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Gran Torino (2008)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 10 / 10)
eingetragen am 11.03.2009, seitdem 3123 Mal gelesen



  „Ein Rentner sieht rot"

Guter Wein reift mit dem Alter und entfaltet erst dann sein volles Bouquet. Ähnliches hört man auch immer wieder über das Älterwerden bei Menschen. In der Realität ist beides dann oft eher eine Kann-Theorie. Auf den Schauspieler und Regisseur Clint Eastwood scheint diese allerdings zu passen wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. In schöner Regelmäßigkeit beliefert die einstige Actionikone das filmhungrige Publikum mit Qualitätsware. Mit traumwandlerischer Sicherheit bewegt sich der inzwischen zu recht zweifach Oscarprämierte Regisseur zwischen den unterschiedlichsten Genres. Ob Liebes- (Die Brücken am Fluss), Familien- (Mystic River), Boxer- (Million Dollar Baby) oder Kriegsdrama (Flags of our Fathers, Letters from Iwo Jima), stets trifft Eastwood die richtigen Töne auf der komplizierten Klaviatur filmischer Dramaturgie, Emotionen und erzählungswürdiger Stoffe. Allen seine Werken ist dabei eins gemeinsam. Ihnen haftet eine unaufgeregte Souveränität und Gelassenheit an, die beinahe unheimlich anmutet. Ganz ohne ausufernde Budgets, Anbiederungen an aktuelle Trends oder visuelle Spielereien  gelingt ihm immer wieder das seltene Kunststück, sowohl Publikum wie auch Kritiker zu begeistern.

Seine neueste Regiearbeit nimmt dabei insofern eine Ausnahmestellung ein, als dass sich hier Erwartungshaltungen und Interpretationen bereits im Vorfeld gegenseitig hochschraubten. Bei Gran Torino kam sehr früh der Gedanke auf, Eastwood würde seine erfolgreichste und umstrittenste Rolle ein sechstes und letztes Mal wieder aufleben lassen. Das Rauschen im Blätterwald war dementsprechend gewaltig. Mit dem reaktionären Vigilanten Harry Calahan - seines Zeichens Inspektor der Mordkommission beim San Francisco Police Department - schuf Eastwood einen ikonischen Charakter, dessen filmischen Ruhestand 1988 vieler seiner Fans bis heute nicht verwunden haben.  Vor allem Titel - der Ford Gran Torino ist ein Autoklassiker dessen Produktionsjahr mit Calahans erstem Leinwandauftritt zusammenfällt - und erste Plotelemente (ein rassistischer Rentner räumt in einem von Migrantengangs terrorisierten Stadtviertel Detroits auf) schienen das Unglaubliche Wirklichkeit werden zu lassen: Dirty Harry  6.

Wer Eastwoods Filmschaffen in den letzten 20 Jahren halbwegs aufmerksam verfolgt hatte, dem dürfte die Absurdität dieser Annahme von vornherein klar gewesen sein. Die in Denken und Handeln überaus eindimensional angelegte Figur war in erster Linie ein Spiegel ihrer Entstehungszeit und nahm bereits ab der zweiten Fortsetzung karikaturhafte Züge an. Im Unterschied dazu zeichneten sich die von Eastwood seitdem entworfenen Charaktere durch Vielschichtigkeit und Facettenreichtum aus. Einfache Lösungen blieben ihnen ebenso verwehrt wie überschaubare Weltbilder. So ist der ehemalige Fabrikarbeiter Walt Kowalski auch nur oberflächlich eine Kopie des schießfreudigen Gesetzeshüters.
Ähnlich Calahan denkt auch Walt vornehmlich in Schwarz-Weiß-Kategorien. Das einst blühende Wohnviertel des verwitweten Koreakriegveteranen ist ganz in der Hand diverser Migranten. Perspektivlose Jugendgangs prägen das Straßenbild und sorgen immer wieder für gewalttätige Übergriffe. Der misanthropische Rentner begegnet diesem Szenario mit Abscheu und allerhand reaktionären Sprüchen. Als eine südostasiatische Familie ins Nachbarhaus einzieht, lässt er sie seine rassistische Grundeinstellung deutlich spüren. Da wird schon mal das kriegserprobten Sturmgewehr in Anschlag genommen, wenn Unbefugte es wagen seinen heiligen Rasen zu betreten. Die Situation droht zu eskalieren, als Kowalski den Sohn seiner Nachbarn auf frischer Tat ertappt, als dieser im Zuge eines Initiationsrituals ausgerechnet seinen geliebten Gran Torino stehlen soll.

Bis zu diesem Zeitpunkt bedient Eastwood ganz bewusst die Erwartungshaltung des Zuschauers, indem er Walt unverhohlen als mürrische Rentnerausgabe Dirty Harrys anlegt.  Zynische, politisch bis zum Abwinken unkorrekte Oneliner, eine erzkonservative Grundeinstellung sowie der schnelle Griff zur allzeit bereiten und gut geölten Schusswaffe. Auch sein Minenspiel ist eine offenkundige Reminiszenz an Eastwoods ikonenhafte Antiheldenrollen. In Walts Mimik spiegelt sich sowohl der stets verkniffen dreinblickende Mann ohne Namen aus Sergio Leones Dollartrilogie, wie auch der meist verächtliche und angewiderte Gesichtsausdruck  Harry Calahans. Allerdings wird diese vermeintliche Hommage von Beginn an durch Übertreibung und ironische Brechung torpediert. Vor allem die grandios geschriebenen Wortgefechte zwischen Walt und einem jungen, ihn zur Beichte bekehren wollenden Priester, sowie die mit ethnischen Vorurteilen gespickten Rededuelle mit seinem Friseur machen dies deutlich. Gran Torino bekommt hier einen Eastwood-untypischen, komödiantischen Anstrich verpasst, wenn auch einen tiefschwarzen.

Der rassistische Panzer und das faschistoide Weltbild des Kriegsveteranen bekommen erste Risse, als seine asiatische Nachbarschaft ihn mit Dankesbekundungen und Naturalien überschüttet. Das Verjagen einer gewalttätigen Jugendbande, die den Nachbarsjungen Thao zum Gran Torino-Diebstahl angestiftet hatte, macht Walt zum unfreiwilligen Helden seines Viertels. Insbesondere das beherzte Auftreten der intelligenten und burschikosen Nachbarstochter integriert den mürrischen Eigenbrödler daraufhin quasi im Hauruckverfahren in die Migrantenfamilie und lässt seine sorgsam gehegten Vorurteile überraschend schnell dahinschmelzen. Nach anfänglichem Sträuben nimmt er Thao unter seine Fittiche und wird zum Ersatzvater des verunsicherten Jungen. Als die von Walt verscheuchten Teenagergangster Thao und seine Familie mit diversen Gewaltakten und Drohungen überziehen  greift der alte Kriegsheld ein letztes Mal zur Waffe. Und wieder wähnt man sich in einem Dirty Harry-Szenario. Wie Eastwood mit den erneut aufkeimenden Erwartungshaltungen spielt  und diese dann in einer für den Film stimmigen und unerwarteten Weise auflöst, ist einfach nur virtuos.

Gran Torino
ist ein meisterliches und unglaublich souveränes Alterswerk eines offenbar immer noch nicht auf dem Zenit angekommen, passionierten Filmemachers.  Eastwood bringt sowohl als Darsteller wie auch als Regisseur eine der beeindruckendsten Leistungen seiner nicht gerade höhepunktarmen Karriere. Seinem namensgebenden Industrieprodukt gleich, besteht auch der Film Gran Torino aus vielen Einzelteilen und ist doch ein homogenes Ganzes. Regisseur Eastwood liefert unter anderem eine ironische Sezierung amerikanischer Vorstadthöllen, ein tragisches Schuld-Sühne-Drama sowie zynische Kommentare zu Brennpunktthemen wie Rassismus, Migrantentum und bürgerlichem Vigilantismus. Die Vielzahl an komischen, tragischen, sarkastischen und warmherzigen Momenten zu einem ebenso anrührenden wie unterhaltendem und nachdenklich stimmenden Filmgenuss zu verbinden, ist ganz großes Kino.
Das Ganze dann auch noch in den bestimmte Erwartungshaltungen weckenden, selbst geschaffenen Mythos des rechtskonservativen Vigilanten Dirty Harry einzubetten, nur um diesen dann höchstpersönlich in Fetzen zu schießen, zeigt die ganze subversive Abgebrühtheit und Cleverness eines sich  längst mit seiner filmischen Vergangenheit im Reinen befindenden Regisseurs. Die 44er Magnum benötigt er jedenfalls bestimmt nicht mehr um sich Gehör zu verschaffen.

(9,5/10 Punkten)


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