Es gibt nur wenige Berufsgruppen, die sich so sehr für große Dramen eignen wie die der Großstadtpolizisten. Das ständige Wühlen in einem nie enden wollenden Sumpf aus Gewaltverbrechen, Korruption, Gier und allerlei anderen menschlichen Abgründen zermürbt irgendwann auch den stabilsten Charakter. Desillusion, Hilf- wie Hoffnungslosigkeit und nicht selten auch teilweises Abrutschen ins kriminelle Lager sind oft die selbstzerstörerischen Folgen.
Dieses zutiefst pessimistische und finstere Szenario malt spätestens seit den 1970er Jahren auch der klassische Polizeifilm in den düstersten Farben. Insbesondere im französischen Kino, aber auch in diversen US-Ablegern fahnden immer mehr kaputte Cops verzweifelt nach längst verlorengegangenen Idealen und dem Sinn ihrer Profession.
Heute werden diese schwer verdaulichen Stoffe immer seltener angepackt, was einerseits an der deutliche Verjüngung des Kino-Massenpublikums liegen mag, andererseits aber auch wieder einmal einer feindlichen Übernahme durch das Fernsehen geschuldet sein dürfte. Die Zeiten des aufrechten, cleveren, unfehlbaren und stets auf der Siegerstraße entlang bretternden Gesetzeshüters sind nämlich im Pantoffelkino ebenfalls längst Geschichte. Inzwischen prägen auch hier Dreitagebart, Alkoholismus, Unterhaltszahlungen und Zynismus den schnöden Polizistenalltag.
So gesehen verspricht der neueste Beitrag des Genreerprobten Regisseurs Antoine Fuqua auf den ersten Blick wenig Erkenntnisgewinn. Zu ausgereizt scheint das Sujet vom kaputten Bullen, den letztlich nur noch die Marke von seinen Gegnern unterscheidet. Zumal Fuqua selbst bereits die seelischen und moralischen Abgründe der Polizeiarbeit in sozialen Brennpunktvierteln im modernen Klassiker Training Day kompromiss- und schonungslos ausgeleuchtet hat.
Was also soll uns Brooklyn´s Finest - Gesetz der Straße noch erzählen? Inhaltlich gibt es kaum neue Facetten zu entdecken, geht es doch wieder einmal um Großstadtcops die ihr Job aufzufressen droht bzw. die bereits vor ihm kapituliert haben. Dass der Film dennoch mit den Prädikaten sehenswert und fesselnd angepriesen werden kann, hat andere Gründe.
Das größte Plus ist zweifellos ein stark aufspielendes Hauptdarstellertrio. Anders als in Training Day verteilt Fuqua die Belastungen und Auswirkungen des täglichen Wühlens im Verbrechenssumpf auf mehrere Figuren. Das mag etwas schablonenhaft wirken, macht die jeweiligen Charaktere aber auch glaubwürdiger als Denzel Washingtons Oscarprämierten „Larger than life-Berserker Cop".
Eddie (Richard Gere) ist der Ausgebrannte. Sein Morgenritual nach Albtraumgeplagter Nacht besteht aus einer halben Whiskyflasche und einer Russisch Roulette-Variante ohne Patronen. Er steht knapp vor der Pensionierung und zählt bereits die Tage. Seine Frau hat ihn längst verlassen, für Liebe und Zuneigung muss er bar bezahlen.
Tango (Don Cheadle) ist der Orientierungslose. Jahrelange Undercoverarbeit im New Yorker Drogenmilieu haben zu einer schweren Identitätskrise geführt aus der die ersehnte Rückkehr ins normale Leben nur schwer möglich scheint. Die vormalige Musterehe ist gescheitert, jetzt soll er auch noch als finale Aktion den inzwischen eng befreundeten Gangsterboss Caz (ein aus den Untiefen belangloser C-Produktionen eindrucksvoll zurückgekehrter Wesley Snipes) ans Messer liefern. Sein Führungsoffizier (Will Patton gewohnt gekonnt schmierig) und die ebenso machtgierige wie eiskalte Chefetagenzicke (Ellen Barkin in einem fulminanten Kurzauftritt) zeigen wenig allerdings Verständnis für Tangos Dilemma.
Schließlich ist da noch Sal (Ethan Hawke), der Verzweifelte. Das spärliche Polizistengehalt des Drogenfahnders reicht hinten und vorne nicht für eine adäquate Versorgung von fünf Kindern und einer asthmatischen Ehefrau. Um aus dem viel zu kleinen und Schimmelverseuchten Heim zu entfliehen, legt er schon mal den ein oder anderen Dealer um. Schmutziges Drogengeld versickert ja ohnehin in den dunklen Kanälen der städtischen Bürokratie.
Hawke liefert die eindringlichste Vorstellung als körperlich wie moralisch völlig heruntergekommener Drogencop. Der gläubige Christ mordet um seine Familie zu ernähren, ein Zwiespalt der Sal immer mehr auffrisst. Richard Gere hat es da etwas leichter als einsamer Verlierer, nicht zuletzt auch aufgrund seiner doch deutlich holzschnittartiger angelegten Figur. Don Cheadle ist wie immer beeindruckend präsent und lotet die innere Zerrissenheit Tangos zwischen Loyalität, Auftrag und Karrieresprung gekonnt aus. Zu spät erkennt er, dass der Wunsch sich selbst und seinen Idealen treu zu bleiben längst von der Realität eingestampft wurde.
Trotz dieser drei parallel erzählten Handlungsstränge entwirft Gesetz der Straße einen homogen wirkenden Querschnitt durch die Abgründe der Polizeiarbeit in Brooklyn. Obwohl sich die Hauptcharaktere im Verlauf des Films nur im Vorbeigehen begegnen, wirkt der Film zu keinem Zeitpunkt episodenhaft. Die zerstörerischen Begleiterscheinungen des vor allem psychisch extrem belastenden Jobs sind die verbindende Klammer. Fuquas straffe Inszenierung und sein untrügliches Gespür für die hier vorherrschende pessimistische Atmosphäre sind weitere Pluspunkte. Geschickt zieht er die Spannungsschraube auf dem Weg zum meisterlich arrangierten Schlussakt an, in dem sich sämtliche angestauten Frustrationen und Emotionen eruptiv entladen. Ein sich langsam aber stetig steigerndes Tempo sowie ein druckvoller Score erledigen den Rest.
Sollten alle Neuaufgüsse eigentlich ausgetrampelter Genrepfade ähnlich kompetent und souverän inszeniert sein, dann darf ruhig weiter fröhlich recycled und repetiert werden. Um den zum Psychodrama mutierten Polizeifilm muss einem jedenfalls nicht bange sein, so lange solch kraftvoll-packende Ableger wie Brooklyn´s Finest über die Leinwände flimmern. Stark!
(8,5/10 Punkten)