Eine Kritik von PierrotLeFou (Bewertung des Films: 9/10) eingetragen am 12.06.2008, seitdem 828 Mal gelesen
Sergio Corbucci hat mit Django (1966) kurz vorher einen der bekanntesten Italo-Western abgeliefert und damit einen der berüchtigsten Revolverhelden kreiiert, der sowohl die deutsche Titelschmiede wie auch Alejandro Jodorowsky inspirieren sollte. Nun ist Django auch ein kleines Meisterwerk des Genres, nur eben die Figur des Revolverhelden stößt - zugegebenermaßen eher rückblickend vor dem Hintergrund des mittlerweile zum Klischee gewordenem Charakters - ein wenig auf... Damit beginnt eine Entwicklung, die etlichen Western schlecht bekam: Man trieb nämlich im Überbietungswahn die Treffsicherheit (in jeder Hinsicht) des Helden auf die Spitze und so entstanden dann spaßige aber völlig überzogene Duelle wie in „C'è Sartana... vendi la pistola e comprati la bara" (1970) von Carnimeo die dem Genre jede Ernsthaftigkeit absprachen und auch Corbucci schien diesen Umstand zu bemerken und legte viele der folgenden Western (von denen „Il Mercenario" (1968) nicht zuletzt wegen des grandiosen Soundtracks einer der bemerkenswertesten sein dürfte) gleich als Komödie an.
Mit „Il grande Silenzio" liefert er jedoch einen ernsthaften Western ab, der sowohl humoristischen Tönen überwiegend absagt (sieht man von der etwas konfusen Figur des Sheriffs ab) als auch der Gefahr entgeht als ernster Film an nicht ernst zunehmenden Helden zu kranken... (zwar gibt es auch hier ein unglaubwürdiges, an Lucky Luke Comics erinnerndes „Kartoffel-Schießen", aber zum einen ist das nur eine winzige Sequenz im ansonsten vor solcherlei Szenen freien Film, zum anderen passt diese Szene - sicherlich nicht so angelegt - als grimmiger Gag, denn während ausserhalb Ausgestoßene an der Grenze zum Verhungern dahinvegitieren, herrscht in Snow Hill ein solcher Überfluss, dass lebensmittel auch schonmal als Zielscheibe herhalten können.)
Der „grande Silenzio" (Jean-Louis Trintignant) ist ein stummer Rächer, dessen Eltern vor Jahren auf heimtückischste Art von Kopfgeldjägern niedergemeuchelt worden waren während ihm selbst als einzigem Zeugen die Stimmbänder durchtrennt wurden. Nun richtet er (Achtung: Spoiler) gegen Bezahlung einen Kopfgeldjäger nach dem anderen ohne dabei jedoch gegen das Gesetz zu verstoßen, denn er schießt erst, wenn sein Gegner nach der Waffe greift. Ergibt sich ein Gegner, so schießt er ihm seinen Daumen ab - dieses ist auch mit Pollicut geschehen, der damals bei der Ermordung der Eltern beteiligt war und mittlerweile als Friedensrichter in Snow Hill tätig ist. Dort nutzt er seine Position aus um persönliche Interessen zu verfolgen und arbeitet mit dem gewissenlosen aber beherrschten und kühlen Kopfgeldjäger Loco (Klaus Kinski) zusammen. Dieser verdient seinen Lebensunterhalt mit dem mitleidlosen Geschäft und die den Film durchziehenden Schneelandschaften - die dem Film einen gewissen Reiz zukommen lassen - kommen ihm dabei zur Hilfe (im Schnee verstaut er seine Opfer um sie auf dem Rückweg einzusammeln). Nicht nur der von der Witwe eines Ermordeten auf Loco angesetzte Silenzio, sondern auch der neue Sheriff, dem die Geschehnisse in Snow Hill übel aufstoßen, haben es schnell auf Loco abgesehen. Dieser jagt derweil die ausserhalb Snow Hill lebenden, hungernden Ausgestoßenen, die auf eine angekündigte Begnadigung warten, auf die aber noch immer Kopfgeld ausgesetzt ist.
Zwischen Silenzio und der Witwe (Pauline, auf die es der Friedensrichter Pollicut abgesehen hat) entwickelt sich eine Liebesbeziehung (wobei der Geschlechtsakt ursprünglich als Bezahlung gedacht war), die von einer unglaublichen Melancholie durchzogen wird, den durch seine Stummheit bleibt Silenzio trotzdem eine Einsamer, ein allein gelassener Einzelgänger. Loco kann er jedoch so schnell nicht aus dem Weg räumen, da dieser einfach darauf verzichtet die Waffe zu ziehen. Der Sheriff hat nicht nur ähnlich wenig Erfolg, sondern muss sogar in der Auseinandersetzung mit Loco sein Leben lassen (an dieser Stelle findet sich ein kleiner Logikfehler im Film wieder: während die Waffen ohne ausreichend Wärme in der Schneelandschaft einfrieren und untauglich werden kann Loco problemlos ein von ihm im Schnee verscharrtes gewehr abfeuern). Daraufhin kann Loco auch die Ausgestoßenen als Geiseln nehmen, als sie die von mitleidigen Bürgern Snow Hills gesammelten Lebensmittel abholen wollen, und lockt mit ihnen Silenzio zur finalen Auseinandersetzung. Dieser leidet nicht nur seit einer Schießerei an einer Schußwunde und seit einer Auseinandersetzung mit Pollicut an einer starken Brandwunde an der rechten Hand, sondern auch an der Überzahl der Gegner, die an ein sauberes Duell gar nicht denken sondern aus dem Hinterhalt den Revolverhelden ins Visier nehmen. Letztlich unterliegt er... und Loco richtet erst noch die verzweifelte Witwe, dann die gesamten Ausgestoßenen und reitet am Ende der Belohnung entgegen.
Mehr noch als die im Western nicht unbedingt übliche Schneelandschaft und das großartige Spiel von Kinski und Trintignant überzeugt der Film vor allemin seinen tragischen Elementen: Trintignant ist nicht einfacher ein selbstsicherer, begabter Westernheld, sondern ein Gehetzter, der geradezu auf die Jagd nach Kopfgeldjägern konditioniert zu sein scheint und trotz seiner Erfolge sein Elend nicht mehr verbessern kann. Gerade sein starrer Blick ins Leere während er neben Pauline liegt fängt das Tragische gut ein. Er ist als tragische Figur viel interessanter als der ebenfalls grandiose Kinski... Schließlich ist er auch die (Original-)titelgebende Hauptfigur - im Deutschen kann das „Leichen pflastern seinen Weg" sowohl auf ihn als auch auf Kinski verweisen (Der deutsche Trailer suggeriert, dass sich diese Aussage auf Kinski bezieht, der damit zur titelgebenden Figur avanciert). Handwerklich ist der Film auch überaus gelungen, Kamera und Musik (von Ennio Morricone) sind hervorragend und nur ein „Trickeffekt" um den fehlenden Daumen Pollicuts (er hält ihn hinter seine Hand) lässt einen etwas unbefriedigt....
Der pessimistische Grundton, der im Tod des Helden gipfelt, ist eine weitere Stärke dieses Klassikers. Die negativen Charaktere des Films brauchen das Gesetz nicht zu fürchten (ganz im Gegenteil), der Friedensrichter selbst entpuppt sich als unmoralischer, skrupelloser Lump und Anflüge von Moral im Sheriff, im „grande Silenzio", in der Bardame, in Pauline führen bloß zum Verderben dieser Figuren. Dass für Japan gedrehte alternative Ende (hier siegen die Guten), das sich auf der Kinowelt-DVD ohne Ton und bei Youtube mit Ton anschauen lässt, wirkt vor diesem Hintergrund wie ein schlechter Witz und enthält auch noch die unglaubwürdigen Kampfsequenzen.
Insgesamt ist der Film ein Meilenstein des Italowesterns. Wegen minimaler Unsauberheiten (Logikschnitzer, Daumen-Effekt, etc.) und ein wenig Inkonsequenz im insgesamt sehr düsterem Ton (die Liebesszene ist womöglich ein klein wenig zu rührig geraten und der Sheriff wird - wie bereits bemängelt - ein wenig zu konfus-belustigend vorgeführt) „nur" 9/10.
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