spuck auf dein Grab (1978)
Paragraph 78: Punkt 1 (2007)



News


Unser News-Bereich wurde überarbeitet und wird in Kürze weiter ausgebaut werden, damit Sie stets aktuell über alle Neuigkeiten rund um die Welt des Films informiert sind.

» Zum neuen News-Bereich