Eine Kritik von Blade Runner (Bewertung des Films: 9/10) eingetragen am 27.08.2005, seitdem 1750 Mal gelesen
Die amerikanische Nation knabbert bis heute an ihrem Trauma Vietnamkrieg. Da verwundert es auch nicht, dass sich die drei besten Antikriegsfilme ausgerechnet dieses unrühmlichen Kapitels der U.S. – Augenpolitik annehmen. Dicht gefolgt von Oliver Stones „Platoon“ und Stanley Kubricks „Full Metall Jacket“ muss Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“ als der ultimative Beitrag zum Genre Antikriegsfilm bezeichnet werden.
Mit einem Review kann man dem Film kaum gerecht werden, denn nahezu jede Situation bietet sich für eine Interpretation und Analyse an. Ein Buch darüber wäre wohl das Optimum, von daher hier nur die geraffte Essenz und die Empfehlung sich doch unbedingt die, zugegeben leider sehr rare, Dokumentation „Hearts of Darkness: A Filmmaker's Apocalypse“ zuzulegen.
In gut 90 Minuten wird dort die Entstehung des Films beschrieben. Was dort an Anekdoten zum Besten gegeben wird, ist fast so spannend wie der Film selbst, weil während der Produktion wirklich alle Albträume eines Regisseurs, der zunächst nur produzieren wollte, kulminieren.
Seinen Hauptdarsteller Harvey Keitel („From Dusk Till Dawn“, „U-571“) feuert Coppola („The Godfather“, „Dracula“) nach nur wenigen Drehtagen und besetzt die Rolle mit Martin Sheen („Badlands“, „The Final Countdown“). Der ist ständig besoffen (die Anfangsszene im Hotelzimmer ist echt!), erleidet schließlich einen Herzanfall und fällt für Wochen aus, um zu genesen und zu entziehen. Mit Doubles und dessen extra eingeflogenen Bruder wird weiter gedreht. Der Exzentriker Marlon Brando („The Godfather“, „The Score“) trifft ein, ist allerdings viel zu fett und hat sich nicht auf die Rolle vorbereitet. Sein Ego prallt auf das von Coppola. Schließlich gibt der Regisseur resigniert auf und lässt seinen Assistenten die restlichen Szenen mit der Ikone drehen. Die Dreharbeiten weiten sich von sechs Wochen auf stattliche 16 Monate aus, ein Taifun verwüstete einen Großteil der Sets. Am Drehbuch von John Milius („Conan the Barbarian“, „Red Dawn“) und Coppola wurde noch während der Dreharbeiten herumgewerkelt. Weil das Budget von 12 Millionen Dollar nicht reichte und der Film letztlich 30 verschlang, butterte Coppola sein gesamtes Privatvermögen hinein und stand vor dem finanziellen Ruin. Dennis Hopper („Easy Rider“, „Speed“) war ständig, wie übrigens ein Großteil der Leute am Set, stoned. Das Verteidigungsministerium lehnte natürlich auch jegliche Unterstützung ab, weswegen auf den Philippinen mit der dortigen Regierung zusammengearbeitet wurde, doch die musste ihre Hubschrauber während der Dreharbeiten abziehen, um Rebellen zu bekämpfen.
Es gibt so unendlich viel zu der Entstehung des Films zu sagen. Die Gerüchte reichen bis zu Suizidversuchen Coppolas am Set. Das Wichtigste fasst diese Dokumentation allerdings zusammen. Von daher, hopp hopp... Der Film erscheint nach „Hearts of Darkness: A Filmmaker's Apocalypse“ nochmal in einem anderen Licht.
Francis Ford Coppola wollte „ein Filmerlebnis kreieren, das dem Publikum ein Gefühl vom Horror, dem Wahnsinn, der Sinnlosigkeit und dem moralischen Dilemma des Vietnamkrieges geben würde“. Er hat vermutlich nicht mal in seinen kühnsten Träumen daran gedacht, dass die Produktion in ihrem Verlauf eine Eigendynamik entwickeln würde, die ihm seinem Ziel näher kommen ließ, als ihm wohl lieb war und sich letztlich als das Rezept zum Erfolg herausstellte.
Der Urwald brennt. „The Doors“ erklingen: „This is the end...“ Das Ende jeglicher Humanität und alles darüber hinaus, wird der Zuschauer zusammen mit Coppola zu sehen bekommen. Sein Motto lautet mittendrin statt nur dabei und so entfacht er einen audiovisuellen Sturm, der den Krieg und zwar nicht nur den von Amerika geführten, als das verinnerlicht, was er für die eigentlichen Verursacher und ihre Marionetten ist: Ein entgleisendes Chaos, politisch instrumentalisiert und verlogen wie arrogant fälschlich als lebensrettend und richtig aufgezogen. Verklärtes Heldentum, festgehalten in narzisstisch mythischen Kompositionen, die den beschämten Zuschauer vor Augen halten, wie widersprüchlich der Weg und das Ziel eines Krieges doch sind.
Keinesfalls als Identifikationsfigur, wohl aber als Erzähler und Fixpunkt fungiert hier Captain Benjamin L. Willard (Martin Sheen). Der Soldat wurde vom Krieg längst seelisch zerstört. Sein Heimaturlaub war eine einzige Katastrophe, die Scheidung läuft, in den Staaten hat er sich nur noch zurück nach Vietnam gewünscht. Die Bestie hat ihn für sich vereinnahmt und ausgebrannt. Nun wartet er sehnsüchtig in einem Hotelzimmer Saigons darauf, endlich wieder an ihr teilhaben zu können.
In ihm sehen hochrangige Militärs den richtigen Mann, um diskret eine äußerst heikle Situation zu klären. Einer ihrer Zuchtbullen, der Mustersoldat Colonel Walter E. Kurtz (Marlon Brando), hat scheinbar den Verstand verloren und ist nicht mehr zu kontrollieren. Eigenmächtig schlachtet er im Dschungel Menschen ab, führt seine private Kommune, ignoriert Befehle und scheint dem Wahnsinn verfallen. Der Mann muss verschwinden, bevor er dem Ruf der Army Makel zufügen kann.
Willard übernimmt den Auftrag, beschließt aber gleichzeitig, auch wenn das keine Rolle spielt, sich die Akte des Mannes näher anzusehen, um den Grund dieser Verwandlung zu erfahren. Seine Neugierde ist geweckt.
Die Schiffsfahrt auf einem Patrouillenboot soll eine Reise ins Chaos werden, die Zwischenstopps einlegt, um die Aberwitzigkeit des Krieges in Bilder und Worte zu fassen. Seine Besatzung setzt sich aus Grünschnäbeln und wenig erfahrenen Recken zusammen. Dem einen hat die Armee mit der Einberufung die Karriere und damit auch die Zukunft geraubt, der andere ist schlicht aufgrund seines flatterigen Nervenkostüms untauglich, der nächste wiederum schlecht ausgebildet oder einfach aus seiner Jugend gerissen worden, um für sein Land in den Krieg zu ziehen. Er stirbt später zu den Worten seiner Mutter, die ihn bittet weiterzukämpfen und vorsichtig zu sein. So richtig ernst nehmen tut den Krieg keiner – ein Hauptproblem der damaligen Zeit.
Dieser bunte Haufen (u.a. ein 17jähriger Laurence Fishburne, „Event Horizon“, „The Matrix“) muss Willard flussaufwärts nach Kambodscha bringen und erlebt dabei die Irrsinnigkeit des Krieges zunächst dank Lieutenant Colonel Bill Kilgore (Robert Duvall in seiner Oscar-prämierten Rolle, „Days of Thunder“, „Open Range“). „Ich liebe den Geruch von Napalm am Morgen“, der folgende Monolog und der Abschlusskommentar „Es roch nach Sieg“ sind Filmgeschichte, fassen allerdings eigentlich nur ungenügend zusammen, was die diese Sätze umrahmenden Szenen letztlich aussagen. Coppola, der sich bei Willards Landung am Dorf übrigens kurz selbst als Regisseur ausgibt, lässt Kilgore zu Wagners laut dröhnenden Ouvertüren mit seinen Hubschraubern ein ganzes Dorf in Schutt und Asche legen und eine ganze Baumreihe per Napalmbomben roden, nur um am Strand vernünftig surfen zu können. Kilgore ist die Karikatur eines Kommandeurs, der den Bezug zu seinem eigentlichen Auftrag und der Realität längst verloren hat. Der Krieg ist für ihn ein Spiel, er steht darüber, wähnt sich unverwundbar und ist im Grunde nur noch auf seinen persönlichen Spaß erpicht. Die Opfer markiert er stolz, mit seinen Leuten feiert er nachts Barbecues. Das Dorf macht er dem Erdboden gleich, fackelt es ab und sprengt es. Nebenher wird ein Gottesdienst für die Soldaten abgehalten. Coppolas Bebilderung ist schlichtweg brillant und, man kann es nicht oft genug betonen, Filmgeschichte.
Dabei ist dieses Kapitel erst der Auftakt. Mitten im Dschungel trifft man plötzlich auf einen Außenposten, indem man sich versorgt. Am gleichen Abend treten dort Playboy-Bunnys auf, um die sinkende Moral der Truppe wieder anzukurbeln. Auch diese Veranstaltung muss dem Chaos weichen, als die G.I.s die Bühne stürmen und die Mädels nur mit Mühe und Not entkommen können. Bleibt die Frage, wie kontrollierbar diese Männer überhaupt noch sind, denn auch an Bord wird die schiere Idylle jäh unterbrochen, als man eine Dschunke mit Nahrungsmitteln überprüft und aus einer Kurzschlussreaktion Männer wie Frauen niedermäht. Ein weiterer Zwischenhalt an einer zerstörten Brücke, die „tagsüber von dem Amerikanern nur wieder aufgebaut wird, um nachts vom Vietcong wieder zerstört zu werden, nur damit die Generäle sagen können, die Straße sei frei“, wo es scheinbar keinen befehlshabenden Offizier mehr gibt, die Soldaten unter bewusstseinserweiternden Drogen handeln und die Ordnung längst zusammengebrochen ist, bringt es auf den Punkt: Der Krieg in Vietnam ist nicht nur aus den Fugen, er ist außer Kontrolle geraten und ernährt sich von Chaos und Wahnsinn, passend von „Satisfaction“ der Rolling Stones begleitet.
Alle Stops haben etwas gemeinsam. Überall trifft man auf Individuen, die sich verzweifelt in ihre Heimat sehnen und sich an deren geregelte Normalität klammern. Willard scheint der einzige zu sein, der es besser weiß, weil er schon dort war. Sie alle sind längst verloren..
Tagsüber sind links und rechts auf dem weiteren Weg an den Ufern nur Leichen, ausgebrannte Wracks, abgestürzte Flugzeuge und noch mehr Leichen zu entdecken, nachts weicht diesem Albtraum ein weiterer, einer urbanen, fast schon surrealen Welt, die Vietnam eine hässliche, apokalyptische Fratze verleiht. Die von der Hitze und der eintönigen Fahrt ohnehin abgestumpften, schwitzenden Soldaten finden sich in einem Ort auf der Welt wieder, der kaum weiter von ihrer Heimat entfernt sein könnte. Der letzte Rest, der mühsam aufrecht erhaltenden Illusion das Richtige zu tun und vorbereitet zu sein, zerplatzt wie eine Seifenblase, denn je weiter man den Fluss hinauffährt, desto blanker liegen die Nerven und provozieren selbst Nebensächlichkeiten einen Streit. Sie alle verändern sich, kehren ihr Inneres nach Außen – und sterben.
Genau, wie Colonel Kurtz der sich auch vom Karrieristen und Mustersoldaten in einen Psychopathen verwandelt hat. Die Frage „Warum?“ beantwortet er schließlich mit diesem Monolog selbst:
„Ich hab das Grauen gesehen. Das Grauen, das auch Sie gesehen haben, aber sie haben kein Recht mich einen Mörder zu nennen. Sie haben das Recht mich zu töten, sie haben ein Recht, das zu tun, aber sie haben kein Recht, über mich ein Urteil zu fällen.
Es ist unmöglich mit Worten zu beschreiben, was notwendig wäre, für jene, die nicht wissen, was das Grauen bedeutet. Das Grauen! Das Grauen hat ein Gesicht und man muss sich das Grauen zum Freund machen.
Das Grauen und der moralische Terror sind deine Freunde. Falls es nicht so ist, sind sie deine gefürchteten Feinde .. sie sind deine wirklichen Feinde.
Ich erinnere mich, als ich bei den Green Barrets war .. es kommt mir vor als wäre es 1000 Jahrhunderte her. Wir gingen in ein Lager, um einige Kinder zu impfen. Wir verließen das Lager, nachdem wir die Kinder gegen Polio geimpft hatten. Da kam ein alter Mann hinter uns hergelaufen, der weinte, er konnte nichts sagen.
Wir gingen ins Lager zurück. Sie waren inzwischen gekommen, und hatten jeden geimpften Arm einfach abgehackt. Sie lagen auf einem Haufen.
Es war ein Haufen kleiner Arme. Und ich erinnere mich .. wie ich schrie .. ich weinte .. wie ein altes Waschweib .. ich wollte mir die Zähne herausreißen,
ich wusste nicht mehr, was ich tun wollte.
Und ich will mich daran erinnern. Ich will niemals vergessen. Ich will niemals vergessen.
Und dann war mir, als würde ich durchbohrt .. durchbohrt von einer diamantenen Kugel, die ragt durch die Stirn und ich dachte, mein Gott diese Schöpferkraft, dieses Genie, dieser Wille, das zu vollbringen. Vollkommen, unverfälscht, vollendet, kristallen, makellos. und dann wurde mir klar, dass sie viel stärker als wir waren, weil sie alles ertragen konnten. Das waren keine Ungeheuer, das waren Männer, geschulte Einheiten.
Diese Männer, die mit ihren Herzen kämpfen, die Familien haben, Kinder, die erfüllt sind von Liebe, dass die die Kraft haben, die Kraft, das zu vollbringen.
Wenn ich aus solchen Leuten bestehend 10 Divisionen hätte, dann wären wir unsere Sorgen hier rasch los, denn dazu gehören Männer, die Überzeugungen haben und die dennoch imstande sind ohne Hemmungen ihre ursprünglichen Instinkte einzusetzen, um zu töten, ohne Gefühle, ohne Leidenschaft. Vor allem ohne Strafgericht .. ohne Strafgericht. Denn es ist das Strafgericht, das uns besiegt.“
Willard zeigt sich nach seiner Ankunft von diesen Worten beeindruckt, vom Charisma fasziniert. Schon die Akte über diesen Mann zog ihn in seinen Bann, den Sog seiner Worte vermochte er sich nun kaum noch zu entziehen.
Kurtz ist zum Ursprung zurückgekehrt, zur Barbarei. Sie erlöst Willard auch letztlich aus seiner Gefangenschaft, gebärt ihn wieder (die unvergessliche Szene seines Auftauchens aus dem Wasser) und lässt ihn entkommen.
Dabei hat Kurtz ihn in seiner Voraussicht längst erwartet. Dieser Mann und seine Handlungen übertreffen Willards Erwartungen um ein Vielfaches. Sein Refugium stellt sich als ein blutrünstiger Kult heraus. Der Wahnsinn scheint hier greifbar. Wie ein überirdisches Wesen hockt er in einem Tempel und wird von seinen Untergebenen, wie auch von Eingeborenen verehrt. Überall liegen und hängen verwesende Leichen herum. Seine geschaffene, ursprüngliche Gesellschaft frönt lediglich noch den reinen Urinstinkten. Kurtz will bei Null beginnen und die Zivilisation diesmal richtig errichten. Dazu muss er sie erst vernichten. „Zündet die Bombe“, steht in seinem Tagebuch – die Atombombe! Dennis Hopper, der dem Zuschauer Kurtz Gedankengänge erklären soll, passt nicht ganz in dieses Szenario. Seine Rolle ist aber nötig, um den verschlossenen Zuschauern, die sich mit Sicherheit auch an „Apocalypse Now“ wagen, Zugang zu diesem Mann zu gewähren.
In diesen letzten Minuten, einem surrealen Rausch, steigert sich das Tempo der Musik und montiert Coppola die Ermordung Kurtz mit der rituellen Opferung einer Kuh (übrigens auch echt) zusammen. Kurtz lässt es geschehen, denn er wähnt sich am Ziel. Willard soll seine Philosophie in die Welt hinaus tragen und vor allem die Wahrheit seinem Sohn mitteilen. Der Weg in die Freiheit führt nur über seinen Tod.
Marlon Brando ist in diesen Minuten Weltklasse und ein letztes Mal in großer Form. Der Druck dieser Rolle war riesig, weil sie das Ziel des gesamten Films ist. Sein Auftritt wird langfristig vorbereitet, er enthüllt sich schrittweise. Anfangs nur schemenhaft, dann im Halbdunkel, alsbald kristallisiert sich seine Glatze. Gänsehaut pur.
Brando begegnete der Rolle mit gelassener Gleichgültigkeit. Gerade diese schwermütige, leicht wahnsinnige Art mit der er seinen Worten Ausdruck verleit, ist seine Stärke. Ich bin mir gar nicht mal sicher, ob Brando am Set so schrecklich motiviert war, dieser desillusionierte, überzeugte, radikale Stil passt dafür einfach zu perfekt, weil er zu punktgenau und natürlich in jeder Szene den richtigen Wortlauf findet. Andere schreiben auch gern von einem übergewichtigen Brando, der im Dunkeln sitzt, damit man seine Plauze nicht sieht und seine Sätze lustlos herunterplaudert...
Um noch ein paar klärende Worte zu Kurtz Monolog zu verlieren:
Als sie in dieses Dorf gingen und die Kinder impften waren sie sich bei ihrem sicherlich redlichen Motiven gar nicht bewusst, dass sie sich in eine fremde Kultur einmischten, die ihre eigene Ansicht von Humanität besaß, nämlich das der Starke überlebt und der Schwache stirbt. Dort reagierte die natürliche Auslese.
Die Einwohner empfanden es als ungewollte Einmischung in ihr Dasein, als Fremde, die nun mal die Zivilisation verkörperten, diese von ihnen getroffene Wahl ad absurdum führten. Kurtz sah diesen Berg von Armen und ihm wurde klar, dass, was wir als zivilisiert ansahen, aus einem reichlich abstrakten Blickwinkel betrachtet, lediglich falsche verstandene Humanität war. Der Krieg selbst spielte in seinen Gedanken nur noch eine untergeordnete Rolle. Mit unserem Streben, dem Eindringen in andere Gesellschaften, nehmen wir ihnen auch gleichzeitig ihr die Entscheidung ab, ob sie tatsächlich dazu gehören wollen. Denn sie wird daraufhin abhängig, beherrscht und unterjocht. Der ihr nahegelegte Fortschritt wird vielleicht gar nicht erwünscht. Zugegeben wirklich reichlich phantastische Gedankengänge, die angewandt auf die amerikanischen Außenpolitik, gerade hinsichtlich Afghanistan oder Irak und den Vorfällen in Mogadischu Anfang der Neunziger schnell konkrete Formen annehmen.
Noch ein paar Worte zur Redux-Version, die Coppola 2001 veröffentlichte. Entgegen seiner kühnsten Vermutungen wurde sein Film 1980 für 8 Oscars nominiert und gewann schließlich auch 2, die Kritiker feierten ihn, nachdem auch Cannes begeistert war. Er selbst war mit dieser Fassung nie zufrieden, weil er 50 Minuten strich, um dem Publikum den Film zugänglicher zu machen, indem er den Erzählfluss um ein paar Szenen bereinigte. Beide Fassungen haben letztlich ihre Vor- und Nachteile. Coppola integrierte diese fehlenden Minuten nicht nur, er schnitt den Film aus dem Rohmaterial auch völlig neu zusammen. Die eklatantesten Änderungen sind der Zwischenstopp an einem Außenposten, an dem die dort gestrandeten Playboy-Bunnys sich prostituieren und der Besuch einer französischen Plantage in Kambodscha. Meiner Meinung nach beides Szenen, die zwar der Intention des Regisseurs entsprechen, den Film jedoch nicht besser sondern schlechter machen und ihn in der Redux-Version im letzten Drittel bei aller Surrealität sehr zäh erscheinen lassen, weil fast nur noch die Geduld des Zuschauers herausfordernde Dialoge dominieren. Speziell der Besuch der Plantage dient im Grunde nur der temporären Einordnung des Films, denn dort wird erklärt wie es überhaupt zum Vietnam-Krieg kam. Willards darauf folgende Verführung wirkt zumindest auf mich etwas unpassend, weil sie sich wenig homogen in das Geschehen einbindet. Mag auf jeden anders wirken, aber auf mich machten sie einen deplazierten und überflüssigen Eindruck, zumal „Apocalypse Now“ damit auch ein wenig seines universellen Kriegscharakters beraubt worden ist.
Die Bunny-Szene hingegen drückt noch einmal kräftig aufs Gemüt, doch das tut der Film ohnehin. Der Sex scheint eher der Angst entsprungen, dem Tod demnächst zu begegnen und ein letztes Mal Vergnügen am Leben zu haben, wenn auch mit fauligem Beigeschmack. Als Zuschauer beobachtet man fast schon verschämt dem Treiben auf dieser nahezu aufgegebenen Müllkippe. Unbedingt nötig war dieser Halt nicht, allerdings ernüchtert der den Zuschauer nochmal zusätzlich. Auch in Anbetracht dessen, was noch kommt.
Die kurzen Szenen, wie Willards Diebstahl von Kurtz Surfbrett und die fast schon kameradschaftliche Unterhaltung mit der Besatzung, sowie Kurtz Anklage der lügnerischen Kriegsberichterstattung seitens seines Landes hingegen, fallen kaum weiter auf und fügen sich problemlos in den Film ein, weil sie passende Ergänzungen darstellen, die auch ohne weiteres in der Ursprungfassung akzeptiert worden wären. Welche Fassung man nun vorzieht, ist egal, zumal auch die verlängerte Redux-Version zum fröhlichen Interpretieren einlädt.
Fazit:
Nun gut, letztlich ist der Text wesentlich länger geworden, als er eigentlich sollte, weil ich zuviel herum philosophiert, interpretiert, geschwafelt und gefaselt habe, deswegen nochmal auf den Punkt gebracht:
Beginnend mit seinem surrealen Intro entfaltet „Apocalypse Now“ eine filmische Wucht, wie sie kaum in einem anderen Antikriegsfilm zu sehen ist. Der besessene Francis Ford Coppola filmte um sein Leben und brachte schließlich DEN Antikriegsfilm heraus, der darüber hinaus noch unzählige Denkanstöße beinhaltet, die es freilich für den Zuschauer auszuformulieren gilt.
Bedanken kann er sich bei seiner ganzen Crew in dieser schweren Zeit die Treue gehalten haben, denn unter diesen Umständen zu arbeiten war sicher nicht leicht. Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Darsteller. Martin Sheen liefert ironischerweise die beste Leistung seiner Karriere ab, weil sein körperlicher und geistiger Zustand dem seines Egos während der Dreharbeiten sehr nahe kam. Beide waren verdammt fertig mit der Welt.
Robert Duvall, der ganz zurecht für seine großartige Darstellung des Lieutenant Colonel Bill Kilgore den Oscar bekam, personifiziert und karikiert gleichzeitig das Verhalten Amerikas in Vietnam, wobei sich diese Aussage auch leicht weltpolitisch anwenden lässt. Die wohl unvergesslichste Figur des Films.
Dennis Hopper, der nicht so recht in den Film passt und wie erklärendes Zugeständnis seinen Dienst erfüllt, sowie wohl selten im Dschungel seine Sinne beisammen hatte, fällt da etwas ab, hat jedoch als Hippie-Reporter seine Momente. Über Marlon Brando ist bereits alles gesagt worden und Männer wie Frederic Forrest, Sam Bottoms, Albert Hall und Laurence Fishburne spielen so unverfälscht, als wären sie wirklich dort gewesen und hätten ihren geistigen Verfall dokumentiert..
Nie wieder war ein Antikriegsfilm in seiner Schilderung so eindringlich, dass man die gezeigte Realität nur allzu gern als überzogene Satire abtun würde. Durchzogen von philosophierenden Gedanken und boshafter Authentizität bleibt „Apocalypse Now“ ein filmisches Dokument für die Ewigkeit, das gleichermaßen Gänsehaut verursacht, zum Nachdenken anregt und unterhält. Die Abwesenheit von Menschlichkeit und die systematische Zerstörung des Individuums sind nur der Anfang. Groß genug aufgezogen können Krieg einer ganzen Generation das noch vor ihr liegende Leben nehmen. Irrsinn, Wahnsinn und jegliches Ignorieren von menschlicher Vernunft prägen jeden Krieg, aber niemand außer Coppola konnte sich so präzise ausdrücken und wirklich alle wichtigen Aspekte so intensiv und gekonnt in einem Film vereinen. Seit damals konnte kein Antikriegsfilm mehr etwas Ergänzendes hinzufügen.
Ich kann „Apocalypse Now“ nur jedem empfehlen und die Dokumentation „Hearts of Darkness: A Filmmaker's Apocalypse“ gleich noch hinterher. Visuell und akustisch ein Erlebnis, inhaltlich eine einladende Herausforderung.