"Will Eisner meets Frank Miller" und herausgekommen ist ein Zwitterwesen, das keinerlei Erwartungshaltung erfüllt. Aber ist der Film deshalb auch schlecht ?
Der wichtigste Bestandteil der "Spirit"-Comics sind die Frauen. Eisner konnte vorzüglich erotische Frauen zeichnen, ohne in typische Gefilde abzudriften. Er erfüllte mit seinen Bildern einerseits männliche Fantasien, andererseits kreierte er dabei so eigenständige, selbstbewusste und in der Regel den Männern überlegene Frauen, dass man sich auch heute noch ob der Modernität dieser Charaktere aus den 40er Jahren wundert. Dafür zuständig war Eisners ironischer Blick, denn sämtliche Frauen sind sich einig in ihrer Begeisterung für den "Spirit", was sie aber nicht davon abhält, ihn zu übervorteilen oder ihn ganz handgreiflich niederzustrecken. Die Begeisterung beruht auf Gegenseitigkeit, weshalb der Spirit in verblendeter männlicher Eitelkeit oft zum willigen Opfer wird. Bis er dahinter kommt und selbst zurückschlägt. Von dieser dauerhaften Auseinandersetzung zwischen Mann und Frau lebt Eisners Comic, denn mit der ausgewogenen Mischung von Sympathie und Antipathie analysiert er sehr genau den täglichen Kampf der Geschlechter.
Wenn Frank Miller in seinem Film nun die Riege der Frauen auftreten lässt, handelt er in Eisners Geist, aber er überfordert sein Publikum. Beginnend mit Loreley Rox (Jaime King), die als Sirene im Comic Fernfahrer anlockt, die dann überfallen und ermordet werden, über Silken Floss (Scarlett Johansson), der Physikerin und Medizinerin, die in einem Fall mit dem Spirit zusammenarbeitet , bis natürlich Sand Saref (Eva Mendes) ,seiner Jugendliebe, die er nach vielen Jahren wieder trifft, verkörpern diese nur einen kleinen Ausschnitt aus Eisners Epos. Miller lässt in seinem Film nicht nur jegliche Chronologie beiseite, sondern verändert auch die Umstände, in denen er die Frauen agieren lässt, denn diese trafen in den Comics nie aufeinander (mit Ausnahme von Ellen Dolan). Gleichzeitig setzt er aber die Kenntniss ihrer Charaktere beim Publikum voraus, denn keine der Protagonistinnen (ausser später Sand Serif) wird im Film ähnlich wie im Comic komplex vorgestellt.
Der Film basiert in seinem Grund-Szenario auf den zwei Sonntagsbeilagen vom 8. und 15.1.1950, die von "Sand Serif" erzählen. Es handelt sich also um zwei sehr späte Folgen der Spirit-Reihe, die Eisner von 1940 bis 1952 zeichnete (mit einer Unterbrechung während des 2.Weltkrieges), und es ist schon ein Ausnahmefall, dass zwei seiner immer 7 bzw.8-seitigen Stories inhaltlich aufeinander folgen. Die Geschichte handelt von einem versunkenen U-Boot, in dem ein Virus, der von den Nazis entwickelt wurde, verborgen ist. Sand Serif, bei der es sich um eine international agierende Spionin handelt, hebt diesen Virus und verkauft ihn an den sinistren Dr. Vitriol.
Miller macht aus Dr.Vitriol den "Octopus" (Samuel L.Jackson), einen frühen Gegner des Spirits, verändert den tödlichen Virus zu einem ewiges Leben versprechenden Blut und ergänzt diesen Fund noch mit einem wertvollen Diamanten, hinter dem Sand Serif im Grunde nur her ist. Für die Jagd nach Edelsteinen ist aber im Comic "Silk Satin" zuständig, deren Charakter Miller mit dem der "Sand Serif" verbindet. So wie er Silken Floss an die Seite des Octopus stellt, Lorelei Rox unter Wasser schickt und "Plaster of Paris" (Paz Vega) Tanz vor dem gefesselten Spirit (Gabriel Macht) auch aus einer anderen Geschichte zitiert.
Trotz dieser Veränderungen ist Miller gleichzeitig ganz nah am "Spirit", denn letztlich setzt er seinen Film nur aus tatsächlich vorhandenen Details der Comic-Serie zusammen (auch die Nazi-Episode wurde von Eisner gezeichnet). Viele Blickwinkel, für die Eisner berühmt wurde, werden im Film zitiert, genauso wie diverse Bemerkungen, wenn der Spirit etwa erwähnt, dass 10 Minuten keine Bedeutung haben, als er und Commissioner Dolan so lange warten müssen. Nur muss man dafür wissen, dass Eisner eine Folge diesen 10 Minuten widmete, in denen ein Leben zerstört wird (eine seiner sozialkritischsten Episoden), um diese Ironie zu verstehen.
Besonders stark zeigt sich Millers Verzicht auf eine Einführung für den des Comics Unkundigen bei den zwei wichtigsten und einzig immer wiederkehrenden Figuren neben dem Spirit - Commissioner Dolan (Dan Lauria) und seine Tochter Ellen (Sarah Paulson). Im Film ist Ellens ambivalente Haltung zum Spirit weder erklärt noch in ihrer Entwicklung nachvollziehbar, genauso wie die väterliche Beziehung zwischen Dolan und dem Spirit. Auch die Entstehungsgeschichte des Spirits, die hier etwas verfälscht wieder gegeben wird, lässt den wichtigen Part dieser beiden Figuren raus.
Im Gegensatz zu Millers Film lebt der Comic von seiner Mischung aus Surrealität und einer sehr genau beobachteten Realität, weshalb die zeichnerische Darstellung von Prügeleien und Schiessereien nie den slapstickartigen Charakter des Films annehmen. Miller betont dagegen die unrealistischen Fakten und lässt Eisners sehr kritischen Blick auf seine Umwelt weg, womit er den "Spirit" zu einer Art Superheld erhebt, der er im Comic nicht ist.
Letztendlich stellt sich die Frage, warum ein eher unbekannter Comic, der zwar stilbildend ,aber nie besonders populär war, überhaupt verfilmt wurde ? - Bedenkt man zudem, dass Eisner seinen Comic nur in Form von Kurzgeschichten veröffentlichte (bis auf eine kurze, dem optisch innovativen Anspruch widersprechende Phase des täglichen Zeitungsstrips), in denen der Spirit zunehmend zur Nebenfigur wurde, dann fehlte fast jede Grundlage für einen abendfüllenden Spielfilm. Unter diesen Voraussetzungen muss man Miller hohe künstlerische Kreativität zusprechen. Er nahm zwei Kurzgeschichten als Grundlage, würzte sie mit einer Vielzahl Personen und Details aus anderen Geschichten und unterwarf alles seinem persönlichen optischen Stil, der die Bilder in Schwarz-Weiß und Rot taucht.
Herausgekommen ist ein Film, der zum genaueren Verständnis voraussetzt, den Comic zu kennen, der aber auch den Eisner-Liebhaber nicht befriedigt, weil Miller seinen eigenen Stil durchsetzt und sich erhebliche Freiheiten herausnimmt. In einem Punkt ist der Film dem Comic sehr ähnlich - in seiner sperrigen Unzugänglichkeit. Auch in den Comic musste man sich einfinden. Erst wenn man mehrere Folgen des Eisnerschen Epos gelesen hat, begreift man die inneren Zusammenhänge, gewöhnt man sich an den diffusen Helden-Charakter, der einmal hundert Schläge einstecken kann und ein anderes mal sofort flach liegt, versteht den ironischen Blick auf das Mann-Frau Verhältnis und lernt die erzählerische Dichte innerhalb der sehr kurzen Geschichten schätzen.
Eisners "Spirit" ist als Comic-Kunst inzwischen anerkannt, Millers "Spirit" wirkt dagegen unfertig, chaotisch und manchmal etwas eindimensional. Aber er ist skurril, surreal und auf eine nicht alltägliche Art unterhaltend. Vielleicht gewinnt er mit der Zeit auch dazu (7,5/10).