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Chihiros Reise ins Zauberland (2001)
Eine Kritik von Der Mann mit dem Plan (Bewertung des Films: 8/10) eingetragen am 19.12.2002, seitdem 1809 Mal gelesen
"Prinzessin Mononoke" war der Triumph des japanischen Animationskinos. Erfolgreicher als "Titanic", inhaltlich und zeichnerisch zirka ein Millarde mal besser als jeder Disneyfilm. Was macht also ein Regisseur wie Hayao Miyazaki, nachdem er den weltbesten Animationsfilm gedreht hat? Die Antwort lautet "Spirited Away".
Während "Mononoke" fast schon klassisch anmutendes Abenteuerkino mit großem Fantasyeinschlag war, lässt sich "Spirited Away" schlecht kategorisieren. Der wohl einfachste Vergleich wäre mit "Alice im Wunderland" zu ziehen. Denn auch hier verirrt sich ein junges Mädchen in eine fremde Welt, die nichts mit unserer Realität gemein hat. Doch "Spirited Away" ist so viel mehr als nur eine Nippon-Version amerikanischer Fairy Tales. Dieser Film ist so märchenhaft, so verträumt und so wunderschön, dass man es kaum in geeignete Worte fassen kann. "Spirited Away" ist wie ein Schritt in eine Traumlandschaft, eine irreale Kindheitserinnerung - der Film ist wie ein Bild aus der Jugend, das man längst vergessen hat.
Aber der Reihe nach. In "Sprited Away" geht es um eine dreiköpfige Familie, die gerade beim Umziehen ist. Eine neue Stadt, eine neue Schule - nichts, was der 10-jährigen Chihiro gefallen würde. Doch bevor es ans Auspacken geht, verfährt sich Vater erstmal, und man landet in einem tiefen Wald, vor einem geheimnisvollen Tunnel. Neugierig wandern die Eltern und Chihiro durch den Tunnel. Am anderen Ende erstreckt sich die reine, unberührte Natur. Satte, grüne Wiesen, strahlend blauer Himmel. Eine wie aus einem Gemälde kopierte Landschaft. Anscheinend scheint es an diesem vergessenen Teil der Welt Zivilisation zu geben, denn hier ist eine unwirklich erscheinende Stadt aufgebaut. Der Vater tut dies als stillgelegter Vergnügungspark ab. Das Festmahlessen ist jedoch überraschend frisch, und so mampfen Mama und Papa erstmal herzhaft los.
Bis hierhin folgt der Film den Regeln unserer Welt. Doch sobald sich die vollgefressenen Eltern in Schweine verwandeln, Chihiro als Mensch in Todesgefahr schwebt, und von ein menschenartiges Wesen namens Haku auf eine Reise geschickt wird, werden alle Logikgesetze außer Kraft gesetzt. Jetzt regiert das Regelwerk der japanischen Mythologie. Zauberhafte Wesen, märchenartige Bewohner und immer einer gewissen Moral folgend. Das verängstigte Mädchen muss bei einem achtarmigen Arbeiter um Arbeit betteln. Schließlich wird sie in dem prächtigen Badehaus der Zauberin Yubaba angestellt. Nur wenn sie hart arbeitet, so Haku, wird sie ihre Eltern zurückverwandeln können. Doch mit dem Arbeitsvertrag im Badehaus muss Chihiro auch ihren Namen abgeben. Aus Chihiro wird Sen. Sen muss viele Abenteuer erleben. Es geht um verlorene Namen, Identitäten, traurigen, gesichtslosen Wesen, die innerhalb des Badehauses zu reißerischen Monstern werden, Figuren die im Ying-&-Yang-Verhältnis stehen, Frösche, Kohlewesen und Riesenbabys. Die überfüllte, an Phantasie schier überquellende Welt, die hier gezeigt wird, ist reichhaltig an Abwechslung, und wird für den Trickfilm ungewöhnlich erwachsen betrachtet. Hier ist nichts wirklich Böse oder Gut. Selbst die Hexe Yubaba beweist ihre Gutherzigkeit im Umgang mit ihrem geliebten Riesenbaby. Und auch die liebevolle Rin muss um ihr Gesicht zu bewahren, Sen einen Tollpatsch nennen.
Der Film fasziniert von Anfang bis Ende durch sein schier nicht greifbares Äußeres. Die Welt die Miyazaki hier auftut, scheint das fantastischste des Anime-Genres zu sein. Die Zeichnungen sind perfekt, hin und wieder bemerkt man sogar tricktechnisch interssante CGI-Effekte. Inhaltlich hat man zunächst kaum Möglichkeit der Orientierung. Wenn man plötzlich von der westlich anmutenden Welt der Eltern in die kindlich verzerrte Wunderwelt gelangt, kann man kaum mehr durchatmen. Asiatische Traditionen, Geistermythen und Miyazakis Ideen werden zu einem großen Ganzen, das man zwar wahrnehmen und bewundern kann, aber keinesfalls beim ersten Mal bereits begreifen kann. Fast ohnmächtig starrt man auf die zauberhafte Wunderwelt. Umso schwieriger wird es für das junge Publikum, um bei diesem Zeichentrickfilm am Ball zu bleiben. Denn anders als die Disneyproduktionen, die sich zwischen ihren obligatorischen Musikstücken nur von einem Klischee zum anderen hangeln, wird hier wirklich Inhalt mit einzelnem Bezug auf die Ökonomie und Ökologie Japans geboten.
Das traumhaft schöne Ende lässt dann alle Orientierungsschwierigkeiten vergessen. In den wunderbaren letzten Szenen, die wie immer unglaublich hübsch untermalt von Joe Hisaishis zeitloser Musik werden, entfaltet "Spirited Away" noch einmal seine ganze Magie. Es wird von "Liebe" gesprochen, universelle Botschaften werden uns nahegelegt. Und beim Finale, in dem Chihiro sich von der Traumwelt abkehrt, scheinen wir alle aus einem unbeschreiblich schönen Tagtraum zu erwachen, den wir gemeinsam mit Chihiro hatten.
"Spirited Away" ist einer der besten Zeichentrickfilme, die je gedreht wurden. Die magische Präsenz des Filmes und die tiefe Liebe, die er zum Ausdruck bringt, sind einzigartig. Zwar besitzt "Spirited Away" nicht die pompöse Eleganz und epische Breite von "Prinzessin Mononoke" - ein Klassiker, ein universelles Bild, ist "Spirited Away" aber dennoch heute schon.
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