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8MM - Acht Millimeter (1999)

Eine Kritik von Ebert (Bewertung des Films: 9/10)
eingetragen am 05.04.2005, seitdem 684 Mal gelesen


8mm (9/10)

Vorsicht: Spoiler!

Der ewige Mythos Snuff wird hier von Regisseur Joel Schumacher interpretiert, und, man kann sagen was man will, er hat ganze Arbeit geleistet.

Ein junges Mädchen ist verschwunden, und Cage, der den Privatdetektiv Tom Welles spielt, soll sie wiederfinden.Die reiche Witwe eines verstorbenen Millionärs bitte ihn, zu ermitteln, ob es diese Filme gäbe und ob ihr Mann darin verwickelt sei.

Der Film ist eigentlich zweigeteilt: so wird in der ersten Hälfte die Suche nach dem Mädchen, und im zweiten Teil die Verwicklung von Welles in die Machenschaften der Snuff-Filmen.

8mm ist ein Film, den ich teilweise mit klopfendem Herzen gesehen habe, und dass geschieht bei mir nicht oft. Denn zu oft ist die in Filme dargestellte Gewalt zu unreal, dass eine Identifikation nicht stattfindet. 8mm geht anders vor, und zieht den Zuschauer in seinen Bann.

So ist da zuerst Welles als treuliebender Vater, der mit seiner Frau eine Tochter hat. Dadurch ist er indirekt involviert, da er am Anfang auch nicht an den Mythos Snuff glaubt. Cage bringt dabei die Entwicklung, erst ungläubisch, dann in eine Jauchegrube der Gewalt und Perversion tretend, faszinierend und nicht übertrieben rüber.

Das gilt auch für Schumacher, der den Balanceakt zwischen Übertreibung und Unterhaltung ohne Voyeurismus erzählt. Die kritischen Gewaltszenen sind so gemacht, dass sie nicht übertrieben schockierend rüberkommen. Denn erst glaubt Welles ja nicht an Snuff, und ist nach dem Sehen von zwei Videos mit der selben Darstellerin, die getötet wird, überzeugt, alles sei Fake. Diese Szene ist die Wendung im Film, als Welles und Max California (Joaquim Phoenix) nach dem Sehen der Videos im Zimmer sitzen und eine Zigarette rauchen. Der Zuschauer weiß: es ist noch nicht vorbei.

Und so kommt es auch, und Welles lernt die Macher des Films und den Mörder aus dem Film (mit einer tuntigen Ledermaske) kennen, und räumt letztendlich mit der Bande auf.

Ab diesem Punkt wird 8mm beinahe unerträglich, und geht einem nach dem Sehen erst einmal nicht aus dem Kopf. Diese Szenen, in denen Welles in das Haus des fetten Muttersöhnchens einbricht, sind mit die spannendsten des ganzen Films, so wie die Tötung Eddie Poole.

Wenn man einen Film sieht, lebt man mit und in einem Film wie 8mm ist die Identifikation mit Welles als Gutem nicht schwer. Die Tötung Eddie Pooles kam wie eine Erlösung, und ich habe sie bejubelt. Das mag krank klingen, und ich bin wegen meiner Kritik von „Ein Mann sieht Rot 2“ gefragt worden, was ich denn für einer sei, der in einem Film „mehr Gewalt fordere“.

Fiktion ist Fiktion, und das ist der Punkt bei 8mm. Betrachtet man Kinderpornographie als eine Art Snuff, und die Tötung von Kindern ist dies, so möchte man sich nach dem Betrachten des Films übergeben. Die Fiktion überschneidet sich hier mit der Realität, und wird so unerträglich.

Denn genau dieselbe Einstellung hatten die Täter, als sie Kinder quälten und missbrauchten, und, nach Angaben eines LKA-Sprechers, exkrementenbesudelt filmten und dann töteten. Die Gräuel, die sich in der Realität abspielen, werden in 8mm gar nicht behandelt, der Film würde verboten oder käme selbst im Gewalt liebenden Amerika nicht durch die MPAA-Zensur.

Es ist schwer als Bürger, der solchen reellen Verbrechen an den unschuldigsten Geschöpfen sieht, ruhig zu bleiben, und sich durch die Anwendung von Selbstjustiz nicht selbst auf eine Stufe mit dem menschlichen Abfall zu begeben. Schumacher spielt mit diesem Gedanken, und auch Welles wird von dem Gedanken gepackt, und führt ihn auch an Eddie Poole aus. Und, Fiktion ist Fiktion, mir war die dargestellte Gewalt nicht ausreichend, um meine Wut und Verzweiflung dadurch zu besänftigen.

Deshalb ist 8mm ein Aufruf zur Selbstjustiz, denn er macht uns eines deutlich: Menschen, die solche Verbrechen begehen, und dann auch noch gleichgültig ihre Opfer belächeln, gehören nicht auf diese Erde.

In diesem Sinne ist 8mm vollends gelungen. Sein Manko liegt einerseits in der Verpflichtung des Regisseurs, den Stoff konsumträchtig zu verpacken (nicht zuviel Gewalt), anderseits durch Rache und Tötung der Kriminellen die aufgestaute Wut zu kanalisieren. Das macht 8mm ein wenig zu einem zwiespältigen Produkt. Er ist aber auf seinem Gebiet (als Entertainment ohne Weltverbesserungsabsicht) voll gelungen.

Die Frage: gibt es Snuff-Filme, kann jeder jetzt für sich beantworten.

Sehenswert


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