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Strange Days (1995)

Eine Kritik von Moonshade (Bewertung des Films: 8/10)
eingetragen am 22.02.2002, seitdem 1269 Mal gelesen


So sollte eine gut geschriebene Mischung aus SF und Actionfilm aussehen: eine sparsam futuristische Realität, die gut an unsere angenähert ist; eine spannende, unterhaltsame und wohlkonstruierte Handlung; ausgezeichnete Darsteller und ein Plot, den man nicht binnen fünf Minuten durchschauen kann.

Kathryn Bigelow gehört zwar nicht zu meinen Lieblingsregisseurinnen, doch so unterschätzt und wenig erfolgreich "Strange Days" ist, muß man ihn einfach verteidigen. Vielleicht lag es daran, daß weder Riesenstars noch strahlende Helden anwesend waren oder das finale Gebräu dann doch weniger realitätskritisch als unterhaltsam ausfiel, daß der Film floppte, verdient hat er es jedenfalls nicht.

Zunächst einmal: der Story-Entwicklung wird reichlich Platz gegeben. Das Skript stellt die Figuren mit all ihren Problemen, Untiefen und Charakterzügen gleichauf mit der reichlich verzwickten Handlung, die in mehrere Stränge zerfällt, die mal nichts und mal alles miteinander zu tun haben, wie die Ermordung eines schwarzen Sängers, den Tod eines Vergrüngungsmädchens, den Handel mit CD-ähnlichen Bändern, auf denen man eigene Sinneswahrnehmungen aufzeichnen kann und auf denen Morde aufgenommen werden, zerstörte Beziehungen, unerwiderte Liebe, die politisch brisante politische und gesellschaftliche Situation kurz vor dem Jahr 2000 und vieles mehr.

Während sich die Geschichte langsam aber beständig entwickelt, entfalten sich die Charaktere nach und nach wie Blüten. Ralph Fiennes gibt eine wunderbar nuancierte Darstellung des Ex-Cops Lenny, der jetzt Squid-CD-Händler (und damit halbillegal) geworden ist und in diese Affäre ungewollt hineinschlittert, die für ihn Katharsis und Neuanfang zugleich sein wird. Angela Bassett dürfte die beste und gefühlvollste muskelbepackte Heroine sein, die das moderne Actionkinos aufzuweisen hat und durchlebt die ganze Skala der Gefühle, hauptsächlich um Lenny, den sie liebt und über den sie verzweifelt, weil er immer noch seiner verflossenen Liebe nachhängt. Bassett ist Kampfmaschine wie gefühlvolle Freundin und das macht die Darstellung so angenehm.
Juliette Lewis fügt ihrem Oeuvre eine weitere Schlampenrolle zu, die ihresgleichen sucht. Daneben gibt Tom Sizemore Lennys Freund Max, der ebenfalls nach und nach immer mehr ausgelotet wird. Michael Wincott ist ein herrlich ekliger Kontrahent und Vincent D'Onofrio und William Fichtner geben zwei verzweifelte und racheschnaubend mordlustige Polizisten.

Kennzeichnend ist, daß der Film an sich wie eine mit zeitweiser Action gespickte Zukunftsversion einer Detektivgeschichte aus der Schwarzen Serie ist. Unüberschaubar und kaum nacherzählbar geraten die unfreiwilligen Helden an immer neue Erkenntnisse, die erst nach und nach ein Bild ergeben. Zusätzlich angenehm die Ambivalenz aller Charaktere, dubios bis zur letzten Minute, ob nun jemand der positiven oder negativen Seite angehört. Der Film läßt einen so in der Schwebe und fördert die Aufmerksamkeit, denn spätestens beim Showdown scheint nichts mehr sicher zu sein, erst recht nicht, ob dieser Film positiv oder negativ endet. Die finale Konfrontation mitten auf den menschenüberfüllten Neujahrsstraßen ist dabei ganz ausgezeichnet dazu angetan, den Puls in die Höhe zu treiben, weil das Buch immer noch einen draufsetzt, wenn man denkt, alles gesehen zu haben.

Schön auch, daß hier mal mit dem immer noch in den USA verfemten Thema Liebe zwischen unterschiedlichen Hautfarben anders umgegangen wird, auch wenn es lange nicht danach aussieht.

Der Aufwand an Technik ist trotz nicht allzu ferner Zukunft beachtlich, die Kameraführung geradezu grandios und was die Atmosphäre betrifft, pustet einen der Film praktisch durch die Wand. Allerdings muß man mit einem halb heruntergekommenen Antihelden vorlieb nehmen, der zwar nicht schwächlich, aber doch ein Verlierer ist. Bekannte Rollenklischees werden tunlichst vermieden und das ist gut so. Der Härtegrad dabei ist übrigens beachtlich, wobei niemand verschont bleibt.

Natürlich hat den Film die kalendarische Realität bereits eingeholt, aber funktionieren tut "Strange Days" immer noch, so daß der Begriff "niveauvolle Unterhaltung" hier durchaus angebracht ist. Und spannende noch dazu. Für alle, die mal etwas anderes sehen wollen, absolutes Pflichtprogramm. (8,5/10)


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