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Orphan - Das Waisenkind (2009)

Eine Kritik von McClane (Bewertung des Films: 8/10)
eingetragen am 13.11.2009, seitdem 930 Mal gelesen


Aus Joel Silvers Horrorschmiede Dark Castle kommt der Beitrag zu aktuellen Welle Böse-Kinder-Filme: „Orphan“.
Kate (Vera Farmiga) und John Coleman (Peter Sarsgaard) sind gerade im Krankenhaus, wo das dritte Kind des Paares zur Welt kommen soll. Doch es gibt Komplikationen bei der Geburt, das Kind stirbt – und dann driftet „Orphan“ ins surreal-gruselige ab, entlarvt die Sequenz als Alptraum, der jedoch auf dem realen Ereignis des Kindsverlustes fußt. Damit gelingt Jaume Collet-Serra nicht nur ein wirkungsvoller Schockeinstieg, sondern er führt auch die Identifikationsfigur und ihr Dilemma ein, denn Kate wird zum Zentrum für den Zuschauer.
Das Paar hat bereits zwei Kinder: Die taubstumme Max (Aryana Engineer) und den etwas älteren Daniel (Jimmy Bennett). Bei Szenen mit Max blendet Serra gelegentlich Sprache und Geräusche aus, um das Empfinden der Taubstummen wiederzugeben, was ein vielleicht nicht nötiges, aber filmtechnisch interessantes Gimmick ist. Doch das Paar entschließt sich noch ein Kind zu adoptieren.

Im Heim fällt die Wahl auf das russische Mädchen Esther (Isabelle Fuhrmann), eine stilles, sehr begabtes Kind. Doch schon bald Esther gar nicht damenhafte Züge, teilweise gar gewalttätiger Natur, und versucht Kate aus der Familie zu verdrängen…
Die bösen Kinder sind gerade wieder in, so in den 70ern die Ausgeburten des Teufels absolut beliebt waren, doch „Orphan“ erweist sich als ausgesprochen cleverer Vertreter dieses Subgenres. Gerade die Auflösung geht keine handelsüblichen Wege, verlässt sich nicht auf irgendwelche Erklärungen von wegen Kind des Teufels, sondern kommt ebenso überraschend wie nachvollziehbar daher. Viele Eigenheiten Esthers und viele Details werden dadurch erst richtig erklärt, erscheinen teilweise sogar in ganz anderem Licht und machen es zur Freude auf die nächste Sichtung des Films hinzufiebern, um nach Hinweisen auf die Lösung zu suchen.

Schön ist auch der kleine Hauch schwarzen Humors, der auf doppelbödige Weise beim Geschehen mitschwingt. Esther ist gewitzt, hat teilweise sogar richtig makabere Sprüche drauf, z.B. wenn sie die Tötung einer verletzten Taube mit dem Kommentar begleitet, dass diese nun im Himmel sei. Selbst der auf hart machende Bruder wird auf hämische Weise kaltgestellt: Zuerst führt Esther ihm die Folgen der eigenen Grausamkeit in der Taubenszene vor, später wird ganz offen mit dem Teppichmesser bedroht, wobei das teuflische Kind sich auch hier ein, zwei hämische Sprüche nicht verkneifen kann.
Freilich muss man zugeben, dass „Orphan“ nicht unbedingt neues Territorium erkundet, die Mär vom Feind im eigenen Haus bzw. der eigenen Familie gab es ja durchaus schon häufiger, aber Serra versucht auch erst gar nicht seinen Film als die Mega-Innovation zu verkaufen, sondern konzentriert sich darauf seine Geschichte ebenso flott wie spannend zu erzählen, was ihm auch durchweg gelingt. Denn trotz einer stolzen Laufzeit von rund 120 Minuten hängt „Orphan“ maximal ein wenig an der Stelle, als Kate bereits bewusst ist, wie fies Esther wirklich ist, der Rest der Welt aber freundlich auf Ignorieren schaltet.

Zum Glück kann „Orphan“ mit dem nötigen inszenatorischen Gespür aufwarten, das von solchen kleinen Schwachpunkten ablenkt. Die Schockeffekte sitzen, da Serra Klischees vor Augen führt: Kate steht am Kühlschrank, fühlt sich beobachtet, doch Esther steht eben nicht hinter der Kühlschranktür, wie man es aus zig anderen Schinken kennt. Gerade zum Finale dreht Serra dann allerdings richtig auf und sorgt für einen schweißtreibenden Showdown, der sich gewaschen hat – erst im Heim der Colemans, später am zugefrorenen See in der Nähe.
Das Funktionieren der Geschichte ist zu großen Teilen auch Isabelle Fuhrmann zuzuschreiben, die in der Rolle der Esther schlichtweg fantastisch ist: Braves Mädchen, Lolita, wilde Furie – man kauft ihr jedes Gesicht ab, was für den ernormen Wandlungsreichtum der jungen Aktrice spricht. Vera Farmiga überzeugt in der Mutterrolle, Peter Saarsgard ist neben dieser geballten Ladung Östrogen dann etwas blass. CCH Pounder darf mal wieder die freundliche Nebenfigur geben, die irgendwann hopsgeht, Karel Roden hat einen kurzen Auftritt als Doc und der Rest vom Fest erbringt durchweg überzeugende Leistungen – auch die Kinderdarsteller.

„Orphan“ erfindet das Genre nicht neu, bietet aber temporeiche, spannende und vor allem stilsicher inszenierte Unterhaltung mit einem Quäntchen schwarzen Humors – klar der beste Vertreter der aktuellen Böse-Kinder-Filme.


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