Eine Kritik von Fastmachine (Bewertung des Films: 6/10) eingetragen am 29.06.2004, seitdem 848 Mal gelesen
Fünf Jahre danach.
Nichts ist überholter als die Zeitung von gestern. Was gestern noch zum Aufmacher taugte, landet heute im Altpapier. Zwar hat sich jeder die Informationen rausgepickt, die ihn interessierten und nach Leibeskräften zum eigenen Nützen ausgewertet, indes: Dauerhaftigkeit billigt man der Zeitung nicht zu. Bleibt sie länger dem Tageslicht ausgesetzt, vergilbt sie schnell.
Das war der Aufmacher vor fünf Jahren:
Ein Programmierer in einem Konzern, der ein Doppelleben als Hacker (namens „Neo“) führt, spürt zunehmend, dass etwas nicht stimmt mit der Welt, die ihn umgibt. Eine Widerstandsbewegung nimmt Kontakt mit ihm auf und enthüllt ihm, was er nur dunkel geahnt hatte: Alles was er erlebt, ist ein Traum (so hätte man das früher gesagt), will meinen, eine von Maschinen erzeugte künstliche Realität – die Matrix. Schon früh im Film wird der Charakter der Matrix enthüllt, danach ist eigentlich immer säuberlich zwischen Traum und Wirklichkeit unterschieden. Die Brüchigkeit der Wahrnehmung und des Realitätsverständnisses spielt keine ernsthafte Rolle mehr – anders etwa als bei „Total Recall“ oder „eXistenZ“.
Mit der geradezu rührenden Naivität eines Lehrfilms führt Morpheus, der Kopf der Widerstandsgruppe, dem staunenden Neo die Möglichkeiten zur Wirklichkeitsmanipulation in der Matrix vor. Schon heute sieht das Ganze aus wie ein Kurs in der Art „Einführung in die CGI-Effekttechnik für Anfänger“. Damals mögen die Effekte noch neu gewesen sein, heute wirken sie banal. Genauso simpel geht es weiter: Damit überhaupt etwas passiert im Film, muss es krachen. Also werden Widerstandskämpfer, die in die Matrix eingeschleust werden, wie im Computerspiel mit virtuellen Waffen ausgestattet. Und los geht das sinnfreie, aber immerhin knallige Geballer. Um es etwas spannender zu machen (sonst wären die Filmtode der Helden ja wirklich nur so interessant wie ein „Game over“ im Spiel), kann man auch in der Realität sterben, wenn man in der Matrix stirbt. Erklärung: angeblich ist der psychische Schock zu stark. Also kein „Quit“, „Escape“, „Save“ oder „Return“.
Auf diesem Niveau bleiben auch die schauspielerischen Leistungen: Keanu Reeves, Carrie-Anne Moss und Laurence Fishburne agieren auf Actionfilm Standardniveau. Das Drehbuch lässt kaum Platz für mehr, die Helden sind hauptsächlich damit beschäftigt in ihren schwarzen Lederkluften cool zu wirken. Ob man das gut findet, hängt davon ab, wie man zu solchen Posen steht. Der Zwang zur Pose engt den Raum für eine Entwicklung der Charaktere ein. Menschlich berühren einen die Helden gar nicht, man findet eben ihr Gehabe geil oder platt, das war’s. Folglich wirkt dann der späte Funken von Emotion, der Kuss, mit dem Trinity Neo retten will, geradezu keusch und ziemlich aufgesetzt. So ist nicht verwunderlich, dass der einzig interessante Charakter kein Mensch ist, sondern der Agent Smith, ein Programm, das die Feinde der Matrix bekämpft. Hugo Weaving ist in dieser Rolle neben den ganzen Posern der einzig wirklich Coole.
Das wäre alles noch im Rahmen, jedoch wollten die Wachowski Brüder mehr als einen Actionreißer. Das Ganze sollte eine Art philosophisch untermalte Trilogie von Mensch und Maschine werden. Wohin das geführt hat, weiß nach dem zweifelhaften Genuss von Teil 2 und 3 jeder. Hier deutet sich in der Geschichte vom „Auserwählten“ Neo schon die kommende Katastrophe an. Immerhin ist Teil 1 in dieser Hinsicht noch erträglich. Warum einige Regisseure sich für begabte Philosophen halten, bleibt ein Rätsel für sich. Die Zuschauer müssen es ausbaden und die aufgeblasenen Plattheiten endlos prätentiöser Dialoge aushalten.
Matrix ist ein Märchen, das an alles und nichts erinnert. An alles, weil die Wachowski Brüder die SF-Literatur der 50er bis 70er Jahre inhaliert haben und längst bekannte Standards behäbig aneinander reihen. An nichts, weil sie genau diesen Eindruck durch konsequentes modisches Styling und hektischen Aktionismus vernebeln wollen.
Dies ist der entscheidende Unterschied zu einem anderen großen Ausbeuter der Trivialmythen der Filmgeschichte, Quentin Tarantino. Tarantino klaut zwar wie ein Rabe, kleistert aber allem nicht nur gefällig Modisches über, sondern prägt es völlig in den ganz und gar originellen Tarantino-Stil um, dem bloß Modisches ganz gleichgültig ist.
Die Wachowski Brüder sind erstaunlich unoriginell: Wie ein mieser DJ versuchen sie durch das schnelle Abspielen der angesagten Top-Ten-Tracks Eindruck zu schinden, während Tarantino, um im Bild zu bleiben, aus der Tiefe der Geschichte eine ganz und gar eigenständige Auswahl zusammenstellt, die sich beim Abspielen zu einem neuen, nie gehörten Ganzen zusammenschließt.
Nicht das man mich falsch versteht auf Grund der harschen Kritik: Matrix war einmal kein schlechter Film. Es war ein modischer Film, dessen Qualitäten eine sehr knapp bemessene Haltbarkeitsgrenze hatten. Fünf Jahre danach haben wir diese Grenze längst überschritten, zurück bleibt ein Streifen, über den sich schon eine vergilbte Schicht gelegt hat. Mode ist schnell und vergänglich. Wohl dem, der damals den Film gesehen hatte, als er neu war. Die später Hinzugekommenen dürfen aber trotzdem gerne mal das Ding aus der Grabbelkiste des modernen Antiquariats mit nach Hause nehmen. Ein zügiger Actionreißer bleibt es allemal. (8/10 vor fünf Jahren, heute 6/10).
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