Review

„Heart of Darkness"

Edgar Allan Poe wird in der aktuellen Hochphase des Horror-Genres erstaunlich selten bemüht. Vor allem werkgetreue Adaptionen sind rar gesät. Vielleicht sind seine Geschichten zu surreal, zu wenig vordergründig für den heutigen vor allem Gore-orientierten Massengeschmack. Ohnehin wurden in den 1960er Jahren von B-König Roger Corman und seinem Lieblingsdarsteller Vincent Price bereits zahlreiche Poe-Stoffe kongenial umgesetzt. Wenn sich dann doch mal wieder jemand an den schaurig-düsteren Phantasien des literarischen Horror-Altmeisters versucht, ist zumindest gespannte Neugierde angesagt. Zumal The Tell-Tale Heart nicht nur unter Fans als eine der besten Gruselgeschichten Poes gilt.

Das schwarze Herz (der Originaltitel Tell-Tale nimmt deutlicher auf seinen Ursprung Bezug) ist allerdings nur lose an die berühmte Short Story angelehnt. Hier wie dort geht es um ein „verräterisches Herz". In beiden Fällen wird das Herz eines Mordopfers dem Täter zum Verhängnis. Wenn die eigentliche Geschichte auch nur als Anstoß dient, so erweist der Film dennoch deutlich dem Autor seine Referenz. Tell-Tale ist ein Mischung aus Mystery-, Whodunit- und Horrorthriller angereichert mit phantastischen Elementen und vereint damit die von Poe bevorzugt behandelten literarischen Gattungen.

Computerexperte Terry (Josh Lucas) wurde vom Schicksal arg gebeutelt. Seit dem Tod seiner Frau kümmert er sich aufopferungsvoll um seine schwerkranke Tochter. Wenigstens scheint sein Körper das kürzlich transplantierte Spenderherz ohne große Komplikationen anzunehmen. Doch die Ruhe ist trügerisch. Immer häufiger wird Terry von Visionen heimgesucht, die - wie er nach einigen Nachforschungen mit Schaudern erkennt - den Mord an seinem Spender zeigen. Das neue Herz scheint Informationen an sein Gehirn zu senden. Nach und nach beginnt er gegen seinen eigentlichen Willen den verwickelten Personen nachzustellen und einen persönlichen Rachefeldzug zu starten. Seiner neuen Freundin Elizabeth (Lena Headey) - gleichzeitig auch die liebevolle Kinderärztin seiner Tochter - wird er zunehmend unheimlicher. Aber für den von seinem Herzen angetriebenen Terry scheint es kein Entrinnen zu geben ...

Hat man die medizinisch abstruse These eines Visionen erzeugenden Herzens akzeptiert, wird man mit einem atmosphärisch dichten Horror-Thriller belohnt. Das Erzähltempo ist langsam und bedächtig, ohne allerdings Langeweile aufkommen zu lassen. Josh Lucas und Lena Headey spielen ihre zerrissenen Figuren eindringlich und intensiv. Gerade in den zahlreichen ruhigen Momenten hat der Film seine (schauspielerischen) Stärken. Der Spannungsaufbau ist subtil und teilweise aufreizend gemächlich, zieht im letzten Drittel aber ordentlich an. Die oft unerwartet eingestreuten Gewaltszenen sorgen nicht nur aufgrund ihrer drastischen Darstellung für verstörende Schockmomente in einem über weite Strecken auf seine düstere Stimmung vertrauenden Mystery-Drama.

Storyaufbau und -Entwicklung sind eher klassisch und kommen ohne die ansonsten üblichen radikalen Twists aus. Diese konventionelle Ausrichtung tut dem Film außerordentlich gut und trägt viel zu der sich langsam entwickelnden Sogwirkung bei. Lediglich am Ende hält das schnörkellose Drehbuch noch eine kleine, aber fiese Überraschung für Terry und das Publikum bereit.

Ob Edgar Allan Poe viel Freude an der doch recht freien Adaption seiner Short Story gehabt hätte, ist natürlich rein akademisch. Die geschickt erzeugte Gruselatmosphäre sowie ein langsam aber unaufhaltsam in die Düsternis hinabgleitender Protagonist dürften ihm aber zumindest ein anerkennendes Nicken entlockt haben. Es gibt jedenfalls weitaus schlechtere filmische Verbeugungen vor einem der stilprägendsten amerikanischen Literaten.

(6,5/10 Punkten)

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