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Wir waren doch Helden

Der Engländer Ridley Scott ist einer der wenigen Regisseure, der seit Jahrzehnten in schöner Regelmäßigkeit überdurchschnittliche Filme abliefert. In seinen besten Arbeiten gelingt ihm dabei häufig der Spagat, Anspruch und Kommerz zu einem harmonischen Ganzen zu verbinden. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass Scott in den unterschiedlichsten Genres wegweisende Werke geschaffen hat: Horror (Alien , 1979), Science Fiction (Blade Runner, 1982), Action (Black Rain, 1989) und Historienfilm (Gladiator, 2000).
Bis auf wenige Ausnahmen haben seine Filme einen düsteren, melancholischen Grundton, der durch seine ganz eigene Bildästhetik noch verstärkt wird. Überhaupt liegt hier die größte Stärke des aus der Werbung kommenden Filmemachers. Kaum einer schafft es wie Scott, Bilder zu kreieren, die sich dem Zuschauer regelrecht ins Gedächtnis einbrennen. Im kommerziellen Bereich können da nur noch Michael Mann und mit Abstrichen Brian de Palma mithalten. Scotts visueller Stil ist geprägt durch starke Farbfilter, opulente Sets und Dekors und großartige Totalen. V.a. sein Gespür für Massenszenen sowie seine Vorliebe für “barocke” Bilder prädestiniert ihn für monumentale Historienfilme.
Es ist ganz gewiss kein Zufall, dass Scott mit seinem Meisterwerk “Gladiator” (2000) die Renaissance des längst totgeglaubten Monumentalfilms begründete. Obwohl Scott wie bereits erwähnt in vielen Genres zu Hause ist, scheint er doch eine besondere Vorliebe für den historischen Spielfilm zu haben. Neben der römischen Antike (Gladiator, 2000) widmete er sich bereits dem Mittelalter (Königreich der Himmel, 2005) sowie der Frühen Neuzeit (1492, 1992). Der in die Zeitgeschichte fallende Kriegsfilm “Black Hawk Down” (2001) gehört ebenfalls in diese Reihe.
Der Film schildert den Einsatz von etwa 100 US-amerikanischen Elitesoldaten, die 1993 im ostafrikanischen Mogadischu eingekesselt werden. Bei dem Versuch, die versammelte Führungsriege des Warlords Aidid gefangen zu nehmen, gelingt es der somalischen Guerilla einen Black Hawk Hubschreiber abzuschießen und die amerikanischen Bodentruppen dank ihrer zehnfachen Überlegenheit in die Enge zu treiben. In einem fast 19-stündigen Feuergefecht gelingt es den Eliteeinheiten schließlich, sich zu ihrem Basislager durchzukämpfen.
Der Film beruht auf einer wahren Begebenheit vom 3.Oktober 1993. Nicht zuletzt aufgrund der zeitlichen Nähe ist hier das Bemühen um größtmögliche historische Authentizität zu spüren. Anders als der im Vorjahr entstandene “Gladiator“, wollte Scott hier keinen Abenteuerfilm vor historischem Hintergrund drehen, sondern ein historisches Ereignis so wirklichkeitsgetreu wie möglich nacherzählen. Während bei “Gladiator” reihenweise Altertumswissenschaftler Sturm liefen - weder Rüstungen, noch Gladiatorenkämpfe oder Mark Aurels Politik sind historisch korrekt - ist mir bei “Black Hawk Down” nichts Vergleichbares bekannt. Schließlich sorgten militärischen Berater dafür, dass jedes Detail der Ausrüstung, Waffen, Fahrzeuge etc. hundertprozentig stimmig war.
Die größte Stärke des Films sind dann auch die hervorragend choreographierten Kampfszenen. Ähnlich wie bei Spielbergs “Saving Private Ryan” meint man unmittelbar Teil des Geschehens zu sein, die Kugeln, Granaten und Raketen fliegen einem regelrecht um die Ohren. Der Krieg wird hier mit all seiner Wucht, Grausamkeit und v.a. Willkür dargestellt. Ob jemand getroffen wird, leicht oder schwer verwundet wird oder unversehrt bleibt, ist sehr oft reiner Zufall. Die Szenen sind sicherlich nicht kriegsverherrlichend, wirken aber durch Scotts visuelles Geschick einfach “stylisch” und trotz aller Handkamera und teilweiser Grobkörnigkeit auch ästhetisch. So bleibt letztlich ein fader Beigeschmack, denn die Action ist durch ihre wuchtige Inszenierung und Bildästhetik irgendwie “geil”. Den Krieg als schmutziges und unheroisches Hinschlachten zu zeigen, ist Spielberg in den ersten dreißig Minuten seines “Saving Private Ryan” jedenfalls besser gelungen. Gerade weil “Black Hawk Down” auch laut Scotts eigenem Regiekommentar keinesfalls ein Actionfilm im Kriegsgewand sein soll, ist hier durchaus Kritik angebracht.
Auch in seinem Anspruch auf den üblichen US-Hurra-Patriotismus zu verzichten, ist Scott nur teilweise erfolgreich. “Black Hawk Down” ist zwar weit entfernt von so triefigen Werken wie Mel Gibsons “We were Soldiers” oder der erheblich schlechteren zweiten Hälfte von Spielbergs “Ryan”, trotzdem gibt es auch hier das unumgänglich Abfeiern des amerikanischen Heldentums und militärischen Ausnahmekönnens. Schließlich haben die US-Eltieeinheiten (lediglich) 20 Tote zu beklagen, während der Gegner (angeblich) 500-1000 Gefallene aufweist. Selbst wenn man die ungleich bessere Ausbildung der Amerikaner anführt, erscheinen diese Zahlen auch vor dem Hintergrund der im Film gezeigten Schießereien mehr als unglaubwürdig. Die numerische Übermacht der somalischen Guerilla wird dann im Film für meinen Geschmack auch ein, zwei Mal zu häufig erwähnt.
Dazu kommen Szenen von absoluter Aufopferungsbereitschaft für die Kameraden, die hart an der Grenze zum Kitsch vorbeischrammen. Gerade die von Eric Bana und Tom Sizemore dargestellten Charaktere wirken völlig überzeichnet. Da kommen sie aus einem stundenlangen Feuergefecht in die sichere Basis zurück, haben selbst Verwundungen und tote Kameraden zu beklagen und haben nichts besseres zu tun, als - nachdem sie sich noch schnell das Blut abgewischt haben - sofort wieder “aufzusitzen” und in das Getümmel zurückzukehren. Das mag es in Einzelfällen geben, aber bestimmt nicht gehäuft. Zumal man hier ohne weiteres auf hunderte ausgeruhter Elitesoldaten zurückgreifen konnte.
Bei allen dargestellten Soldaten wird einem derselbe Eindruck vermittelt: Krieg wollen wir eigentlich nicht, es ist halt unser Job. Politik (und die USA) interessiert uns eigentlich auch nicht so sehr, uns geht es nur um den Kameraden neben uns. Den wollen wir schützen, retten, raushauen etc. Da fragt man sich, warum sie nicht Pfadfinder geworden sind.
Ganz am Ende entlarvt der Film sich und seine Botschaft schließlich selbst, wenn Josh Hartnett als durch das Gefecht gereifter, blutjunger Vorgesetzter bedeutungsschwanger kommentieren darf: “Keiner von uns wollte ein Held werden, aber manchmal passiert es einfach.” Das spricht für sich selbst und muss nicht mehr kommentiert werden.

Fazit:
Black Hawk Down” ist ein hervorragend choreographierter und photographierter Kriegsfilm, der allerdings seinem Anspruch den Krieg so zu zeigen wie er ist - oder gar als grausame Schlächterei zu entlarven - nicht gerecht wird. Dem unübertroffenen Meisterwerk in diesem Genre - Francis Ford Coppolas “Apocalypse Now” - kann der Film nicht das Wasser reichen. Wer allerdings auf anspruchsvolle, actionreiche Kriegsfilme steht, kommt voll auf seine Kosten.

(8/10 Punkten)

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