|
 |

Ansicht eines Reviews
Spiel mir das Lied vom Tod (1968)
Eine Kritik von Fastmachine (Bewertung des Films: 9/10) eingetragen am 02.01.2005, seitdem 643 Mal gelesen
Wer vom „Ende“ einer Sache redet, hat ein bestimmtes Interesse daran.
Seit Sergio Leones Film „Spiel mir das Lied vom Tod“ Ende der 1960er Jahre in die Kinos kam, wird er von einem nicht enden wollenden Strom von Kritiken begleitet, die ihn als „Abgesang“, „Letztes Wort“ oder einfach als „Ende“ des Westerns würdigten. Schon die Western der 1960er Jahre galten demzufolge als „Spätwestern“, die dem klassischen Western der 1930er bis 1950er Jahre den Garaus gemacht hätten. Nun sind seitdem auch schon über dreißig Jahre vergangen und der Western lebte weiter, dem Spätwestern folgte – ja was eigentlich? Der „Spätestwestern“?
Nach dreißigjähriger Beschwörung scheint mir das ganze Gerede vom „Ende“ des Westerns oder von den angeblichen „Spät“-Western reichlich abgenutzt. Eher wird es doch so gewesen sein, dass durch den Vietnamkrieg und die gesellschaftlichen Umbrüche der 1960er Jahre das in den klassischen Western vermittelte Selbstbild Amerikas brüchig geworden war. Um es mit dem Holzhammer auf die simpelste Formel zu klopfen: Der schmutzige Krieg in Vietnam ließ auch die Geschichte des Wilden Westens schmutzig werden.
Die Epoche des Vietnamkrieges ist längst selbst Vergangenheit und mit ihr die des „Spätwesterns“. Wenn es nun aber so ist, dass das „Ende“ des Westerns nur eine zeitgebundene, modische Formel aus den 1960er Jahren war und eben nicht das Ende eines Genres meinte, sondern nur eines bestimmten Stils: Was ist dann „Spiel mir das Lied vom Tod“?
Den „Spätwestern“, will heißen den Italowestern, hat Sergio Leone mit der Dollar-Trilogie um drei kraftvolle, auch heute noch lebendige Werke bereichert. An diesen Filmen ist nichts „Spätes“, „Altes“ oder „Kraftlos-Resignatives“. Wer „Zwei glorreiche Halunken“ gesehen hat, wird darin sicher keine Krise des Westerngenres erkennen. Im Gegenteil: Selten ist so opulent, dynamisch und lustvoll erzählt worden. Umso erstaunlicher ist der völlige Bruch mit der Dollar-Trilogie, den Leone in dem unmittelbar darauf gedrehten Film „Spiel mir das Lied vom Tod“ vollzog. Hat Leone eben noch eine inhaltlich aus allen Nähten platzende Abenteuergeschichte von drei grundverschiedenen Charakteren auf der Suche nach dem Gold erzählt, so verschwindet hier die Handlung fast hinter der Inszenierung. Alle Leichtigkeit und Komik ist verschwunden. Es ist, als ob in einer Oper mit derselben Kulisse und denselben Kostümen ein ganz anderer Ton angeschlagen würde.
Erklärbar ist dies durch die Tatsache, dass Leone sich selbst nie als bloßer „Westernregisseur“ sah, wie er in der Öffentlichkeit damals wahrgenommen wurde. Längst hatte er nach der Dollar-Trilogie Pläne für ganz andere Filme. Eigentlich wollte er keinen Western mehr drehen, doch auf Grund des kommerziellen Erfolges seiner vorherigen Filme überzeugte man ihn schließlich, noch einmal im selben Genre zu bleiben. Das Ergebnis fiel dann aber völlig anders aus als vom Publikum erwartet, so dass der Film vor allem in den USA hinter den Erwartungen zurückblieb. Nicht unberechtigt übrigens. Das Publikum erwartete einen Western, aber was bekam es stattdessen? Die Antwort auf diese Frage erhält man am ehesten, wenn man das, was man für eine unumstößliche Gewissheit hält, nur für einen Augenblick mal als aufgehoben denkt.
Nämlich die Gewissheit, dass es sich bei „Spiel mir das Lied vom Tod“ um einen Western handelt. Sicher, malerische Szenen im Monument Valley, die realistischen Kulissenbauten der Westernstädte und Revolverhelden mit Cowboyhut und Schießeisen nähren den Verdacht, es könnte so sein. Lässt man sich aber von der Dekoration nicht blenden und von dem ganzen haltlosen Gerede über einen „Abgesang“ auf den Western ebenso wenig, sondern wirft einen Blick auf das Gesamtwerk Sergio Leones, dann böte sich eine andere Deutung an.
„Spiel mir das Lied vom Tod“ stünde dann nicht für das „Ende“ des Westerns, es stünde eher für einen Umbruch im Werk Leones. An opernhaft stilisierten Abenteuerfilmen im Westerngewand hatte er kein Interesse mehr, sondern er war auf dem Weg zu sehr persönlichen Historienfilmen, die die amerikanische Geschichte symbolisch deuten wollten. Was Leone letztlich vorschwebte, hat er dann wohl erst in „Es war einmal in Amerika“ gültig verwirklicht. Man könnte also überspitzt zu „Spiel mir das Lied vom Tod“ sagen, dass Leones Absichten schon wo ganz anders lagen, er schon mit Erzählformen arbeitete, die gar nicht für Westernfilme gedacht waren. Auch das Tempo des Films, der angeschlagene Grundton ist längst nicht mehr der eines Westerns. Inhaltlich deutet sich hier schon der Übergang zum Historienfilm an, denn die brutale Erschließung des Westens durch die Eisenbahn liefert den geschichtlichen Leitfaden. Die Modernisierung verdrängt die Abenteurer alten Schlages. Der wahre Herrscher des Westens ist nicht mehr der Revolver, sondern das Geld. Unsichtbar wirkt es im Hintergrund, während im Vordergrund noch einmal die Revolverhelden alten Schlages das Geschehen zu beherrschen scheinen. Doch haben ihre Taten etwas so übersteigert Monumentales, dass sie schon geisterhaft wirken. Nicht pralles, wuseliges Leben macht hier die Geschichte aus, sondern die Inszenierung einzelner mythisch-schicksalhafter Augenblicke. Die beteiligten Revolverhelden haben auch kaum mehr eine wirkliche Biographie, sie sind eher Verkörperungen bestimmter Typen. Zu den vielen Stärken des Films zählt seine herausragende Besetzung. Mit Henry Fonda in der Rolle des skrupellosen Schurken Frank gelang Leone ein Coup, der alle Publikumserwartungen auf den Kopf stellte. Jason Robards spielt den sympathischen „Halunken“ Cheyenne im Sinne der Dollar Trilogie. Charles Bronson hingegen ist der mysteriöse Fremde ohne Namen, der früher von Clint Eastwood verkörpert wurde.
Wie weit Sergio Leone innerlich schon vom Western entfernt war, zeigt sich in der schon fast dreisten Art, mit der die Handlung aus Versatzstücken eigener und fremder Westernklassiker zusammengesetzt wurde. Die berühmte Eröffnungsszene an der Bahnstation: Drei Gangster sind finster entschlossen jemanden Unbekannten zu erschießen. Nachdem die Spannung bis ins Unermessliche gesteigert wurde, geht die Sache dann ganz anders aus, als erwartet. Mit einem Wort: fast eine 1:1 Kopie aus „Zwei glorreiche Halunken“, nur noch endloser gedehnt und noch bizarrer inszeniert.
Ebenfalls dreist aus „Zwei glorreiche Halunken“ kopiert die nächste Szene: Ein Finsterling bricht in das friedliche Familienleben einer Farmerfamilie ein und bringt Tod und Verderben mit. Aber ebenso auch hier: Neues erfinden will Leone gar nicht, aber Altes ganz anders inszenieren. Die Mordszene in „Spiel mir das Leid vom Tod“ ist ungleich brutaler, selbst vor dem Kindermord macht Frank keinen Halt mehr, wo Sentenza in „Zwei glorreiche Halunken“ sich immerhin noch mit einem Kampf der Erwachsenen begnügte.
Im Grunde gehört eine solche Szene nicht mehr zum Repertoire des Westerns. Wenn man sich aber klar macht, dass Leone eigentlich an einem Film über Bandenkriege arbeitete, nämlich „Es war einmal in Amerika“, dann wird einem klar, das hier schon die Brutalität und die geldgierige, mit kaltem Pathos übertünchte Mafiamentalität aufscheint.
Loyalität wird hier mit Geld gekauft. Wie im Mafiafilm werden Franks Bandenmitglieder bestochen, ihren eigenen Chef auf dem Weg zu räumen. Die Zwiespältigkeit dieses Films zeigt sich daran, wie der Kampf inszeniert wird. Nämlich mit Zitaten aus „12 Uhr Mittags“ und wiederum Leones alten Filmen.
Wenn man sich nicht für die früheren und die späteren Filme Leones interessiert, sondern nur andere Western zum Maßstab der Beurteilung macht, könnte man durchaus mit Berechtigung diesen Film in mehreren Punkten kritisieren. Man könnte die inhaltliche tatsächlich nicht allzu tiefe Eisenbahngeschichte für zu simpel halten, man könnte die Motivation der Helden für holzschnittartig und ihre Charaktere für eindimensional, weil praktisch nie vertieft, halten. Alles richtig, aber es ist eben auch gar nicht Absicht dieses Films, derartigen Maßstäben zu entsprechen.
Wer also hier die „dünne Geschichte“ bemängelt oder die „gestreckte Handlung“, ja im Grunde die „Länge“ des Films in krassem Widerspruch zum vermuteten „Inhalt“ sieht, hat einerseits natürlich Recht, ist aber andererseits auf dem falschen Dampfer – nein, falscher Ausdruck - er ist bildlich und buchstäblich im „falschen Film“.
Einen Wildwest-Abenteuerfilm wollte Leone nicht mehr drehen, einen reinen Geschichtsfilm durfte der noch nicht drehen, so blieb ihm diese eigentümliche Mischform. Wer mit einem Genre bestimmte inhaltliche und erzählerische Konventionen verbindet, wird hier möglicherweise enttäuscht. Was er geboten bekommt, ist mehr die Stilübung eines Regiekünstlers, der hier mit souverän beherrschten Western-Versatzstücken spielt, um sich eine neue Filmsprache zu erfinden, mit denen er uns dann später endlich die Geschichte erzählen kann, die er hier eigentlich erzählen wollte, aber noch nicht durfte.
Als Stilübung ist „Spiel mir das Lied vom Tod“ brillant, als Western aber nur noch bedingt zu zählen. Wer einen Western will, der noch ganz in sich selber lebt und nicht nur Hüllform ist für ein ganz anderes Interesse des Regisseurs, der ist mit „Zwei glorreiche Halunken“ weitaus besser bedient.
Insofern sind alle Streitgespräche über die Qualität des „Westerns“ mit dem Titel „Spiel mir das Lied vom Tod“ gegenstandslos, da sie von der falschen Voraussetzung ausgehen, dies wäre das „letzte Wort“ Sergio Leones zum Western und insofern eine Art Steigerung zur Dollar-Trilogie. So ist es aber nicht. Daher spiegeln die sehr unterschiedlichen Einschätzungen dieses Films nur die zwiespältige Aufnahme von Leones Spätwerk insgesamt wieder. Und dieses Spätwerk hat zwar seine Bewunderer, konnte aber niemals die unmittelbare Popularität der Dollar-Trilogie erlangen.
Fazit: „Letzte Worte“ mögen das Westerngenre nicht beenden, dieses Review aber wohl. Mein derzeitiges „letztes Wort“: Ich schätze diesen seltsamen Film sehr, doch sehen kann ich ihn nur in größeren Abständen. Etwas schätzen und etwas unmittelbar mögen ist meistens nicht dasselbe. „Zwei glorreiche Halunken“ werde ich immer mögen, als Western bleibt er unübertroffen. Wer Leones mythische Geschichtsfilme hingegen schätzt, wird wohl eher „Es war einmal in Amerika“ für das Meisterwerk halten.
Trotzdem: „Spiel mir das Lied vom Tod“ ist eine vollkommen eigenständige Leistung Leones, die im Grunde mit dem typischen Italo-Western nichts zu tun hat. 9/10.
 | "Surprise me!" BETA |
Zur Übersichtsseite des Films Liste aller lokalen Reviews von Fastmachine
Zurück
 |
 |
|