Eine Kritik von McClane (Bewertung des Films: 8/10) eingetragen am 07.08.2009, seitdem 1436 Mal gelesen
Lange Zeit war es still um Actionlady Kathryn Bigelow, doch nun meldet sie sich zurück mit ihrem Beitrag zum Thema Irakkrieg: „The Hurt Locker“.
Bereits die Eingangsszene wirft den Zuschauer mitten ins Geschehen. Matt Thompson (Guy Pearce), Chef seiner Einheit des Bombenräumkommandos, macht sich daran eine gefundene Bombe via Sprengladung zu zünden, nachdem der dafür vorgesehene Roboter ausgefallen ist. Ein Iraker zieht ein Handy, seine Kollegen JT Sanborn (Anthony Mackie) und Owen Eldridge (Brian Geraghty) warnen den Mann, zögern, sind unentschlossen. Tatsächlich ist die Situation eine Falle und Thompson stirbt in einer brillant in Zeitlupe gefilmten, mehrstufigen Explosion. „The Hurt Locker“ hat also keine Skrupel Hauptfiguren und/oder prominente Darsteller zu killen, hier darf man sich auf Überraschungen gefasst machen.
Sanborn und Eldridge erhalten einen neuen Vorgesetzten, einen guten Monat vor Ende ihrer Tour im Irak. Den Texaner William James (Jeremy Renner), der mit einer regelrechten Cowboy-Mentalität an die Sache herangeht...
„The Hurt Locker“ ignoriert ganz gediegen diverse Scriptkonventionen des klassischen Hollywoodfilms, auf die Syd Field und Konsorten immer wieder gerne verweisen. Die Hauptcharaktere haben eben kein von Anfang an klar definiertes Ziel, einen direkten Antagonisten gibt es nicht. „The Hurt Locker“ ist vielmehr eine Aneinanderreihung von Einsätzen und den Momenten dazwischen, doch alles andere als inkohärent, trotz seiner Episodenhaftigkeit. Ein neuer, wiederkehrender modus operandi verweist darauf, dass man öfter mit denselben Bombenlegern zu tun hat, doch zu sehen sind diese nicht. Wiederkehrende Motive und sich über die Einsätze hinweg entwickelnde Konflikte, gerade zwischen dem auf Sicherheit spielenden Sanborn und dem wagemutigen James, liefern die roten Fäden, die das Geschehen strukturieren und auf diese unkonventionelle Art einen Spannungsbogen aufbauen.
Konsequent bleibt Kathryn Bigelow am Geschehen dran, schert sich kaum um das Drumherum, weder politischer noch geographischer Art. „The Hurt Locker“ existiert am jeweiligen Handlungsort, wo es gerade ums Überleben geht oder um die geistige Gesundheit. Dementsprechend bleibt die Kamera dicht an den Soldaten dran und schafft so Intimität. Und das, obwohl man über viele Charaktere kaum etwas erfährt, allenfalls James’ Privatleben wird ein wenig durchleuchtet, ansonsten beschränken sich die Schilderungen von Privatem auf kurze Dialoge.
„The Hurt Locker“ geht es dabei vor allem darum das Leben in der Gefahrensituation erfahrbar zu machen, den Stress, mit dem die Truppen täglich konfrontiert sind. Geradezu exemplarisch wird dies an James abgearbeitet, der trotz seiner augenscheinlichen Cowboy-Mentalität immer bei der Sache ist, aus Respekt vor seinem Metier sogar eine Schublade voller Zeug hat, das ihn beinahe in die Luft gejagt hätte. Klaffend dann der Kontrast, wenn man ihn daheim sieht bei Frau und Kind: Als Vater hat er Schwierigkeiten, bemüht sich aber, ebenso als Ehemann, doch wenn er dann inmitten des riesigen Supermarktes steht, Luxusgesellschaft anstelle der staubigen Straßen des Irak, dann wirkt er hilflos und verloren, während er im Einsatz regelrecht cool und routiniert wirkt.
Interessant sind dann auch die moralischen Fragen, die „The Hurt Locker“ den Charakteren stellt. Bringt man lieber einen Zivilisten auf Verdacht um oder riskiert man es, dass sich der Mann als Terrorist herausstellt und einen dabei in die Luft sprengt. Denn man kann diese äußerlich nicht unterscheiden, darauf hebt Bigelow immer wieder ab und gleichzeitig sind die Soldaten in gewisser Weise dekadent, denn für sie sehen die Iraker alle gleich aus. Da versteift sich James darauf die Mörder eines Irakerjungen zu finden, da er das Opfer kannte, und muss nach Vorschriftsverstößen und Eigenmächtig erkennen, dass der Junge am Leben ist und das Opfer jemand anders war.
Doch „The Hurt Locker“ ist alles andere als eine stumpfe Moralpredigt, stattdessen sind die einzelnen Einsätz ebenso fesselnd wie spektakulär in Szene gesetzt. Meist sind es Bombenentschärfungen, zwischendrin gibt es aber auch ein Sniper-Gefecht in der Wüste und ähnliche Scherze zu bewundern. Und all das setzt Kathryn Bigelow gleichzeitig realistisch und trotzdem spektakulär um, bietet Schauwerte ohne einfach nur auf Action aus zu sein und das ist echt eine Kunst.
Das Ensemble trägt den Film, wobei vor allem Jeremy Renner als eigenwilliger Maverick und Anthony Mackie als dessen größter Kritiker und gleichzeitiger Kollege durch großartige Leistungen auffallen. Ist gut, kommt da aber nicht mit, während man die großen Namen auf der Besetzungsliste im Geschehen beinahe übersieht: Guy Pearce, David Morse, Ralph Fiennes – allesamt nur in kleinen Parts zu sehen.
Wer sich auf die unkonventionelle Erzählweise von „The Hurt Locker“ einlässt, der wird mit einer ebenso fesselnden wie durchdachten Charakterstudie über das Soldatenleben im Irakkrieg konfrontiert. Ohne moralische Belehrungen, aber mit interessanten Fragen und höchst spannenden Einsatzszenen. 8,5 Punkte meinerseits.
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