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Vicky Lynn (Carole Landis) ist tot. Ihre Schwester Jill (Betty Grable) hatte den verstörten Frankie Christopher (Victor Mature) bei der Leiche in ihrer Wohnung aufgefunden. Beide sind nun Verdächtige und werden in separaten Räumen in den dunklen Katakomben des Polizeireviers verhört. In Rückblenden erzählen sie parallel, wie ihre Beziehung zur Ermordeten waren.
Bereits diese ersten Minuten legen mit der Mise en scène - mit nahezu archetypischen Figuren, der rückblickenden Erzählweise und charakteristischen Ausleuchtungen der Studiokulissen - fest, daß 'I Wake Up Screaming' als Film Noir klassifiziert werden muß. Dieser schwammige Begriff, ausgerechnet rückwirkend von französischen Kritikern geformt, aus deren Heimatland sich folgend auf den deutschen Expressionismus und unter Einfluß des amerikanischen Gangsterfilms mit dem Poetischen Realismus eine durchaus artverwandte, nicht uniformierte Bewegung herausbildete, beschreibt populär ein amerikanisches Downbeat Cinema, welches grob in einen Zeitabschnitt von Beginn der 40er bis zum Ende der 50er Jahre seine Blüte fand.

Es verwundert ein wenig, daß ausgerechnet dieser Film im Kern der Sekundärliteratur von Foster Hirsch und Nicholas Christopher keine Erwähnung findet und in 'More Than Night: Film Noir in Its Contexts' von James Naremore wie auch das Remake 'Vicki' gerade einmal namentlich genannt wird. Völlig berechtigt skandiert der Filmhistoriker Eddie Muller in seinem Audiokommentar zu 'I Wake Up Screaming', daß dieser Film, zumal ja in der Reihe Fox Film Noir erschienen, eigentlich die Rückennummer 1 (an Stelle der # 18) hätte erhalten müssen.
Nicht nur handelt es sich um die erste Fox Produktion, die sich eben so auffällig der charakteristischen Techniken bedient. Auch überschneidet sich die Verfilmung des gleichnamigen Romanes von Steve Fisher mit dem Zeitraum, in dem an der dritten Auflage von 'The Maltese Falcon' gearbeitet wurde, die gemeinhin als erster reiner Film Noir gewertet wird und deren Premiere nur wenige Tage vor 'I Wake Up Screaming' stattfand. Der hier als Harry Williams auftretende Schauspieler Elisha Cook Jr. gab gar zeitgleich im Falken den Wilmer Cook.

Daß die Noir Stimmung in der Luft gelegen haben muß und nur schwer greifbar zu bestimmen ist, bestätigen außerdem die deutlichen Unterschiede zur Vorlage, mit der über das Drehbuch verschiedene Charakteristika herausgefordert werden. Ursprünglich in Hollywood angelegt überträgt Dwight Taylor in seinem Script den Schauplatz nach New York, um die Industrie nicht zu sehr anzugreifen. Außerdem transferiert er die Handlung auch von vielen außen gelegenen Schauplätzen in die urbanen Räumlichkeiten, um die Studioarbeit zu erleichtern. Dies gibt Edward Cronjager die Möglichkeit, den Graustufen im Academy Format nach allen Regeln der Kunst unglaubliche Schönheit zu entlocken.
Licht, Schatten und ein famoses Gespür für die Geometrie beim Arrangement seiner Photographien sind Eigenschaften, die dem Film Noir eine Weiterführung von Motiven des Expressionismus belegen. Unter H. Bruce Humberstones Regie entsteht die typische Ästhetik im Gegenlicht heruntergelassener Jalousien, werfen grelle Schreibtischlampen starke Schatten über die kaum erkennbaren Gesichter. Klare Linien eines Hintergrundes teilen eine Gesellschaft aus drei Personen in einer Bar in distanzierte, orgelpfeifenartig angeordnete Elemente, gegen deren Diagonale die vordergründige Kante des Tresens entgegen gesetzt schlägt. Von einem Raubtier dominiert umschlingt die Wandornamentik den nächtlichen Eindringling, der auf seinem Sitzplatz wie ein orientalischer Herrscher thront, als er seinem verschreckt erwachendem Verdächtigen droht, er würde schon einmal im Schlaf reden. Wo jedoch spätere Noirs die Not zur Tugend machten und man mit Rauch und Schatten das Nichts in der Studiokulisse zu verschleiern suchte, tritt der große Unbekannte in 'I Wake Up Screaming' rein für den Überraschungseffekt, in dem die Person schließlich identifiziert wird, nicht in das Licht.

Vicky Lynn befand sich an einer typischen Karrierewendung für einen Film Noir. Als Kellnerin ob ihrer Schönheit entdeckt, wollte sie der Promoter Frankie berühmt machen. Zusammen mit seinen Freunden, dem abgehalfterten Schauspieler Robin Ray (Alan Mowbray) und dem Kolumnisten Larry Evans (Allyn Joslyn) inszenierte er eine erste Schau, auf der sich die Laufbahn begründen sollte. Bei allen dreien scheint es etwas geknistert zu haben. Nun hatte sich Vicky aber auf ihre Eigenständigkeit besonnen und tischte so überraschend den Herren nebst ihrer Schwester brühwarm auf, daß Sie auf eigene Faust ein Engagement in Hollywood bekommen hätte.
Über Jill und Frankie kristallisiert sich das Motiv der unschuldig Verdächtigten heraus, als Harry Williams, der Portier des Hauses, in dem die beiden Lynn Schwestern wohnten, als vermißt gilt. Der Inspektor Ed Cornell (Laird Cregar) mimt hingegen den zwielichtigen, harten Hund, der den Schuldigen bereits bestimmt hat und nun mit allen Mitteln seine Wahrheit ans Licht bringen will. Auch Hausfriedensbruch gehört zu seiner Methode, was Gelegenheit für ein weiteres Schattenspiel gibt, als er die hier als anständige Frau besetzte, besonders im Krieg als Pin-Up-Girl höchst erfolgreiche Betty Grable belästigt. Verschreckt steht Jill vor einer weißen Wand, als Cornell sich ihr drohend nähert. Sein Schatten voran treibt er die junge Frau gierig in die Enge. Mit der bei der Küchenarbeit in Schürze bekleideten Dame läßt sich gar eine Art Übergang von der Frauenrolle im Film vor und nach dem Eintritt Amerikas in den zweiten Weltkrieg und hier speziell natürlich der Gegenpol zur ansatzweisen Femme Fatale Vicky abbilden.

Obwohl I Wake Up Screaming durchaus noch erstaunlich heitere Momente aufweist und kurioserweise kontinuierlich von den Themen 'Somewhere Over the Rainbow' aus 'Der Zauberer von Oz' und 'Street Scene' aus dem gleichnamigen Drama von King Vidor begleitet wird, war es Fox seinerzeit wichtig, hier den ersten ernsten Film mit der damals 24-jährigen, aber schon auf eine gut 10-jährige Karriere zurückblickenden Betty Grable zu präsentieren. Aus diesem Grunde wurde eine Szene mit ihr, in der sie das Lied 'Daddy' singt, heraus geschnitten. Im Vergleich hat dies dem Film auch deutlich geholfen, da die im Bonusmaterial der DVD enthaltene Sequenz zu aufgesetzt gewirkt hätte.
Es genügt ja auch eine Szene im Schwimmbad, die einen Streifzug der flüchtigen Jill und Frankie, der Verstecke wie eine Bibliothek und ein heruntergekommenes 24-Stunden-Kino vorstellt, abschließt. Dieser Moment war natürlich einzig darauf abgezielt, die begehrten Schenkel der Grable (Fox sorgte einst gar für Aufsehen damit, diese für eine Million Dollar zu versichern) zu zeigen und vielleicht auch die weiblichen Zuschauer mit einem Victor Mature in Badehose zu befriedigen. Ob es dann ein mögliches Mißverständnis über diesen 'Hot Spot' war, das auf Anraten der Belegschaft die Produzenten dazu bewegte, den eigentlich schon mit Vorspann und Werbekampagne unter diesem Titel fertig gestellten Film doch unter dem Namen des Romans herauszubringen, bleibt hingegen ein Mysterium, zumal in 'I Wake Up Screaming' zwar jemand aufwacht, aber nicht schreit.

H. Bruce Humberstone, Mitbegründer der Directors Guild of America, hat in grundlegend verschiedenen Genres gedreht und hat sich so nie den Ruf als Film Noir Regisseur erarbeitet. Gegenüber dem Mitbewerber 'The Maltese Falcon' fehlt 'I Wake Up Screaming' insbesondere die Coolness der Figuren. Betty Grable ist hauptsächlich sie selbst und Victor Mature bleibt für eine tragende Hauptrolle vermutlich zu unscheinbar, um im Gegensatz zum finsteren Fleischberg Laird Cregar in Erinnerung zu bleiben. Davon abgesehen braucht man den Film jedoch nicht zu verstecken.
Die distanzierte Darstellung der Figuren und der schematische, mit manchmal doch sehr naiven Szenen bestückte Handlungsverlauf, der dem erfahrenen Kriminalfilm-Zuschauer spätestens in der Retrospektive die Überraschung erschweren, arbeiten mäßig spürbar gegen einen fesselnden Thrill. An dieser Stelle glänzt 'I Wake Up Screaming' dann aber mit der gestalterischen Kreativität, die so typisch für den Film Noir werden sollte, der oftmals als B-Movie mit striktem Budget und beliebigen Drehbuch experimentelle Freiheit für junge Filmemacher schuf.

Wie so oft hängt es gut 70 Jahre nach der Produktion an der Herangehensweise des Publikums. Die Geschichte ist mit angesprochenen Eigenschaften solides Handwerk und durch die frühe Positionierung eines seinerzeit noch nicht gar so ausgelaugten Sujets jedenfalls für unterhaltsame 82 Minuten gut. Mit dem heutigen Status Quo läßt sich die Leistung jedoch schwerlich vergleichen. Optimal sind sicherlich zwei Varianten. Die eine wäre, möglichst unvorbelastet ein interessantes Frühwerk des Film Noir zu erleben, welches sich über die Geschichte hinaus durch seinen charakteristischen Stil definiert. Die andere wäre, als Fan, der es ohnehin gewohnt ist, oftmals ein Werk die Gestaltung über die Erzählung setzend zu betrachten, in den Genuß dieses herausragenden Exempels zu kommen. Daß 'I Wake Up Screaming' nie in Deutschland aufgeführt wurde, macht das Unternehmen zwar nicht einfacher, jedoch ist die gelungene DVD aus den USA für Fans und solche die es werden wollen eine klare Empfehlung. 'I Wake Up Screaming' gehört nicht zu den vielen ausgegrabenen Stücken, die schier für den schnellen Dollar vermarktet werden, sondern gehört zu den wenigen bemerkenswerten Titeln, deren breite Entdeckung tatsächlich noch vor der Tür steht.

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