|
 |

Ansicht eines Reviews
Es war einmal in Amerika (1984)
Eine Kritik von Fastmachine (Bewertung des Films: 6/10) eingetragen am 14.01.2008, seitdem 639 Mal gelesen
Wenn ein längst tot geglaubter, einst hoch verehrter Künstler mit einem Werk in die Welt der Lebenden zurückkehren möchte, das alle Anzeichen monumentalen Anspruchs vor sich herschiebt, dann erwartet er im Stillen Genugtuung für all die verlorenen Jahre voll vergeblicher Hoffnungen. „Es war einmal in Amerika“ greift die losen Fäden auf, die Sergio Leone über ein Jahrzehnt früher hatte fallen lassen.
Alledem, was früher nur unter den Zwängen und Vorgaben der Filmindustrie unvollkommen zu verwirklichen war, wollte er nun die gültige Fassung in Form und Inhalt geben. Über 220 Minuten nimmt sich der Film Zeit, um in ganz tiefen epischen Atemzügen dem beispielhaften Lebensweg von Noodles (Robert DeNiro), einem kleinen Straßengangster, überhaupt Leben einzuhauchen.
Leone erzählt weniger die Geschichte eines bemerkenswerten Menschen, sondern verschränkt die tatsächliche Biografie von Noodles mit seinen Lebensentwürfen, seinen Illusionen, sowie der langsam und viel zu spät wachsenden Selbsterkenntnis, Zeit seines Lebens vollkommen unwissend gewesen zu sein gegenüber den Kräften, die seine Existenz in Wahrheit bestimmten. Noodles steht vor der bitteren Einsicht, ein falsches, restlos vergebliches Leben gelebt zu haben.
Schicht für Schicht trägt Leone im Rückwärtsgang die Täuschungen und Selbsttäuschungen ab, die Noodles Leben erstickten. Kleine Leitmotive, wie das Klingeln eines Telefons, hallen echoartig durch die Episoden der verschachtelt erzählten Lebenszeit. Ein Opiumrausch oder ein sexueller Reiz lösen Schübe von Erinnerungen aus, von denen sich nicht ganz eindeutig sagen lässt, ob es sich um reine Selbstdeutungen Noodles handelt oder um objektiv erzählte Rückblenden, die Noodles Erinnerungsschübe nur als Auslöser brauchten.
Wie immer man auch den Wirklichkeitsgrad der Erinnerungsphasen einschätzt, sie vermitteln den Eindruck eines hochgradig traumatisierten Lebens. Geradezu zwanghaft kreist das Erinnern um wenige Figuren und Motive, die allen anderen Sphären der Lebenswirklichkeit kaum Raum zum Atmen lassen. So stark ist dieser Zwangscharakter, dass er schon fast die epische Wirkung des groß angelegten Epochendramas gefährdet. Leone hatte eine Vision, genug Geld und die Akribie, längst vergangene New Yorker Milieus der Vorkriegszeit bis ins kleinste Ausstattungsdetail wieder zu beleben. Trotz allem peinlich genauen Naturalismus im Detail, bleibt die New Yorker Vergangenheit eine Chimäre und keine überzeugende Beschwörung einer Epoche. Sie wirkt nicht amerikanischer als seine Italo-Western.
Übergreifende Wirkung auf den künstlerischen Kern des Films haben nur die persönlichen Beziehungen der drei Hauptfiguren zueinander. Damit knüpfen sie an die vertrauten Muster von Leones Western an. Seine Figuren waren von Beginn an von einem traumatischen Ereignis in ihrer Vergangenheit geprägt, ja für alle Zeiten festgelegt. Im Verlaufe seines Werkes verändert sich die Gewichtung der zeitlichen Sphären bei Leone deutlich. Die Gegenwart trat immer mehr hinter dem düsteren Gewicht des Vergangenen zurück. Die lebendige Gegenwart, die in der Dollar-Trilogie noch im Mittelpunkt der Erzählung stand, versinkt seit „Spiel mir das Lied von Tod“ zu einem ferngesteuerten Nachspiel, das nur noch vollstreckt, was an unwiderruflichen Entscheidungen in der Vergangenheit gefallen war.
Leones Figuren wehren sich nicht gegen die Macht ihrer Vergangenheit, sie nehmen deren lebensbeherrschende Wirkung fatalistisch hin. Nicht nur die Figuren, auch der Erzählton des Films wird von Melancholie überflutet. Lange, überlange Einstellungen erinnern immer schmerzhafter an die vergebenen Möglichkeiten und verewigen in elegischer Bedeutungsschwere den Moment des entscheidenden Sündenfalls. Außerhalb dieser Zwangserinnerungen existieren keine Lebensmöglichkeiten. Leider gilt dies nicht nur für die Figur Noodles – das wäre ja eine interessante Figurencharakterisierung - sondern für die gesamte Filmwirklichkeit von „Es war einmal in Amerika“. Ein Blick auf die älteren Filme von Leone macht sofort klar, dass hier lange angelegten, persönlichen Haltungen Leones monumentale Geltung verschafft werden soll. An dieser Stelle erreicht man die dunkle Seite von Leones Welt.
Nahtlos durchziehen die Filme Leones Szenen, in den Kinder die Zeugen von Gewalttaten werden, denen sie fasziniert folgen, oder aber schlimmer, sie werden Opfer von amoralischer Gewalt. Solche Momente bestimmen ihr restliches Leben, denn diese Kinder werden in Leones Welt zu großen Kindern heranreifen, aber niemals zu Erwachsenen. Aus guten Gründen sollte man, solange es mit guten Gründen eben möglich ist, zwischen dem Künstler und seinen Figuren unterscheiden. Wenn aber der Künstler, hier Sergio Leone, diese Distanz selbst einreißt, weil die beängstigend manische Verfolgung bestimmter Motive die Hauptquelle seiner Kreativität war, dann darf man auch dieses feststellen.
Die Konzentration auf absolut gesetzte Momente jugendlicher Verstörung beschädigt spätestens in diesem Film die künstlerische Substanz von Leones Werk. Man könnte dies an verschiedenen Aspekten des Films belegen. Überdeutlich wird es vor allem an der Darstellung von Noodles Umgang mit Frauen, der schon bei Erschienen des Films ein Stein des Anstoßes war. Noodles kann niemals ein erwachsenes Verhältnis zu einer Frau entwickeln, er sieht sie als unerreichbar oder als Hure. Die einzige Lösung für ihn ist Gewalt. Auch das wäre angemessen, ginge es hier um die Schilderung eines Charakterzuges des Gangsters Noodles.
Fatalerweise aber ist das auch die einzige Form, in der Leone überhaupt seinen Frauenfiguren, ja seiner Vorstellung von Sexualität, Gestalt gibt. Frauen werden von Leone aus Erzählerperspektive nicht anders geschildert, als sie die Figur Noodles wahrnimmt. Man könnte nun anhand dieser fragwürdigen Elemente Leone den Strick wegen Misogynie drehen, stellen sie doch für den unvoreingenommenen Betrachter eine unheilvolle Kumpanei des Regisseurs mit den abstoßenden Seiten seiner Figuren dar. Die Unwahrhaftigkeit dieser Szenen beschädigt den Anspruch des Films auf erzählerische Welthaltigkeit. Auch wenn gerade diese Elemente ins Auge stechen, so muss man hier auf der Suche nach den Ursachen dieser Entgleisungen nicht stehenbleiben. Ich halte Leones Misogynie nur für ein abgeleitetes Phänomen, das aus dem Zwangscharakter seiner Erinnerungsmonomanie folgt.
Obwohl Leone sich in dieser Hinsicht sehr treu geblieben ist, hat dies seine Western wenig bis gar nicht beschädigt, da in ihnen ein produktives Gegenmoment vorhanden war, nämlich die formgebende Wirkung der Genrekonventionen. Natürlich sind die oben geschilderten Elemente auch in der Genreform des Westerns ebenso fragwürdig, aber da sie sich durch die ganz anders gelagerten erzählerischen Notwenigkeiten nicht entfalten können, erhalten sie kein schädliches Gewicht. Das Publikum wollte einen unterhaltsamen Western, eine wilde Räuberpistole und keine exzessive Erinnerungsmonomanie. Die guten alten Produzenten, zum Glück geldgierig und opportunistisch wie immer, gaben ihm, was es wollte und legten Leones Talent Fesseln an.
Sein Erfolg ermöglichte es Leone, die Fesseln abzuwerfen und, so meinte er, sein eigentliches Werk, das er schon seit den sechziger Jahren plante, anzugehen: Es war einmal in Amerika. Es dauerte über zehn Jahre, in denen Leone verbissen an seinem Traum arbeitete, bis er endlich, schon längst abgeschrieben, mit seinem Film zurückkehrte. Beides, die endlich erreichte künstlerische Freiheit und die übermäßig lange Zeit der Realisierung, hatten jedoch ganz andere, als die erwarteten Folgen.
Die vermeintliche Freiheit führte paradoxerweise zu einer Verengung der Weltsicht. Der Verzicht auf das Skelett der Genrekonventionen erwies die Einförmigkeit von Leones künstlerischer Substanz, die Erstarrung seines kreativen Gedankens.
Wie kann man so einen Vorgang deuten? Soll man Weisheiten herbeizitieren? Philosophische Krankheiten rühren meist daher, dass man den Geist mit einseitigen Beispielen ernährt. Leone hatte zu lange um immer denselben Gedanken gekreist.
Seine einst produktiven Phantasien wandelten sich zu einem Phantasma, das sich selbst erhält, und die Wirklichkeit danach filtert, ob sie zu seiner eigenen Erhaltung beiträgt. Lange verinnerlichte und nicht mehr hinterfragte Haltungen wurden unzulässig überdehnt.
Nur einen glücklichen Moment kann man die Idee greifen, dann entgleitet sie einem und aller Aufwand, sie wieder zu gewinnen, entfernt einen von ihr. Das Festhalten an der falschen Methode erzeugt künstlerisches Gift.
So ist „Es war ein mal in Amerika“ zweifellos Leones persönlichster Film, der handwerklich makellos mit den eigenen Stilelementen jongliert und doch Entscheidendes verloren hat. Leones verinnerlichte Haltungen stehen in keinem produktiven Verhältnis zu der im Film entworfenen Lebenswelt. Das jüdische Milieu wirkt aufgesetzt, die geschichtlichen Kräfte, deren Reichweite der kleine Straßengangster Noodles nicht versteht, werden auch von Leone selbst nur oberflächlich, ja klischeehaft verkürzt angedeutet. Das ist für einen episch so weit ausholenden Film wie „Es war einmal in Amerika“ deutlich zu wenig.
Einem Geringeren wäre es gar nicht zu verzeihen, was dort zu sehen ist. Man ahnt, was Leone einst vorgeschwebt hat. Der Film hat einen konsequent durchgehaltenen elegischen Ton und epischen Atem, doch die Welt, die Leone vermeintlich entfaltet, erweist sich als sehr klein. Reichte sie nur bis Noodles Bauchnabel, es wäre ein Kunstgriff, aber sie reicht leider nur bis zu Leones Bauchnabel.
Woran soll, woran kann man die Qualität ein solchen Films messen? „Es war einmal in Amerika“ ist eine ins Leere laufende Stilübung Leones. Eindrucksvoll monumental in Leere laufend, aber orientierungslos. Selten hat jemand auf so brillante, so persönliche und so kunstvolle Art so wenig erreicht. Vielleicht auch eine Warnung, dass der Fanatismus zur letzten Konsequenz, auch beim Erreichen künstlerischer Ideale, fatale Nebenwirkungen haben kann.
Volle Gerechtigkeit kann man gegenüber diesem Werk wohl nicht mehr üben, das Leone auf der Höhe seiner Kunst zeigt, diese aber schon den Zenit ihrer allgemeinen Gültigkeit weit überschritten hatte. Das starre Festhalten an fragwürdigen Prinzipien lässt die Nachtseiten eines großen Talentes Überhand gewinnen. Ein seltsamer Film eines seltsamen Menschen.
 | "Surprise me!" BETA |
Zur Übersichtsseite des Films Liste aller lokalen Reviews von Fastmachine
Zurück
 |
 |
|