Montevideo, die Hauptstadt Uruguays, erscheint vom europäischen Standpunkt weit entfernt. Zudem befindet sich im Mittelpunkt des Geschehens ein einfacher, allein stehender Mann, der bei einem Wachschutz in einem großen Supermarkt arbeitet, und sich heimlich in eine Frau verliebt, die dort in der Nacht putzt. Was im ersten Moment nach keiner übertrieben spannenden Geschichte klingt, ist nicht nur im Detail originell, sondern überraschend vertraut.
Jara (Horacio Camandule) ist groß und kräftig, aber auch etwas untersetzt dicklich. Der Begriff "Gigante" erklärt sich aus seiner Umgebung, denn er überragt die meisten Bewohner seiner Heimatstadt um eine Kopfgröße. Nicht von ungefähr arbeitet er neben dem Wachschutz auch noch als Türsteher bei einer Diskothek. Als ruhiger Typ wird er von seinen Kollegen respektiert, fühlt sich aber als Aussenseiter, weshalb er gegenüber Frauen sehr schüchtern ist. Tagsüber sieht er sich im Fernsehen Wissenssendungen an, woraus ein Großteil seiner Bildung stammt, oder er spielt mit seinem Neffen, auf den er regelmässig aufpasst, Computerspiele.
Sein Leben in der Großstadt wirkt genauso austauschbar wie der Supermarkt, auf den er nachts aufpasst. Das ändert sich, als er eine Situation über die Videokameras bemerkt, in der eine Putzkraft versehentlich einen Stapel mit Haushaltsrollen umschmeisst. Als ein leitender Angestellter die junge Frau kritisiert, reagiert Jara spontan und lässt diesen an einen anderen Ort rufen. Er stellt fest, dass es sich bei ihr um Julia (Leonor Svarcas) handelt, und beginnt, sie systematisch zu beobachten. Nach einiger Zeit genügt ihm die nächtliche Verfolgung nicht mehr, sondern er weitet diese auf den Tag aus, indem er ihr auf Schritt und Tritt folgt.
Das er dabei nicht wie ein verrückter Stalker wirkt, liegt nur an seiner schwergewichtigen Figur, die ständig Ruhe ausstrahlt. Tatsächlich nimmt man Teil an seinen Erkundigungen, die unmerklich einen Ausbruch aus den gewohnten Abläufen bedeuten. Das hängt direkt mit der Person der Julia zusammen, bei der es sich um eine Frau aus einem ländlichen Gebiet handelt, die erstmals nach Montevideo gekommen ist. Erstaunt stellt Jara nicht nur fest, dass sie, ebenso wie er, "Metal" bevorzugt, sondern seine Heimatstadt mit ganz anderen Augen sieht. So geht sie gerne an den Sandstrand vor der Hochhauskulisse Montevideos, den die Einheimischen nicht mögen.
Jara wird aber auch damit konfrontiert, dass die hübsche Julia Kontakt sucht. Am Arbeitsplatz scharwenzelt ein Kollege um sie herum, der dazu noch die Lorbeeren für den kleinen Kaktus einheimst, den er ihr heimlich hingestellt hatte. Und er wird Zeuge eines Blind-Dates, dass sie übers Internet veabredet hatte. Während er selbst es nicht wagt, direkt Kontakt zu ihr aufzunehmen, greift er zunehmend in Abläufe ihres Lebens ein, als er etwa den Mann vor Dieben schützt, den Julia zuvor getroffen hatte. Auch versucht er zu verhindern, dass ein Anderer bei ihr landen kann, weshalb er ihr immer näher kommt, bis er einen konkreten Kontakt kaum noch vermeiden kann...
"Gigante" überzeugt mit einer Mischung aus Realismus - ohne dabei, trotz der ständigen Angst vor Entlassungen, zu sehr an der sozialkritischen Schraube zu drehen - und einer skurrilen Poesie, die dem Betrachter nicht nur die Menschen und deren Lebensumstände in Montevideo nahe bringen, sondern sie vertraut erscheinen lassen. Die lässig, entspannte Art, mit der der Film seine Geschichte entfaltet, unterhält nicht nur durchgehend, sondern vermittelt die Realität ohne unnötige Zuspitzung. Monotonie, Einsamkeit und die tägliche mediale Ablenkung bestimmen hier, ähnlich wie fast überall auf der Welt , das großstädtische Leben, weshalb der merkwürdige Weg des eigenbrötlerischen Jara wie eine Befreiung daraus erscheint. Das Happy-End liegt dann auch weniger im Erfolg bei der angebeteten Frau, den der Film nicht abschliessend verdeutlicht, sondern in Jaras Konsequenz den Sprung aus der Gleichförmigkeit zu wagen (8/10).