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Orphan - Das Waisenkind (2009)

Eine Kritik von floair (Bewertung des Films: 8/10)
eingetragen am 01.11.2009, seitdem 338 Mal gelesen


Nach dem gelungenen "House of Wax" war ich auf das zweite, old schoolige Horrorwerk von Jaume Collet-Serra (Goal II - Der Traum ist real) gespannt. Und ich kann sagen, völlig zu Recht. Fällt mir spontan "Kinder des Zorns, Das Omen" und "Ein Kind zu töten" ein, doch "Orphan" ist mit Abstand das garstigste, was ich in diesem Bereich je gesehen habe. Wenn man sich als Zuschauer innerlich freut, sogar jubelt, wenn das Waisenkind auch mal ihr Fett wegbekommt, kann das nur an einer gelungenen Inszenierung und an Top-Darstellern liegen. Mit "Orphan" ist dem Spanier Collet-Serra etwas gelungen, was so schnell keiner nachmachen wird. Ein dickes Lob geht auch an die Drehbuchautoren Alex Mace und David Johnson, die hier ihr Debüt geben. Wer solche fiesen Drehbücher vom Stapel lässt, von dem dürfte ihm Horrorbereich zukünftig noch einiges zu erwarten sein.

Kate (Vera Farmiga) und John Coleman (Peter Sarsgaard) wünschen sich so gerne ein drittes Kind, doch Kate bringt nur eine Totgeburt zur Welt. Sie beschließen ein Kind zu adoptieren und ihre Wahl fällt auf Esther (Isabelle Fuhrman). Sie ist ihrem Alter weit voraus und scheint sich auch mit der taubstummen Max (Aryana Engineer) und Sohn Daniel (Jimmy Bennett) gut zu verstehen. Doch schon bald geschehen einige unerklärliche Dinge, auch Esthers Ziehmutter Schwester Abigail (CHH Pounder) wird ermordet aufgefunden. Zu spät merken Kate und John, dass sie sich den Teufel ins Haus geholt haben, der nicht eher ruht, bevor alle tot sind.

Collet-Serra startet mit einer blutigen Alptraum-Sequenz, bevor er dann ruhigere Töne anschlägt. Besonders Kate und John widmet er sehr viel Platz, die Familie wächst dem Zuschauer schnell ans Herz. Ihre Ehe ist alles andere als perfekt, obwohl es zuerst danach aussieht. So ist John schon einmal fremdgegangen, Kate hatte Alkoholprobleme und kommt nicht über den Verlust ihres dritten Kindes hinweg. Doch es kommt noch dicker, denn die Beiden haben noch den Verlust eines zweiten Kindes zu beklagen. Es ertrank im Gartenteich, während Kate sich dem Alkohol widmete, John hält ihr das ein wenig vor. Trotzdem entscheiden die Beiden, ein Kind zu adoptieren, um ihre Liebe Jemandem zu schenken, der sie wirklich braucht und so kommt Esther ins Spiel.

Ein zuerst sehr sympathisches Mädchen, seinem Alter von neun Jahren weit voraus. Aber man sieht ihr sofort an, dass sie ein dunkles Geheimnis hütet. Trotzdem fügt sich Esther erst einmal gut in die Familie ein. Besonders mit Max scheint sie auf einer Wellenlänge zu sein und sich um sie kümmern, wie eine große Schwester. Doch der Schein trügt und schnell beginnt Esther mit ihrem grausamen Werk. Sie schüchtert Daniel ein, ermordet Schwester Abigail, zwingt Max ihr zu helfen und zu guter Letzt spielt sie Kate und John gegeneinander aus. Das alles hat man schon mal irgendwo gesehen, wenn auch nicht so spannend und bösartig. Erst im Finale fährt "Orphan" eine Wendung auf, die sich gewaschen hat. Nicht einmal der erfahrene Horrorkenner dürfte darauf vorbereitet sein. Jedoch gätte man bei Esthers Vergangenheit ein wenig mehr ins Detail gehen müssen, da tauchen ein paar Fragen auf, die nicht beantwortet werden. Trotzdem ist die finale Auflösung ein absoluter Wow-Effekt.

Auch bricht Esther einige Tabus, die man so nicht erwartet hätte. Sie will ihre Mitmenschen nicht nur verletzen, sondern töten. Eine freche Schulkameradin schubst sie vom Klettergerüst, eiskalt erschlägt sie Schwester Abigail mit dem Hammer und Collet-Serra geizt bei den wenigen Mord nicht mit Blut. Auch wenn die erste Halbzeit ein wenig zu langsam erzählt ist, so geht es daraufhin wirklich rund. Man ist erstaunt, wie kaltblütig Esther ihren Plan verfolgt und es scheint ihr auch zu gelingen. Daniel hat bald solche Angst vor Esther, dass er sogar an ihrem Zimmer vorbeirennt, nur um auf die Toilette zu gelangen. Kate und John streiten miteinander, nur die kleine Max scheint zu handeln und rettet ihrem großen Bruder damit sogar das Leben. Das Finale artet dann in einem Kampf ums nackte Überleben aus. Der mag vielleicht trivial wirken, ist jedoch packend in Szene gesetzt.

Es ist schier unglaublich wie die noch recht unerfahrene und erst 12-jährige Isabelle Fuhrman das Biest Esther verkörpert. Mit welch einer Mimik und Gestik sie dem Zuschauer Angst einjagt, ist wahrlich eine großartige Leistung. Selbst Spitzendarsteller wie Vera Farmiga (Running Scared, Departed - Unter Feinden) oder Peter Sarsgaard (Jarhead, Flightplan) spielt sie damit locker an die Wand. Nebst spielen auch die Kinderdarsteller Jimmy Bennett (Poseidon, Hostage - Entführt) und Debütantin Aryana Engineer großartig. In Nebenrollen sind CHH Pounder (End of Days, Im Körper des Feindes) als Schwester Abigail und Karel Roden (Running Scared, 15 Minuten Ruhm) als Dr. Värava zu sehen.

Ein so kaltblütiges Kind hat die Filmwelt noch nicht gesehen. "Orphan" mag dem Genre kaum Nuancen hinzufügen können, doch die finale Wendung ist ein Knaller. Dank der überzeugenden Darsteller fällt die zu tempoarme erste Stunde kaum auf, nur bei Esthers Charakter hätte ich mir mehr Hintergrundinfos gewünscht. Doch ansonsten ist Collet-Serra ein blutiger, hochspannender und old schooliger Psychothriller gelungen, der es wirklich in sich hat. Nicht ausser Acht lassen, will ich auch den brillanten Score. Vor Esther fürchtet selbst der hartgesottene Horrorfan, eine ganz tolle Leistung aller Beteiligten.


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