Erst mit dem Tod kommt der Ruhm. Dies dürfte vor allem in der Promi-Welt keine unbekannte Tatsache sein. Sei es Falco, sei es Elvis oder ganz aktuell Michael Jackson. Wenn ein Star erst Tot ist, dann kommen sie noch einmal alle aus den Löchern gekrochen. Die gierigen Geldgeier, die möglichst schnell noch einmal viel Kohle machen wollen und den Verstorbenen mitunter zu Ehren reichen, die diese im Leben nie gehabt haben. Doch manchmal hat dies, selbst wenn es merkwürdig klingt, auch sein Gutes. So sieht es mit Stieg Larsson und seiner Millenium-Trilogie aus. Der verstorbene Schrifsteller kam zu Lebzeiten nie zu wirklichem Ruhm, doch seine Bücher machen momentan die Welt unsicher und kratzen ordentlich an den Toplisten der Welt. Kein Wunder, sind die Bücher doch viel mehr als nur gewöhnliche Krimis. Und nun dürften die Bücher noch weiteren Ruhm erfahren, denn wie viele gute Bücher so sind auch Larssons Werke bester Filmstoff. Back to Back abgefilmt, beginnt die Millenium-Trilogie nun ihren Streifkurs durch die Kinos mit "Verblendung" und zeigt damit gleich alle Qualitäten auf, die die Reihe hat und liefert dabei das vielleicht spannendste Kinoerlebnis der letzten Zeit ab.
"Verblendung" erzählt die Geschichte des Reporters Mikael Blomkvist, welcher für die Zeitschrift "Millenium" arbeitet. Da er sich mit den Großen der Welt jedoch einmal zu viel anlegt, wird er wegen Verleumdung zu einer Haftstrafe verurteilt, welche er in einem 1/2 Jahr antreten muss. Bis dahin hat er jedoch Zeit für einen mysteriösen Fall, den ihm ein alter Mann aufträgt. Dieser bekommt jedes Jahr zu seinem Geburtstag eine getrocknete Blume zugesendet, genauso wie seine verschwundene Nichte ihm, vor über 40 Jahren, immer eine zum Ehrentag geschenkt hat . Diese ist jedoch damals auf mysteriöse Weise verschwunden und nun soll Blomkvist Licht ins Dunkel bringen. Unterstützt wird er dabei von der genauso rebellischen wie gefährlich wirkenden Security-Mitarbeiterin Lisbeth Salander, welche jedoch ein dunkles Geheimnis in sich birgt. Die Spurensuche kann beginnen... Und diese wird auf den Zuschauer übertragen, wie seit Jahren keine Zweite. Auch wenn die Story zunächst wie eine gewöhnliche 08/15-Kriminalgeschichte wirkt, so besitzt sie doch weit mehr, als den üblichen "Spuren suchen, Spuren finden, Mörder stellen"-Ablauf. Sie ist vielmehr eine äußerst clevere Mischung aus hochspannenden und mit mancher Wendung gespickten Thriller und einem tiefen, teils höchstdramatischen Blick in das Dunkel der menschlichen Seele.
Doch bevor sich diese beiden Eigenschaften des Films vermischen, werden die beiden Hauptfiguren in eigenen Handlungssträngen vorgestellt, bei denen die eine Figur zunächst den Kriminalpart inne hat, und die andere Figur den psychologischen Teil. Blomkvist, welcher vor seiner Haftstrafe auf einen merkwürdigen Trip, genauer, auf die Suche nach einem verschwundenen und wahrscheinlich toten Mädchen geschickt wird, wird mit all seinen Facetten und Hintergründen vorgestellt. Er bekommt einen optimalen Backround und eine Tiefe, die für einen Krimi mitunter fast schon übermäßig tief erscheint und dennoch immer noch zum Greifen nahe ist, so das sich der Zuschauer mit ihm nicht sonderlich schwer identifizieren kann. Er ist ein ganz normaler Familienmensch, er feiert ganz normal Weihnachten. Doch für eine gute Story, welche nach ungeheuer spannendem Stoff klingt, lässt er seine Familie auch schon einmal zurück, ohne eine Ahnung zu haben, auf was er sich dabei letztendlich einlässt.
Auf der anderen Seite, bzw. im anderen Strang haben wir dann Lisbeth, welche einen kleinen Nebenjob bei einer Security-Firma hat, mit ihrem Leben aber auch so einige Problemen zu haben scheint. Sie hat, trotz ihres Alters von 24 Jahren, einen Vormund, welcher ihr schauriges Geheimnis kennt und ihre Situation schamlos ausnutzt und sogar vor sexueller Vergewaltigung nicht zurückschreckt. Nebenbei hängt sie sich an einen gewissen Mikael Blomkvist ran, hackt sich sogar in dessen Computer ein. Als sie langsam mitbekommt, dass dieser an einem Fall dran ist, der auch sie fasziniert, fängt sie an ihm zu helfen, bis beide Handlungsstränge ineinander greifen.
Und somit auch der Kriminologische Teil und der psychisch dunkle Teil des Geschehens. Wie man schnell merkt ist natürlich Blomkvists Part der Kriminalistische. Und von Anfang an weiß dieser zu gefallen und den Zuschauer in den Bann zu ziehen. Was geschah wirklich mit dem verschwunden Mädchen? Was hat die merkwürdige Familie des Opfers damit zu tun? Und wie sind die mysteriösen Tagebucheinträge des Opfers zu deuten? Fragen über Fragen tun sich auf und halten den Zuschauer auf Trab. In einer nicht vorhersehbaren und zudem mörderisch spannenden Art und Weise der Inszenierung, weiß vor allem der Buchunkundige Kinogänger öfters nicht wie ihm geschieht und ist der Hauptfigur auch nie mehr voraus, als unbedingt nötig. In den entscheidenden Fragen dürfte er sogar stetig auf gleicher Augenhöhe wie Blomkvist sein, was dem Film eine besondere Würze der Faszination verleiht. Kurzum, wer auf handfeste Krimis steht, ist hier definitiv richtig. Jedoch Vorsicht: Ein reinrassiger Krimi ist "Verblendung" nicht.
Denn, wie schon angedeutet, lässt Larsson in seiner spannenden Geschichte auch einen Blick auf das Dunkel in der menschlichen Seele frei und das in einer derartig schockierenden Klarheit, dass man nach dem Film noch lange mit sich kämpfen muss, um das Gesehene wirklich zu verarbeiten. Denn Lisbeth lebt, anders als Mikael, in einer dunklen Welt und diese wird dem Zuschauer mit aller Drastik vorgeführt. Wie sie nicht selten dem Gespött der Anderen ausgesetzt ist, weil sie gepierct und nahezu komplett schwarz durch die Gegend rennt. Wie sie von ihrem Peiniger zum Oralsex gezwungen und später sogar wirklich von ihm vergewaltigt wird. Und wie sie sich drastisch dafür rächt. Larsson zeigt menschliche Abgründe auf, jedoch ohne sich daran zu laben, sondern sie einfach nur in all ihrer Drastik genauso realistisch wie abstoßend aufzuzeigen. Von purem Folterkino oder gar Zugeständnissen an das Gore-geifernde Publikum kann jedenfalls keine Rede sein, sondern eher von einem Blick auf die Dunkelheit im Menschen, wie er klarer nur selten war.
Wenn diese beiden Handlungsabschnitte dann ineinander greifen wird klar, dass der Zuschauer nun völlig von dem Krimipart auf der einen Seite und psychologischen Teil auf der anderen Seite ergriffen wird und bis zum Ende auch nicht davon loskommt. Da tun sich Welten auf, wenn auch Mikael langsam in den dunklen Sog der Düsternis "Mensch" gezogen wird und Lisbeth trotz all ihrer grausigen Erlebnisse und Taten in der Vergangenheit beweisen kann, was für ein guter Detektiv sie doch ist. Mit einer spürbaren Cleverness verzwurbelt, mit glaubhaften Aha-Effekten versetzt und einer mehr als ordentlichen Auflösung versehen, hält "Verblendung" einen bis zum Abspann vollkommen in seinem Bann.
Und das liegt nicht nur an der tiefgründigen und vielschichtigen Story, sondern auch an der gelungenen Inszenierung. Auch wenn ich die Bücher leider noch nicht kenne, so könnte ich mir eine andere Umsetzung als diese hier nicht vorstellen. Durchgehend bleibt nahezu alles grau in grau, es regnet viel und die düsteren Szenen sind mitunter in ein Licht versetzt, dass einem ein kalter Schauer nach dem Anderen über den Rücken läuft. Dazu ein Soundtrack der seines Gleichen sucht und eine Schnittfolge, die nicht besser hätte gewählt werden können. Wenn man wirklich etwas bemängeln möchte, dann höchstens, dass man selbst als Buchunkundiger hier und da merkt, dass doch noch irgend etwas fehlen muss. Wie so oft bei der Verfilmung von dicken Wälzern, musste auch hier sicher das ein oder andere entfernt werden und das wird einem irgendwie auch als neutraler Zuschauer schnell klar. Aber dies ist definitiv ein übliches Manko solcher Filme, welches hier zwar nicht gänzlich retuschiert werden kann, aber zumindest so gelungen umstrickt wird, dass man sich davon nicht allzu lange gestört fühlt.
Zumal auch die Darsteller ihr Bestes tun, um den Film noch zusätzlich aufzuwerten. Vor allem die beiden Hauptdarsteller Michael Nyqvist und Noomi Rapace legen sich wirklich ungemein ins Zeug, um ihren Charakteren und dessen Tiefe gerecht zu werden. Er als cleverer und gut kombinierender Journalist, sie als vom Pech verfolgte und brutaler Gewalt nicht abgeneigte junge Spürnase, die beim Zusammentreffen sofort merken, dass da eine Verbindung zwischen ihnen besteht. Beide spielen ihre Rollen gekonnt aus und machen durchweg eine uneingeschränkt gute Figur. Aber auch die Nebendarsteller überzeugen.
Fazit: Ist Stieg Larssons Roman mindestens genauso so spannend und psychologisch tiefgründig wie seine Verfilmung, dann kann er Dan Browns schweißtreibende aber auch triviale Langdon-Trilogie locker vom Sockel der Thrillerliteratur stoßen. "Verblendung" ist ein mörderisch spannendes und mitreißendes Unterfangen, welches mit einer Vielschichtigkeit und Tiefgründigkeit aufwarten kann, wie man sie von Thrillern sonst eher selten erwartet. Der kriminalistisch hochwertige Schnüffelpart auf der einen Seite und der schmerzhaft klare Blick auf die pechschwarze Seele der Menschheit auf der anderen Seite, welche später enorm clever und passend zu einem Ganzen verwoben werden, lassen die ein oder andere Lücke locker vergessen. Wer wissen will, wie das Wort "Spannung" ab sofort definiert wird, der sollte sich "Verblendung", und wahrscheinlich auch den Rest der Trilogie, nicht entgehen lassen. "Verdammnis" darf kommen!
Wertung: 8,5/10 Punkte