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  „Dawn of the Superheroes"

Spätestens mit Christopher Nolans psychologisierendem und gesellschaftskritischem Megablockbuster  The Dark Knight ist das Superheldengenre endgültig im Erwachsenenkino angekommen. In der literarischen Referenzkultur  des Comic-Universums war dieser Schritt längst vollzogen worden. Die frenetisch gefeierten, düsteren Neuinterpretationen und -definitionen der Batman-Figur  - Frank Millers The Dark Knight Returns sowie Alan Moores The Killing Joke - hatten keinesfalls das vornehmlich die knallbunten Originale präferierende, juvenile  Zielpublikum im Visier.
Es war vor allem der Brite Moore, der dem lange Zeit ereignislos dahinplätschernden Superheldenkosmos eine kaltschnäuzige Adrenalinspritze verpasste. Sein 1986/87 entstandener Superheldenabgesang Watchmen wurde vom renommierten US-Nachrichtenmagazin Time zu einem der 100. bedeutendsten (englischsprachigen) Romane des 20. Jahrhunderst gekürt. Die Ulysses-ähnliche Graphic Novel (ursprünglich eine zwölfteilige Comicreihe)  ist eine durch mehrere Zeit- und Erzählebenen mäandernde Extravaganz. Ein mit zahllosen Querverweisen und Anspielungen auf popkulturelle, historische und gesellschaftspolitische Phänomene gespickter Mix aus Hard-boiled-detective-story, Verschwörungsthriller und allegorischem Epochenkommentar. Das Ganze verpackt in einen düster-ironischen Superheldenabgesang. Moore selbst hat sein Werk für unverfilmbar erklärt und ist durch die in seinen Augen grandios gescheiterten Zelluloidversionen seiner Comics V wie Vendetta und Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen in dieser Einschätzung ganz sicher noch bestärkt worden.

Fanboy Zack Snyder (Dawn of the Dead) lies sich von diesem Diktat des Meisters allerdings nicht abschrecken. Hatte er doch schon Frank Millers Thermophylen-Schlachtplatte 300 zu einem von niemand erwarteten Leinwandtriumph verholfen. Wenn man bedenkt, dass die überaus komplexe Vorlage von einer fanatischen Anhängerschaft Gralsgleich verehrt wird, kann man Snyders Mut nur bewundern. Der Spagat die Watchmen-Jünger zufrieden zu stellen, ohne die Vielschichtigkeit der Story auf dem Altar der Mainstreamgesetze zu opfern um auch den Comic-Unkundigen ein plausibles und unterhaltsames Konglomerat der Mooreschen Phantasien zu liefern, kommt einer Sisyphusarbeit gleich. Hat sich der Jungregisseur mit dieser, wie er selbst sagt, Herzensangelegenheit übernommen? Ein klares JEIN.

Für Kenner der Graphic Novel sicherlich nicht komplex genug, bombardiert die Filmversion den unbeleckten Betrachter mit einem Sperrfeuer von Eindrücken, die bei der Erstsichtung kaum geordnet oder gar verarbeitet werden können. So dürfte den Comicjüngern vor allem das Aussparen der die eigentlichen Geschehnisse satirisch kommentierenden Parallelhandlung „Tales of the Black Freighter" sauer aufstoßen. Snyder war sich dieses Mankos wohl bewusst und hat dieses Piratencomic innerhalb des Comics als eigenständigen Animationsfilm für die DVD-Fassung gedreht. Auch die Charakterisierung der ersten Generation der Watchmen wird lediglich angerissen. Andererseits hat der Film trotzdem noch die enorme Laufzeit von 160 Minuten, in denen eine Unmenge an Dialogen, Anspielungen, Rückblenden und Parallelhandlungen vom Vorlagen-Unkundigen Zuschauer ein Höchstmaß an Konzentration fordert. Wer dazu bereit ist, bekommt ein visuell beeindruckendes und erzähltechnisch faszinierendes Fantasy-Epos serviert, das noch lange gedanklich nachwirkt.

Die Geschichte entfaltet sich in einem Paralleluniversum unserer Welt und bildet eine alternative Realität des Jahres 1985 ab. Mit Hilfe von selbst erkorenen Superhelden - den Watchmen - hat die USA den Vietnamkrieg gewonnen. Das hat Präsident Nixon im Amt gehalten. Mitte der 1970er Jahre hat ein Anti-Superheldengesetz („Keen-Act") zur Auflösung der maskierten Verbecherjäger geführt. Lediglich der schießfreudige Zyniker Comedian sowie der nach einem Laborunfall mit übermenschliche Kräften ausgestattete Dr. Manhattan stehen noch in Diensten der US-Regierung. Während Ersterer als Auftragskiller den Keen-Act umgeht, ist Dr. Manhattans Forschungsarbeit essentiell für das US-amerikanische Atomprogramm. Zumal der nukleare Schlagabtausch mit der UdSSR unvermeidlich scheint. In diese weltpolitisch brisanten Situation wird der Comedian von einem unbekannten Attentäter ermordet. Der im Untergrund weiterhin besessen gegen das Verbrechen ankämpfende Rorschach wittert Mordkomplott und Verschwörung und versucht seine früheren Mitstreiter - allen voran seinen alten Partner Nite Owl - zu reaktivieren. Aber diese sind nur sehr schwer zu überzeugen ...

In einem Interview äußerste sich Snyder zu dem für ihn zentralen Fragenkomplex des Kultcomics: Welche Auswirkungen haben die Existenz von Superhelden auf eine Gesellschaft? Wie sähe die Welt aus, wenn Superhelden tatsächlich unter uns weilten? Und was macht der Superheldenstatus aus gewissen Menschen?
Der Film liefert diese Antworten in einem turbulenten Mix aus zynischen Charakterportraits und sarkastischen, gesellschaftsanalytischen Schlaglichtern. Die Message, verpackt in eine simultane Verbeugung und Demontage der popkulturellen Wurzeln, ist so desillusionierend wie simpel: Superhelden sind Menschen wie du und ich, gepeinigt von sehr menschlichen Problemen und Schwächen. Die egoistische und korrupte Gesellschaft missbraucht, manipuliert und benutzt sie wie jedes andere ihrer Mitglieder.
Am ehesten erkennt dies der zynische Comedian alias Edward Blake. Der verlogenen Verkommenheit und dem Sarkasmus der Gesellschaft begegnet er mit Brutalität und Alkohol. Er macht aus der erkannten Not eine Tugend und beschließt so viel Spaß wie möglich bei der „Arbeit" zu haben.
Den Verschwörungstheoretiker und Meisterdetektiv Rorschach (bürgerlich Walter Kovacs) haben die unzähligen Grausamkeiten zum gelangweilten Sadisten und paranoiden Spürhund gemacht.  Verborgen hinter einer Tintenklecks-Maske die sich seinen jeweiligen Stimmungen anpasst, kämpft er mit brutaler Besessenheit im Untergrund gegen das Böse. Als er nach einer Intrige im Gefängnis landet in dem zahllose von ihm verhaftete Schwerverbrecher einsitzen, entgegnet er deren Mord-Drohungen lapidar: „Nicht ich bin hier mit euch eingesperrt, sondern ihr mit mir."
Nite Owl II (Daniel Dreiberg) kompensiert seine Minderwertigkeitskomplexe mit der Superheldenidentität. Der wohlhabende Tüftler hat außerhalb seines Kostüms Potenzprobleme und fristet nach dem Keen-Act ein eher trauriges Einsiedlerdasein aus dem ihn erst das Auftauchen der heimlich begehrten Silk Spectre II erlöst.  Diese wurde von ihrer geltungssüchtigen Mutter (der ersten Silk Spectre) in die ungeliebte Superheldenrolle gedrängt. Das Leben an der Seite des zunehmend vergeistigten und gefühlskalten Dr. Manhattan treibt sie in die Arme Night Owls.
Manhattan - als Jan Osterman ehemaliger Physiker des Atombombenprogramms der USA - hat als einziger Watchman übermenschliche Kräfte und erscheint gottgleich. Er kann in die Zukunft sehen, Materie verändern und auf andere Planeten reisen. Dabei verliert er allerdings immer mehr seine Menschlichkeit.
Ozymandias alias Adrian Veidt schließlich ist der klügste Mensch der Welt. Allerdings ist er auch überaus ruhmsüchtig und vermarktet sich als einziger früherer Superheld hemmungslos meistbietend. Mit Actionfiguren seines Konterfeis und einer eigenen Parfümmarke macht er ein Vermögen. Von seinem Elfenbeinturmartigen Apartment aus leitet er ein weltweites Imperium und arbeitet nebenbei an der Lösung der Energiekrise.

Die intendierten Referenzen sind auch für den Ottonormal-Comicleser offensichtlich. So ist beispielsweise Night Owl eine verunsicherte Batman-Kopie mitsamt Bathöhle, Hightech-Ausrüstung und schnittigem Gummianzug. Dr. Manhattan  kämpft mit denselben Persönlichkeitsproblemen wie der Mann aus Stahl und Rorschach ist eine wenn auch in jeder Hinsicht radikalere und dunklere Version der Hard-boiled-Ikone Philipp Marlowe. Alle Charaktere sind eine gehörige Spur schwärzer, zerrissener und charakterlich deformierter als ihre popkulturellen Vorbilder. Snyder brachte den subversiven Anstrich der Mooreschen Superheldengang auf den Punkt: „Batman kriegt keinen mehr hoch, Superman geht die Welt am Arsch vorbei und der Schurke will Weltfrieden." Wie schon in The Dark Knight steht vor allem der superheldische Vigilantismus auf dem moralisch-psychologischen Prüfstand. Keiner der Antihelden bietet sich zur Identifikation an, was den emotionalen Zugang zu dem Film zusätzlich erschwert.

Neben der zentralen Auseinandersetzung mit real existierenden Superhelden ist Watchmen gespickt mit philosophischen und historischen Anspielungen. Moore kennt sich offenbar gut aus in der ägyptischen wie auch in der griechisch-römischen Mythologie. Es würde zu weit führen, hier jedes Detail offen zu legen. Lediglich erwähnt sei u.a. die Bedeutung des Herrscherverständnisses von Ramses II. und Alexander dem Großen. Die Titelgebenden Watchmen schließlich sind einer Satire des römischen Dichters Juvenal entlehnt: „Quis custodiet ipsos custodes?"(Who will watch the watchmen?)
Darüber hinaus gibt es eine Unmenge geschichtlicher Ereignisse und Personen der jüngeren US-Historie zu entdecken. Vom Kalten Krieg und der Ermordung Kennedys über den Vietnamkrieg, die Bürgerrechtsbewegung bis hin zum atomaren Wettrüsten verknüpft der Film geschickt reale Begebenheiten mit der fiktiven Handlung. Allein der phantastisch geschnittene und vertonte Titel-Vorspann bietet zahlreiche Cameos wie zum Beispiel Andy Warhol, Fidel Castro, Mick Jagger, John und Yoko Ono oder die Village People.

Fazit:
Zack Snyder hat mit der Leinwandadaption des von Autor Alan Moore für unverfilmbar erklärten Kultcomics Watchmen eine vor allem visuell beindruckende Leistung abgeliefert. Einen emotional zwar gedämpften, aber intellektuell durchaus stimulierenden Mystery-Thriller im Blockbustergewand.
Fanatische Verehrer der Vorlage müssen zwar die ein oder anderen Abstriche bei Vielschichtigkeit und Komplexität machen, andererseits muss ein Kinofilm dieser Größenordnung auch den Comic-Unkundigen noch ein plausibles Konglomerat der überbordenden Mooreschen Phantasien liefern können. Experiment geglückt. Die stattliche Laufzeit von 160 Minuten bietet auch so immer noch ein faszinerendes Kaleidoskop popkultureller Anspielungen, philosophischer Kommentare sowie geschickt montierter Rückblenden und Parallelhandlungen. Wer bereit ist sich darauf einzulassen, bekommt nicht nur einen optischen Leckerbissen, sondern auch ein erzähltechnisch anspruchsvolles und inhaltlich vielschichtiges Fantasy-Epos serviert. Oder um mit Juvenal zu schließen: "Watch the Watchmen!"

(8,5/10 Punkten)              

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