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Aus dem Reich der Toten (1958)

Eine Kritik von Fastmachine (Bewertung des Films: 10/10)
eingetragen am 07.01.2006, seitdem 722 Mal gelesen


„Vertigo“ ist Hitchcocks Anatomie einer abgründigen Zwangshandlung zum Tode. Nur wer bereit ist, sich auf diesem Wege dem Film zu nähern, vermeidet die sonst unvermeidliche Enttäuschung, die schon viele Zuschauer beim ersten Ansehen spürten. Das Publikum erwartete von Hitchcock einen Thriller mit Krimispannung bis zum Ende, aber Hitchcock lieferte ihnen etwas rätselhaft Anderes.
Auch wenn es zu Beginn so aussieht und es zuweilen später immer wieder Phasen gibt, die auf einen Thriller deuten, bei dem es um die Enthüllung eines Verbrechens und seiner Hintergründe geht: dies ist nur der äußere Anlass für eine ganz andere Art von Spannungsentwicklung. Wer seine Wahrnehmung nicht verengt, wird schon früh seltsame Bilder und Dialoge bemerken, die beiläufig oder gar symbolisch verschlüsselt jene Abgründe andeuten, um die der Film spiralförmig kreist.

Zunächst gibt es eine Vorgeschichte zu sehen, die vermeintlich viel erklärt: Der Polizist Scottie (James Stewart) verfolgt in einer halsbrecherischen Jagd über die Dächer von San Francisco einen Kriminellen. Ein Fehltritt, und er rutscht ab, wenig trennt ihn vom Sturz in die Tiefe. Durch eine fatale Verkettung stürzt aber nicht er, sondern ein Polizist, der ihn eigentlich retten will, in den Abgrund. Traumatisiert durch die Katastrophe, bleibt bei Scottie eine Höhenangst zurück, die ihn dienstunfähig macht.
Wer Zwei und Zwei zusammen rechnen kann, meint jetzt schon zu ahnen, was später im Film wohl unvermeidlich geschehen wird. Nämlich die Höhenangst als spannungsförderndes Element bei Verfolgungsjagden. So weit, so gewöhnlich.

Schon die nächst Szene verrätselt die vermeintlich simple Ausgangssituation. Hier trennen sich die Wahrnehmungswege. Hitchcock füttert uns mit offensichtlichen Inhalten und nebenbei mit seltsamen. Das Offensichtliche: Im Büro seiner alten Freundin Midge (Barbara Bel Geddes) werden wir Zeuge von Scotties schwerem Trauma. Er kann kaum einen Stuhl besteigen. Währenddessen unterhalten sich Midge und Scottie scherzhaft, da sie alte Freunde sind und vor langer Zeit auch mal mehr als das.
Fast unbemerkt ereignet sich das wahrhaft Seltsame und Abgründige dieser Szene. Im scherzhaften Gespräch hebt Midge kurz die Augen.
Ein Blick von ihr entfaltet die Vergangenheit der beiden und belässt doch alles im Rätsel. Wieso waren sie verlobt? Warum nur drei Wochen? Wieso gibt es nur Scottie für sie? Warum blieb Scottie unverheiratet? Was sind dies für seltsame Menschen?
Hier zeigen sich die ersten Risse in der Fassade der zunächst simpel charakterisierten Hauptperson.

Jetzt erst beginnt die Handlung. Oder genauer das, was wir, zusammen mit der Hauptfigur, längere Zeit für die Handlung halten werden.
Ein alter Schulkamarad bittet Scottie, seine Frau Madeleine (Kim Novak) zu beschatten, da diese unerklärliche psychische Anomalien zeige. Phasenweise scheint eine fremde Persönlichkeit von ihr Besitz zu ergreifen. Sie unternimmt Reisen durch die Stadt, an die sie sich später nicht mehr erinnern kann.
Scottie nimmt die Verfolgung auf und wird von der blonden, wunderschönen Madeleine in den Bann gezogen. Die einzelnen Phasen ihrer Beziehung können hier außen vor bleiben. Madeleine zieht Scottie in einen Abgrund, der jedoch wo ganz anders liegt, als Scottie und die Zuschauer vermuten. Zwei Personen, beide von psychischen Zwängen beherrscht, kommen sich näher und steuern auf kein gutes Ende zu.
Hitchcock spricht weiter mit doppelter Zunge zu uns. Er stellt uns rätselhafte, ja verdächtige Geschehnisse vor die Augen. Wir versuchen die Hintergründe des Geschehens zu ermitteln und haben dabei Erfolge, die uns nicht recht froh machen. Alles was Madeleine tut, ist rätselhaft. Sie scheint von Carlotta, einer Toten, besessen und besucht Orte, die mit der toten Carlotta im Zusammenhang stehen. Obwohl Scottie immer mehr über Carlotta/Madeleine herausfindet, schwindet nicht der Schleier des Unwirklichen, der über allen Handlungsschritten lastet.
Dies ist die eigentliche, in jeder Hinsicht herausragende Leistung des Films. Hitchcock komponiert traumartige Landschaften von rätselhafter Schönheit: den Friedhof, das alte Hotel, der Wald mit den Mammutbäumen und die spanische Mission. Die Bilder faszinieren auf eigentümliche Weise, und doch bleiben wir immer mit einem Gefühl der Leere und Unbefriedigtheit zurück. Es werden durch die Handlung Erklärungen und Auflösungen geboten, die uns aber trotzdem nicht ganz zureichend erscheinen, weil die Bilder nicht von den Handlungslösungen erschöpft werden. Doch das Totenreich greift auf ganz andre Art, als wir zu ahnen glauben, in die Welt der Lebendigen ein.
Die Handlungsstränge, das heißt der Krimi und die angedeutete Liebesgeschichte, scheinen schon auf halber Strecke brutal zu Ende gebracht zu werden und zwar auf schlimmstmögliche Weise. Wie es geschieht, hatte jeder geahnt, der das seit Beginn angeschlagene Thema „Höhenangst“ logisch zu Ende gedacht hat: Scottie muss Madeleine tatenlos zusehen, wie sie sich von einem Kirchturm zu Tode stürzt.

Man ärgert sich in einem ersten Impuls über vieles an der Handlung und an ihren Wendungen. So schwer es zunächst fällt, man sollte sich diesem Impuls nicht ausliefern. Herausgegriffen sei stellvertretend ein Aspekt.
Warum wird im weiteren Verlauf überhaupt nicht mehr auf Midge eingegangen, die in dem ersten Teil des Films doch so eine große Rolle spielte, deren nie ganz auslotbares Geplänkel mit Scottie eine solch tragende Rolle zu spielen schien? Warum wird einer Figur zunächst so ein scheinbares Gewicht als Hauptfigur gegeben, um sie dann ganz sang- und klanglos von der Bühne zu nehmen?
Trotz der gescheiterten Beziehung zu Scottie will Midge nicht loslassen. Sie ist unausgesprochen eifersüchtig. Migde will Carlotta sein. Doch ihr Versuch, durch ein selbst gemaltes Ölbild mit Carlotta zu verschmelzen, scheitert auf lächerliche und doch tragische Weise. Scottie entgleitet ihr endgültig, gefangen und fasziniert von der Spirale in den Abgrund.
Damit ist alles gesagt, was zu sagen war. Denn es geht nicht um Midge als Handlungsfigur, die durch irgendwelche Taten zur Aufklärung des Verbrechens beitragen könnte. Es geht um Midge als Element in der traumatisierten Psyche von Scottie. Und um es auf den Punkt zu bringen: Es geht um das endgültige Überwinden einer sexuellen Enttäuschung, die Scottie und Midge miteinander erlebt hatten. Scottie spürt, dass Midge keine Lösung für seine Probleme sein kann.

Mit dieser Einsicht deutet sich schon das eigentliche Thema von „Vertigo“ an. Es handelt sich eben nicht um eine billige Schauergeschichte „Aus dem Reich der Toten“, sondern um die komplexe Selbstbefreiung Scotties aus seinem psychischen Abgrund. Dieser psychologischen Bewegung wird soviel Gewicht gegeben, dass die eigentliche Auflösung des Kriminalfalls fast zu einer nebensächlichen Folge wird. Es kommt hierauf auch nicht mehr an. So beginnt die zweite Filmhälfte mit einem Zufall. Schienen zunächst alle Fäden durchgehauen, so gibt blanker Zufall dem psychisch ruinierten Scottie wider Erwarten noch einmal die Fäden in die Hand.

Auf der Straße. Ein zufälliger Blick auf eine Frau: Brünett, aber doch eine Anmutung der Formen, die Scottie sofort veranlasst, ihr zu folgen. Zwanghaft getrieben, wird er bei der Frau, die unter dem Namen Judy Barton lebt, vorstellig und möchte mehr über sie erfahren.
Fast jeder, nur aus statistischen Gründen sage ich „fast“, eigentlich müsste ich sagen: jeder, also jeder andere Regisseur hätte die Identität der geheimnisvollen Frau zum Spannungsmoment gemacht. Ist sie es oder ist sie es nicht? Doch Hitchcock nimmt dieser vermeintlich richtigen und logischen Thrillerfortführung sofort das Geheimnisvolle: Sie ist es, wie uns eine zwischengeblendete Erinnerungsszene Judys sofort klarmacht: Schlimmer noch. In dieser Rückblende wird uns nicht nur der wahre Hergang der Ereignisse im Kirchturm gezeigt, sondern auch noch die Hintergründe des Geschehens vollständig enthüllt. Damit hat sich der Krimi erledigt.
Nichts dürfte „Vertigo“ beim Kinostart so geschadet haben, wie diese dramaturgische Entscheidung Hitchcocks. Womit will er die immerhin noch sehr erhebliche Restlaufzeit des Films füllen? Weitere oder neue Enthüllungen zu den Hintergründen - soviel sei verraten - gibt es nicht. Der Rest des Films besteht aus einem seltsamen Zusammenspiel von Judy/Madeleine und Scottie, das unausweichlich, wie jeder Zuschauer bald ahnt, wiederum auf den Kirchturm zuführt, wo es zum dramatischen Finale kommt.

Wir erleben ein Spiel mit verkehrten Rollen. Hatte in der ersten Hälfte Madeleine ihr Spiel mit Scottie gespielt, so zwingt dieser Judy nun zu einer makabren Form von Sühne durch psychische und körperliche Nachempfindung des damals Geschehenen. Scottie übt so lange Druck auf Judy aus, bis diese sich in Kleidung und Aussehen ganz in Madeleine verwandelt hat. Er zwingt sie einerseits, andererseits unternimmt die von Schuldgefühlen gefangene Judy auch keine Versuche der Gegenwehr. Wieder bewegen sich beide zwanghaft unausweichlich auf den Abgrund zu, psychisch und physisch, denn die Entscheidung kann nur am Ort des Verbrechens auf dem Kirchturm erfolgen.
Judys Verwandlung in Madeleine räumt Hitchcock viel Zeit ein, die körperliche Rückverwandlung wird gleichsam zum Symbol des geistigen Nacherlebens. Die ungute Atmosphäre, das mit fast sadistischem Genuss von Hitchcock inszenierte Theaterspiel, mit dem Scottie Judy quält, all dies dürfte dem Film zur Entstehungszeit viel Sympathien gekostet haben. Der geradezu grausame Zug Scotties, die zwanghafte Unerbittlichkeit und die Rücksichtslosigkeit, mit der er seine eigene psychische Erlösung betreibt, haben auch abstoßende Züge.
Noch sperriger erweist sich die absonderliche Auflösung der Rätsel, die jeder Art von Happy End hohnspricht, ja sich für die Person, die hinter dem Verbrechen steht, überhaupt nicht mehr interessiert. Nur der psychische Zwang konnte aufgelöst werden, zu einem sehr hohen Preis.

Es dauerte Jahre, bis der Film die volle Anerkennung fand, die ihm zusteht, nämlich als einem der großartigsten unter den vielen guten Filmen Hitchcocks. Wer will, kann die Bedeutung des Films an der Art messen, wie er spätere Filmmacher inspirierte. Der eindrucksvollen psychologischen Bildsymbolik von „Vertigo“ zollten viele Regisseure ihren Tribut und zitierten nach Leibeskräften. Paul Verhoevens „Basic Instinct“ geriet streckenweise zu einer Hommage an Hitchcock. Am seltsamsten und auf gewisse Weise am konsequentesten entwickelte der japanische Film „Uzumaki“ das Vertigomotiv der tödlichen Spirale weiter, in dem er es auf surreale Art wörtlich nahm.

Fazit: Als Krimi geradezu empörend fehlkonstruiert, als Thriller an vielen Stellen zu lang: Genrefreunde werden mit „Vertigo – Aus dem Reich der Toten“ nicht froh. Kaum jemand wird sich da ausnehmen: beim ersten Ansehen hinterlässt der Film Irritationen. Bei manchen führen die Irritationen zu Enttäuschung und Verärgerung, nicht unberechtigt übrigens. Bei anderen werden die Irritationen zu einem Befremden führen, das zum Anlass werden kann, seine eigene Wahrnehmungsperspektive zu überdenken. Wie auch immer: Mehrmals ansehen – sonst kann man kaum den Meister am Werk erkennen: Alfred Hitchcock bei seiner bösen, ja unterschwellig sadistischen Anatomiestunde, die er einer traumatisierten Seele angedeihen lässt, welche unentrinnbar in Spiralen auf den Abgrund zusteuert, weil sie nur dort Befreiung vermutet.


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