Joseph Vilsmaier ist, nach seinen beiden Meisterwerken "Schlafes Bruder" und "Stalingrad", leider schon lange im durchschnittlichen Bereich angekommen und verweilt dort auch schon ein ganzes Weilchen! Seine letzten Filme waren allesamt nicht mehr das, mit dem Vilsmaier angefangen hatte Filme zu machen, zumal seine Streifen über Kriegszeiten nicht selten von allen Seiten getadelt werden. Sowieso hat Vilsmaier eigentlich nur zwei Genres, welche er recht großzügig bedient. Kriegsdramen und Heimatfilme, etwas anderes hat das bayrische Urgestein bislang kaum gemacht. Und nachdem sein TV-Film "Die Gustlof" erneut böse verrissen wurde, wagt er sich nun mal wieder an einen Kinofilm. "Bergkristall", von vor einigen Jahren, war recht nett anzusehen, wenngleich ebenfalls ziemlich bedeutungslos und "Die Geschichte vom Brandner Kaspar" schlägt in ähnliche Kerben. Glücklicherweise verspricht dieser aber endlich mal wieder ein guter Vilsmaier zu sein.
Denn Vilsmaier hat sich mit der Verfilmung einer bayrischen Legende einen Herzenstraum erfüllt und lässt diesen nun im Kino wahr werden. Es geht um den granteligen Büchsenmacher Kaspar Brandner, welcher schon einige Rückschläge einstecken musste. So hat er nicht nur seine Frau und seine Tochter verloren, auch der Bürgermeister aus seinem Alpendorf macht ihm das Leben schwer. Da klopft eines Tages der Tod, auch "Boanlkramer" genannt, an seine Tür, um ihn abzuholen. Doch Kaspar denkt gar nicht daran und leihert dem Tod, mit einem billigen Kartentrick, noch 21 weitere Lebensjahre aus dem Kreuz. Aber das Leben ist, wenn man eigentlich tot sein sollte, nicht wirklich das Beste und auch Boandlkramer hat nun den Ärger mit den Obersten an der Backe. Bis ein weiteres Unglück alles verändert... Die Story klingt dabei sicher erst einmal nicht so ganz nach einer Komödie und fürwahr, so manch dramatische Noten sind in dem ganzen Treiben auch nicht zu übersehen. Zum Großteil handelt es sich jedoch um eine Komödie, gespickt mit Mythen und Legenden und mit so einigem an Fantasie. Ob sich Vilsmaier dabei eng an die eigentliche Legende gehalten hat, mag ich, aufgrund Unkenntnis dieser, nicht bewerten, für einen gemütlichen Film langt es jedoch.
Vor allem zwei Dinge sind es, die den Zuschauer hier erfreuen, sofern er für das Jeweilige einen Sinn hat. Und das sind grandiose Naturaufnahmen und urbayrische Unterhaltung. Das Vilsmaier ein noch viel besserer Kameramann ist als ein Regisseur, beweist er mal wieder, in dem er seine Geschichte erneut vor einer Kulisse spielen lässt, die man einfach nur als fabelhaft bezeichnen muss und von Vilsmaier mit viel Mühe und großem Können auf Cinemascope-Format gebannt wurde. Ob man da die Alpen nun im Hochsommer nimmt oder unter einer dicken Schneedecke liegen lässt, man kann sich als Zuschauer gar nicht richtig satt sehen, an all den wunderbaren Kulissen die hier auf Zelluloid gebannt wurden. Schon in "Bergkristall" oder "Schlafes Bruder" hat dies Vilsmaier gemacht und auch hier weiß er mal wieder, seinen Filmen mit einem dicken visuellen Augenschmaus aufzuwerten.
Doch natürlich zählt nicht nur das Visuelle, sondern auch das Inhaltliche. Das sich Legenden natürlich hauptsächlich aus Fantasie aufbauen, und jeweils mit einem Schuss Realität vermischt werden, ist kein Geheimniss und so ist die Geschichte vom depperten Tod, der sich von einem einfachen Menschen aufs Kreuz legen lässt, natürlich größtenteils auch purste Fantasie, wenngleich der Bezug zum Wahren dennoch nicht vergessen wird. Und es ist wirklich herrlich mit anzusehen! Vor allem die Szene selbst, in der Brandner den Tod erst besoffen macht und dann ganz billig austrickst, ist bester bayrischer Humor. Dazu der tiefbayrische Dialekt, der natürlich nicht jedem leicht fallen dürfte zu verstehen, die ewige Rivalität gegen die "Preußen" und einfach der ganze Charme der Alpenlandschaft und seinen Leuten, dem man entweder erliegen kann oder einfach nur hassen wird. Freunde einer guten bayrischen Komödie alla "Wer früher stirbt ist länger tot" werden jedenfalls auf ihre Kosten kommen.
Zumal das Ganze auch durchtränkt ist von schwarzem Humor, der teilweise sogar etwas untypisch für das eigentlich so christliche Bayern ist. So wird z. Bsp. der Himmel und das Leben nach dem Tod schon mal ordentlich durch den Kakao gezogen, wenn ein dicker Petrus im tiefbayrischen Himmel Weißwürste futtert und auch sonst alle Himmelsbewohner wie leichte Deppen wirken. Zwar ist ein richtiger Biss nicht wirklich zu finden, aber für ein wenig "Schwarzmalerei" langt es allemal. Zumal sich das Ganze auch nur selten in Klamauk verliert, sieht man vielleicht mal von einer dämlichen Prügelszene ab. Furz- und Fäkalwitze liegen Vilsmaier jedenfalls fern, nur seine Seitenhiebe auf das "Preußentum" dürften dem ein oder anderen vielleicht quer im Magen liegen, wenn gleich Dialoge wie "Jetzt wärst du fast im Preußenhimmel gelandet" für alle "Nichtpreußen" schon mal einen Pruster übrig haben.
Schade nur, dass es Vilsmaier auch hier nicht schafft, seine Geschichte von Kitsch und hölzernem Zutun freizuhalten. So sind vor allem die Nebenhandlungen, welche nur selten etwas mit dem Hauptstrang zu tun haben, wieder einmal recht kühl und unbrauchbar ausgefallen. Das ewige Gerangel mit dem bösen Bürgermeister geht einem jedenfalls irgend wann schon aufs Gemüt, genauso wie die Rivalitäten zwischen Kaspars Enkelin und dessen Ex, sowie ihrem Freund und dem Ex. Und wenn dann am Ende alle glücklich im Himmel sind, dreht Vilsmaier noch einmal deutlich die Kitschtube auf, wenngleich er diese dann doch noch mit einem schönen Schlussgag wieder schließt. Trotzdem, der "Stock im Arsch", der in so manchen Winkeln des Films noch vorhanden ist, muss einfach beim nächsten Mal weg sein!
Eine Drehung um 180 Grad gibt es dagegen bei den Darstellern zu verzeichnen, die hier, im Gegensatz zum fürchterlich stelzig dargestellten "Bergkristall", richtig gut sind. Franz-Xaver Kroetz, der zwar eigentlich lieber am Theater denn vor der Kamera spielt, stellt seinen kauzigen Todaustrickser wirklich wunderbar zur Schau. Sein Gegenpart, der ausgetrickste Tod, wird von Michael "Bully" Herbig dargestellt, der wieder einmal beweist, was für ein großartiges Komödientalent in ihm steckt. Seine Rolle füllt er mit allerlei bekannten Figuren aus seiner Bullyparade aus, sieht man vielleicht einmal vom tuckigen Traumschiff-Trio ab, welches hier aber auch deutlich fehl am Platz wäre. Und trotz so mancher Blödelmomente, schafft er es dabei dennoch, seine Figur glaubhaft rüber zubringen. Dazu auch so manch anderes bekanntes Gesicht, und man findet wirklich kaum etwas zu meckern. Höchstens die Engel, welche hier teilweise von Kindern dargestellt werden, haben noch das ein oder andere Problem mit der Kamera. Aber glücklicherweise haben diese kaum Screentime. Alles in allem kann man zufrieden sein.
Fazit: Komisch, in Sachen Kulissen durchaus atemberaubend, mit viel Herzblut gedreht und wirklich Ur-bayrisch, so lässt sich Joseph Vilsmaier Version der "Geschichte vom Brander Kaspar" vielleicht am besten beschreiben. Die bayrische Legende des ausgetricksten Tods wurde in ein durch und durch nettes Drehbuch verwandelt, das genauso viel zum lachen bietet wie zum Anschauen und, wegen seiner bayrischen Gemütlichkeit, sicher bei Liebhabern dieser Art von Filmen viele Punkte holen kann. Wer das südliche Bundesland mit all seinen Eigenheiten noch nie mochte, der wird hiermit natürlich nicht glücklich werden. Wer aber mal wieder auf eine nette, fantasiereiche und wirklich recht witzig geratene Geschichte Lust hat, mit bayrischem Humor etwas anzufangen weiß und zwischendurch von grandiosen Naturaufnahmen verwöhnt werden will, der kann sich hiermit jedenfalls einen netten Abend mit der Familie machen. Da stört auch der Kitsch, die nicht wirklich nötigen Nebenhandlungen, sowie die Hölzernheit von so mancher Szene, nur geringfügig. Herr Vilsmaier, nach so manchem Mittelmaß der letzten Zeit, sind Sie wieder auf dem richtigen Weg!
Wertung: 7/10 Punkte