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Die Eröffnung von "Illuminati" erfolgt lehrbuchartig. Kurze dramatische Sequenzen, die äußerlich nichts miteinander zu tun haben, werden aneinandergereiht, um dann in eine ruhige Szene überzuleiten, in der der Held vorgestellt wird. Nach der dann erfolgten Erklärung der inneren Zusammenhänge durch einen Stichwortgeber, schreitet der Held zur rettenden Tat, bei der er vom Publikum die nächsten zwei Stunden begleitet wird.

Befreit man einmal gedanklich den Film von all seinem Brimborium - der plötzlich einsetzenden dramatischen Musik, den unzähligen Fahrten durch Roms dichten Verkehr, den großen aus kleinen Hinweisen erkannten Zusammenhängen, den dramatisch ins Bild gesetzten Statuen, Gemälden, Reliefen und wertvollen Schriften, den wallenden Gewändern und uralten Ritualen der hohen Geistlichen im Vatikan, dem vieldeutigen Blick über Roms Innenstadt und in den stets wolkenbehangenen Himmel - dann bleibt nicht viel übrig. Selbst die titelgebende Geschichte der "Illuminati", die sich plötzlich wieder zur Rache gegen den Vatikan entschlossen haben, weil dieser vor 400 Jahren Einige von Ihnen ermorden liess und damit den Geheimbund in den Untergrund zwang, wirkt angesichts der Tatsache, dass plötzlich alles in wenigen Stunden ablaufen soll, sehr bemüht.

Professor Robert Langdon (Tom Hanks), hinreichend schon aus "Da Vinci Code" bekannt, weswegen hier konsequenterweise keinerlei charakterliche Hintergründe bemüht werden, begreift schnell die inneren Zusammenhänge und kann aus den "Illuminati"-Traditionen heraus die Orte erkennen, an denen die vier Kardinäle, die als Favoriten für die Nachfolge des gerade verstorbenen Pabstes galten, der Reihe nach ermordet werden sollen. Blöderweise kommt ihm dabei vor allem der römische Verkehr in die Quere, der ihn immer erst exakt zwei Minuten vor Vollendung einer Stunde an den Tatort kommen lässt. Kein schlechter Schachzug der Verschwörer, die Tatorte ausschließlich an touristische Glanzpunkte in Roms Innenstadt zu verlegen. Nur warum sie selbst den Zeitplan so genau einhalten, auch als sie merken, dass Langdon ihnen längst auf der Spur ist, wird nicht recht deutlich.

Neben den vielen optischen Spielereien lenkt besonders die zeitliche Hatz, die den Film innerhalb eines halben Tages spielen lässt, davon ab, dass "Illuminati" außer Effekthaschereien nichts zu bieten hat. Besonders hinsichtlich der Figurenzeichnung versagt der Film komplett. Kann man Tom Hanks als schlauen Professor noch halbwegs einordnen, stellt sich die Frage, was die hübsche Vittoria (Ayelet Zurer) in der Story zu suchen hat. Zwar steht sie im Zusammenhang mit der Anti-Materie, die zu einem festen Zeitpunkt (die Verschwörer scheinen einen Pünktlichkeits-Tick zu haben) den Vatikan in Schutt und Asche legen soll, aber wirklich helfen kann sie bei der Suche danach nicht, wenn man einmal davon absieht, dass sie als Stichwortgeberin gebraucht wird.

Sicherlich werden Viele aufatmen, dass der Action-Film nicht noch über eine krude Liebesgeschichte verfügt, aber es ist bezeichnend für die lieblose Gestaltung der Charaktere, dass der Film nicht den kleinsten Flirt zwischen Vittoria und Langdon wagt. Diese Eindimensionalität gilt für sämtliche Figuren und wenn tatsächlich einmal ein überraschendes Detail aus der Vergangenheit erwähnt wird, wie etwa die Fliegerausbildung des Camerlengo (Ewan McGregor), dann erschliesst sich das später in einem daraus folgenden Aktionismus. Normalerweise entwickelt ein Film seine Spannung aus einer Identifikation mit möglichen Opfern, aber "Illuminati" vermittelt keinen Augenblick wirkliche Gefahr für Professor Langdon, der schliesslich noch gebraucht wird, sondern verheizt stattdessen unzählige Opfer, die dem Betrachter unbekannt und nahezu egal sind, weshalb der Film mit zunehmender Laufzeit durch seine optische und akustische Dauerbefeuerung abstumpft.

Der Trick dieses Spannungsaufbaus liegt in einer Art Umkehrung einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. In dem Professor Langdon suggeriert, dass die Abläufe den logischen und wissenschaftlich erklärbaren Regeln der "Illuminati" sowohl bezüglich des Ortes als auch der Zeit folgen, vermittelt das dem Zuschauer, dass die Täter, die dem Professor doch Voraus sind, auch immer so handeln, weshalb es beim vierten Mord zu der irren Situation kommt, dass der Täter trotz offensichtlicher Entdeckung noch ein Minütchen wartet, damit er ja nicht zu früh dran ist. Wollten die Täter die Erwartungshaltung des Professors (und des Publikums) nicht enttäuschen ? - Auch die überraschende Wendung am Ende der Story relativiert sich durch diese Vorgehensweise, denn betrachtet man im Nachhinein die tatsächlichen Intentionen der Hintermänner, ist diese akribische rituelle Einhaltung, die ja den Professor erst als Gegner auf den Plan ruft, noch weniger nachvollziehbar.

"Illuminati" ist ein in jeder Hinsicht künstlicher Film, der dazu weder über Ironie noch absurden Witz verfügt, sondern in seiner behaupteten Dramatik besonders ernsthaft wirken will, als wollte er sich dafür entschuldigen, dass er für seine konstruierte Story den Vatikan als Hintergrund gewählt hatte. Immer wieder werden wie schon bei "Da Vinci Code" Stimmen laut, dass der Film kritisch gegenüber der Kirche wäre, dabei ist das Gegenteil der Fall. Wenn Langdon und Vittoria am Ende ehrfürchtig in der Ecke stehen, wirken sie wie kleine Kinder angesichts der mächtigen katholischen Kirchenmänner, die eben auch manchmal ein paar schwarze Schafe verkraften müssen, um am Ende aber im Glorienschein dazustehen und dem Professor großzügig zu erlauben, etwas über sie zu schreiben.

Es ist nicht überraschend, dass der Film als Block-Buster funktioniert, denn Regisseur Ron Howard fährt hier in optischer und akustischer Hinsicht alles auf, was von einem solchen Film erwartet wird und es ist nicht leicht, sich dem effektvollen Geschehen zu entziehen. Doch das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier vor allem heisse Luft mit tiefen Verbeugungen vor der katholischen Kirche serviert wird (2,5/10).

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