Gitti (Birgit Minichmayr) und Chris (Lars Eidinger) machen Urlaub auf Sardinien. Sie arbeitet in einer PR-Agentur, bei der sie Rock-Bands betreut, er ist freischaffender Architekt, der mit seiner Auftragslage nicht zufrieden ist. Gerade erst hatte er erfahren, dass er zusammen mit seinem Partner bei einem Architektur-Wettbewerb durchgefallen ist. Auch die Tatsache, dass ein Auftrag auf Sardinien winkt, kann seine Stimmung nicht wirklich heben, da der Umbau eines Ferienhauses nur wenig seinem künstlerischen Anspruch genügt, aber seine Eltern, in deren Haus er mit Gitti übernachtet und tagsüber am Pool liegt, haben ihre Beziehungen spielen lassen.
Wer die Story über Gitti und Chris an diesen Äußerlichkeiten festmacht, wird nur wenig Freude an dem Film haben, denn dieses Szenario hört sich nach besserer Gesellschaft mit Luxusproblemen an. Ähnlich wie schon Antonioni in den frühen 60ern seine generalistischen Betrachtungen über den Zustand der Gesellschaft in gehobenen Kreisen spielen ließ ,profitiert auch "Alle Anderen" von einer ideologischen Entschlackung, die übliche Probleme wie Arbeitslosigkeit, drohende Armut, Suchtverhalten oder zerbrochene Familienstrukturen außen vor lässt. Keineswegs um diese zu verdrängen, sondern weil sie eine Belastung bedeuten, die den Blick auf generalistische Verhaltensmuster verstellt, egal ob innerhalb einer Beziehung oder gegenüber der Außenwelt.
Voraussetzung für das Verständnis des Films ist zudem, sich weniger auf spezifische Aussagen zu konzentrieren, die sich mit der unmittelbaren Lebenssituation der Protagonisten beschäftigen, sondern den Blick frei zu bekommen, für Verhaltensmuster von Frauen und Männern in der Interaktion und in ihrer jeweiligen Selbstbehauptung. Gerade sehr gute, von einem generalistischen Gedanken geprägte Filme scheitern oft am gewohnten Verdrängungsverhalten der Betrachter. Ein Film wie „Zeiten des Aufruhrs“ (2008) wird als 50er Jahre Emanzipationsdrama abqualifiziert, obwohl dort allgemeingültige Thesen zur individuellen Rolle innerhalb einer anpassungswilligen Gesellschaft aufgestellt werden, und selbst ein kleiner Film wie „En la Cama“ (Chile 2006) wird nur als „One-Night-Stand“ zweier attraktiver Menschen betrachtet, obwohl dort, für Jeden nachvollziehbar, relevante Fragen zum Vertrauen untereinander gestellt werden. Filme dieser Art einzig auf ihre äußerliche Thematik zu reduzieren, die sie gezwungenermaßen als Grundlage benötigen, ist immer gleich bedeutend dafür, sich der eigentlichen Intention nicht zu öffnen.
Dabei macht „Alle Anderen“ diesen Einstieg keineswegs schwer, indem er mit einem Bluff beginnt. Die erste idyllische Aufnahme in einem schönen mediterranen Haus zeigt ein junges Paar mit seinen zwei Kindern, aber dieser erste Eindruck täuscht. Gitti und Chris haben nur auf die Kinder von seiner Schwester aufgepasst und besonders das Verhältnis von Gitti zu der etwa 5jährigen Tochter kann selbst wohlwollend nur als gestört bezeichnet werden. Als die Schwester ihre Kinder wieder abholt, will sie auch ihre Bettlaken abziehen und nimmt dabei keine Rücksicht auf die erschöpft darauf ruhende Gitti. Hier treffen gleich zwei Stereotype aufeinander – der Verantwortung übernehmende Familienmensch und der nur nach seinen hedonistischen Bedürfnissen lebende Mensch. Da Gitti und Chris Mitte 30 und damit schon lange dem Studentenleben entwachsen sind, hängt die Entscheidung zwischen diesen Polen wie ein Damoklesschwert über jeder ihrer Aktionen.
Natürlich ist es angesichts einer Vielzahl von Menschen, die frühzeitig durch Lebensumstände gezwungen werden, Verantwortung zu übernehmen, ein Luxus, überhaupt zwischen solchen Möglichkeiten wählen zu können, aber hier geht es nicht allein um praktische Erwägungen wie etwa eine Familiengründung, sondern um die ganz persönliche Vorstellung von Glück, die jeder Mensch hat und die sein Verhalten steuert. Birgit Minichmayr kann mit ihrem sehr nuancierten Spiel eine Ahnung davon geben, was im menschlichen Unterbewusstsein abläuft. Im Zusammenspiel mit dem angenehm zurückhaltend agierenden Lars Eidinger sind es vor allem die beinahe unsichtbaren Regungen in ihrem Gesicht, die anders als ihr spöttisch, scheinbar selbstbewusster Umgangston den Blick auf ihre wahren Gefühle frei geben.
Die äußeren, manchmal widersprüchlichen Reaktionen lassen sich mit üblichen Floskeln wie mangelnder Konsequenz, Unreife oder Angst nicht erfassen, denn Niemand kann sich ernsthaft davon freisprechen. Viel mehr wird hier erkennbar, dass die Steuerung, die den Menschen zu seinen Reaktionen verleitet, besonders dadurch beeinflusst wird, dass er sich mit seinen Emotionen allein fühlt, weshalb es in Chris und Gittis Beziehung immer wieder zwischen Momenten größter Nähe und höchster Ablehnung pendelt. Durch die Begegnung mit Chris’ altem Studienfreund Hans (Hans-Jochen Wagner) und dessen schwangerer Frau werden Beide scheinbar mit einem funktionierenden und in der Gesellschaft angekommenen Paar konfrontiert, aber auch diese Interpretation ist zu oberflächlich, denn in deren Verhalten werden unterhalb der manchmal dröhnend fröhlichen Oberfläche ähnliche Unsicherheiten spürbar.
„Alle Anderen“ drückt seine Intention im Titel konkret aus, denn er weist auf ein Gefühl hin, dass fast Jeder kennen wird – „alle Anderen“ sind anders als man selbst. Der Film gibt eine Ahnung davon, dass das eine pessimistische Illusion ist, vorausgesetzt man begreift den Film nicht als Studie, die irgendwelche Antworten geben will, sondern spürt die Nähe zu seinen eigenen Emotionen (8,5/10).