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Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra (2008)
Eine Kritik von Aufklärer (Bewertung des Films: 7/10) eingetragen am 05.08.2009, seitdem 493 Mal gelesen
Halten wir uns noch einmal kurz vor Augen, was Martin Scorsese, vor allem mit „GoodFellas“, für uns über „die Mafia“ herausgefunden hat: „GoodFellas“ ist, zunächst, Scorseses Gegenstück zu Francis Ford Coppolas viel beplatschtem Meisterwerk „Der Pate“. Den Glanz, die ehrbaren Gangster und das, scheinbar, funktionierende System aus Coppolas Variante entlarvt Scorsese mit einem nüchternden Blick als Illusion, als Fassade und, mehr noch, als bloßen Schein. Durchführung findet dieser Akt des Entmystifizierens bei Scorsese mit allen erdenklichen Tricks, die keinen Zweifel daran lassen, dass der Regisseur dringend daran interessiert ist, das Milieu ineinander zusammenfallen zu lassen. Das Frappante ist dabei an „GoodFellas“, und auch an „Casino“, letzten Endes die überaus sinnvoll gehaltene Balance von Dokumentation und Erzählung – an der sich das aktuelle Mafia-Drama „Gomorrha“, aus Italien, die Zähne ausbeißt.
„Gomorrha“ pflegt aber, trotz der verschiedenen Umgebungen, denen sich die Filme zugehörig fühlen, nicht nur eine periphere Verwandtschaft zu Scorsese. Der Film vermag zwar anderen narrativen und inszenatorischen Möglichkeiten verpflichtet sein, und doch verfolgt er dieselbe Intention wie Scorsese. Für deren Erreichen sucht sich „Gomorrha“ fünf grundverschiedene Protagonisten zusammen, die jeweils für ihre Episode gerade zu stehen haben. Der einzige Bezugspunkt, der allen Episoden innewohnt, ist ihr Milieu. So folgt am Ende, nach der klassischen Handlungsstrukturierung nach Episoden, das Zusammenpuzzeln der gesammelten Eindrücke zu einem abgeschlossenen Gesamtbild.
Das große Unglück von „Gomorrha“ ist angesichts dieses Konzeptes aber die Filmgeschichte, in der Filme wie eben dieser schon zuhauf existieren. Ganz spezial von der Camorra, der mächtigen Italien-Mafia, von der dieser Film erzählt, erfährt man redlich wenig. Was hier zählt, ist nicht der Informationsgehalt, sondern viel eher die Ausdruckskraft der Bilder und deren Wirkung. Wenn sich dann zum Schluss das Publikum nach viel Distanz und Authentizität seinen Reim auf die Geschehnisse macht, bleibt so das Funktionieren (oder Nichtfunktionieren) ebenso der Geist, nach dem die Menschen in dieser „Welt“ ticken, immer noch ein halbwegs unbeschriebenes Blatt.
Der Film reiht, statt dessen, ganz einfach, Bild an Bild an Bild. Das evoziert eine von Intensität geprägte Oberfläche. Doch diese Oberfläche erlaubt keinen Zugang. Das ist der Preis, den der Film für seine semidokumentarische Ader in Kauf nimmt. Selbstverständlich, diese Bilder sind von hoher filmischer Qualität und dennoch aber nie in der Lage, über ihren Schatten der Eindimensionalität zu springen.
Dass es dem Film denn als Erzählung an Sog, an Feuer und Flamme fehlt, ist dem Wirken als „echte“ Realitätsaufnahme geschuldet – so bleibt die zugrundeliegende Geschichte nichts weiter als eine Episode. Ohnehin kann „Gomorrha“ seine Anmutung als relativ konventionelle Genreware kaum verbergen. Der Handlung fehlt ständig ein starkes, tragfähiges Zentrum - auch ein Resultat des Authentizitätswahns.
Regisseur Matteo Garrone verdeutlicht auf diese Weise in der Summe eigentlich nur nochmal, wie viel Können hinter Scorseses Meisterwerk noch heute steckt. Sein Film kommt allerdings, in dieser Form, gut 20 Jahre zu spät.
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