„Western-Hit made in Germany - Karl Mays Der Schatz im Silbersee"
„Hallo Papi, kannst du nicht mal was anderes drehen als immer Edgar Wallace? Dreh doch mal Karl May!" So der neunjährige Filius Matthias zu seinem Vater Horst. Der Rest ist wie man so schön sagt (Film-)Geschichte.
Ob diese zu Werbezwecken nachgestellte Szene aus dem Hause Wendlandt sich auch tatsächlich so oder ähnlich zugetragen hatte, ist nach wie vor umstritten. Es ist letztlich auch egal. Produzentenlegende Horst Wendlandt gilt jedenfalls zu recht bis heute als Initiator und Ideengeber einer der erfolgreichsten Filmserien der deutschen Kinogeschichte. Er hatte mit der Verfilmung des auflagenstärksten Karl May-Romans alles auf eine Karte gesetzt und einen Volltreffer gelandet.
Was angesichts des Erfolgs der May-Filmwelle allerdings gerne vergessen wird ist die Tatsache, dass im Vorfeld kaum jemand an das Projekt geglaubt hatte. Zunächst einmal waren diverse Versuche Mays Orientromane ins Kino zu bringen auf recht verhaltenes Zuschauerinteresse gestoßen. Zwar waren die Westernstoffe des sächsischen Volksschriftstellers insgesamt bekannter und auch beliebter, nur sah man sich hier einer übermächtigen Konkurrenz und unangefochtenen Marktführerposition aus dem Mutterland des Genres gegenüber. Zudem fehlte es an entsprechenden Naturkulissen sowie mit dem Sujet vertrauten Darstellern und Regisseuren. Es ist dann einzig und allein Wendlandts Enthusiasmus und seinem Verkaufstalent zu verdanken, dass er die Bosse bei der „Constantin" von dem May-Projekt überzeugen konnte. Wochenlang war auf den Straßen und in diversen Buchhandlungen Berlins unterwegs gewesen und hatte sich dabei von dem enormen Bekanntheitsgrad der beiden Blutsbrüder und v.a. des „Silbersee"-Romans durch alle Alters- und Gesellschaftsschichten überzeugt.
Wendlandt erkannte allerdings auch sehr schnell, dass das Ganze nur mit einem gewissen Aufwand funktionieren konnte und leierte Constantin-Chef Waldfried Barthel das für damalige Verhältnisse stolze Budget von 3,5 Millionen DM-Mark aus dem Kreuz. Schließlich sollte der „Silbersee" kein Studiofilm werden, sondern fast ausnahmslos unter freiem Himmel gedreht werden, was einen ausländischen Drehort mangels entsprechender heimischer Landschaften praktisch unumgänglich machte. Und auch damit lag Wendlandt goldrichtig. Die wilden und filmisch völlig unverbrauchten Kulissen des jugoslawischen Karstgebirges und der Naturschutzgebiete rund um die Plitvicer Seen waren ein ganz wesentlicher Faktor des enormen Erfolgs, unterstrichen sie doch perfekt den märchenhaften Charakter der Romanvorlagen. Zudem gab es in der jugsolawischen Filmindustrie seinerzeit zahlreiche Spezialisten für Action- und Massenszenen, da italienische Produktionsfirmen dort gerne ihre Sandalenfilme drehten.
Als Regisseur verpflichtete man Harald Reinl, der durch seine erfolgreichen Erfahrungen in Edgar Wallace- und Heimatfilmen sowohl das geforderte Spannungs- und Actionmoment, wie auch die gewinnbringende Einbindung großartiger Naturkulissen gleichermaßen souverän beherrschte. Dank des stolzen Budgets gelang es zudem einige der bekanntesten Namen des deutschen Films (u.a. Götz George, Karin Dor, Marianne Hoppe, Ralf Wolter) und mit dem Briten Herbert Lom als Bösewicht einen international renommierten Darsteller zu verpflichten.
Entscheidend - und darüber war sich Wendlandt durchaus im Klaren - war aber v.a. die Besetzung des legendären Blutsbrüder-Paares. Und auch hier landete er einen absoluten Volltreffer. Für die Rolle des Old Shatterhand gewann er den ehemaligen Tarzan-Darsteller Lex Barker, dessen Hollywood-Karriere zwar vorbei war, der aber noch über genügend Star-Charisma verfügte um die Besetzungsliste in den Augen des deutschen Publikums aufzuwerten. Barker war zudem ein sehr pyhsischer Schauspieler mit einer offenen und grundehrlichen Ausstrahlung, was in Kombination kongenial Mays literarischen Alter Ego widerspiegelte.
Als weitaus schwieriger erwies sich die Besetzung der fast noch wichtigeren Winnetou-Rolle. Nach zahllosen Probeaufnahmen fand Wendlandt eher zufällig den weitgehend unbekannten Franzosen Pierre Brice in einem Berliner Restaurant. Ähnlich wie Barker war Brice zunächst nicht gerade begeistert in einem deutschen Western mitzuwirken und auch die Constantin stand de beiden Mimen ablehnend gegenüber. Aber wieder einaml hatte Wendlandt sein goldenes Händchen bewiesen indem er die beiden überredete und bei den Filmbossen durchsetzte. Es gibt bis heute wohl kaum ein Darstellerpaar in der deutschen Filmgeschichte, das dermaßen mit ihren Rollen identifiziert und für mehrere Genrationen zu geliebten wie verehrten Kultfiguren wurde. Zudem gelang es ihnen das Bild ihrer äußerlich anders beschriebenen literarischen Pendants komplett zu ersetzten, so dass jeder May-Leser bei Kenntnis der Filme automatisch Barker und Brice vor Augen hat.
Während Barker es mit der Darstellung des zupackenden und aufrechten Westernhelden noch vergleichsweise leicht hatte, musste Brice von seinem Regisseur erst angeleitet werden. Dieser instruierte ihn, dass es in erster Linie darauf ankam würdevoll und v.a. durchgängig ernst dreinzuschauen und dabei möglichst wenig Worte zu verlieren. Brice war zunächst irritiert über die mimischen und verbalen Beschränkungen, lies sich aber überzeugen und machte Winnetou damit genau zu dem geheimnisvoll-romantischen und mystischen Indianerhelden, den May erschaffen hatte.
Diese Wirkung wurde schließlich durch ein audiovisuelles Doppelpaket vervollkommnet. Kostümbildnerin Irms Pauli entwarf mit dem perlenbestickten Lederwams eines der schönsten Kostüme der Indianerfilm-Geschichte. Dass es deutlich an der authentischen Kleidung der Prärieindianer orientiert ist und so gar nicht mit dem Kleidungsstiel der Apachen vereinbar, stört bei dem märchenhaften Charakter der Figur keineswegs und entspricht im Übrigen auch der Mayschen Beschreibung.
Das i-Tüpfelchen auf die Inszenierung der in jeder Hinsicht überhöhten Winnetou-Figur lieferte dann Filmkomponist Martin Böttcher. Seine Silbersee-Titelmusik (ebenso wie die noch bekanntere „Old Shatterhand-Melodie") traf perfekt den wehmütig-romantischen Heldencharakter des edlen Apachenhäuptlings und führte seinerzeit sogar wochenlang die Pop-Charts an.
Überhaupt ist Böttchers Anteil am Erfolg der May-Filme nicht hoch genug einzuschätzen. Die Mischung aus Gitarrenklängen und getragenen Streichersequenzen harmonierte wunderbar mit den wild-romantischen Naturkulissen Jugoslawiens und vertonte kongenial die märchenhafte Anlage der Filme. Die Abgrenzung zur insgesamt beschwingteren und hemdsärmeligeren Inszenierung der US-Western wurde so auch akustisch deutlich. Darüber hinaus beeinflusste Böttcher die musikalische Untermalung der Italo-Western, mit der vor allem Ennio Morricone wenig später zu Weltruhm gelangen sollte.
All diese Erfolgsgaranten waren so natürlich nicht vorhersehbar, so dass Wendlandt zumindest handlungstechnisch auf Nummer sicher ging und die Erzählung auf verschiedene Schultern verteilte. „Der Schatz im Silbersee" ist daher auch der am deutlichsten erkennbare Ensemble-Film der Serie, bei dem Winnetou und Old Shatterhand nicht im Vordergrund stehen, sondern gleichberechtigt neben anderen Figuren agieren.
So dreht sich der Hauptplot um die Jagd nach dem titelgebenden Schatz, bei dem die Gangsterbande um den finsteren Cornel Brinkley (Herbert Lom) es mit einer illustren Gruppe an aufrechten Gegnern zu tun bekommt. Eigentlicher Protagonist ist dabei der von Götz George verkörperte Fred Engel, der als einziger den Weg zum Schatz kennt, nachdem Brinkley seinen Vater ermordet hatte. Der damals überaus beliebte Filmstar Karin Dor sorgt als Engels Freundin Ellen Patterson für die nötige Portion Romantik, während Ralf Wolter als schrulliger Westmann Sam Hawkins und Eddie Arent als Schmetterlinge suchender Nerd Lord Castlepool für den (nicht immer treffsicheren) Humor zuständig sind. Winnetou und Shatterhand tauchen eigentlich immer nur dann auf wenn es brenzlig wird, bzw. wenn ein entscheidender Wendepunkt ansteht.
Dieser episodenhafte Charakter des Films ist aber nicht weiter störend, da es Reinl gelingt das Tempo durchgängig hoch zu halten und mit der Schatzsuche sowie dem zentralen Rache-Thema ein roter Faden vorliegt, der für die nötige Spannung sorgt. Zudem kann er mit einer Reihe kompetent inszenierter Action-Einlagen aufwarten (u.a. der Angriff der Tramps auf eine Fort-ähnliche Farm sowie ein Zweikampf Old Shatterhands mit einem feindlichen Indianerhäuptling), die sich keineswegs vor vergleichbaren US-Produktionen zu verstecken brauchen. Die durchweg engagiert auftretenden und perfekt gecasteten Darsteller - neben Barker und Brice ist hier v.a. der eigentliche Charakterdarsteller Götz George zu nennen, der mit geradezu kindlichem Enthusiasmus und vollem Körpereinsatz den Spaß am jugendlichen Cowboy-und-Indianer-Spielen wieder aufleben lässt - erledigen im Verbund mit Böttchers Musik und der beeindruckenden Landschaft den Rest und machen „Der Schatz im Silbersee" zu einem bunten Abenteuerfilm, dessen naiver Charme und hoher Unterhaltungswert auch heute noch funktioniert. Zwar hatte man die über 500 Seiten starke Vorlage für die Drehbuchfassung deutlich gekürzt sowie manche Handlungsstränge und Figuren (u.a. Old Firehand) gleich ganz gestrichen, dennoch gelang es Ton und Geist der Mayschen Erzählung trefflich auf die große Leinwand zu retten und die riesige Fangemeinde vollauf zufrieden zu stellen.
Die goldene Leinwand für über 3 Millionen Besucher und die Auszeichnung als besucherstärkster Film der Spielzeit 1963/64 waren schließlich der Lohn für die zahlreichen Wagnisse, die sich nicht nur für Produzent Horst Wendlandt, sondern auch für die beiden Darsteller Lex Barker und Pierre Brice voll auszahlen und den Startschuss für eine im deutschen Film einmalige Erfolgsgeschichte bedeuten sollten.
Die Grundlage für weitere Abenteuer war jedenfalls gelegt und einem stärkeren Fokus auf die beiden Blutsbrüder stand nun nicht nur nichts mehr im Wege, sondern das Publikum verlangte geradezu danach. Jetzt sollte sich auch auszahlen, dass man sich bei der Constantin in weiser Voraussicht die Rechte an der Winnetou-Trilogie sowie sämtlichen weiteren Abenteuern aus der Feder Karl Mays gesichert hatte, in denen das Heldenduo auftrat. Und bereits der direkte Nachfolger (Winnetou I) sollte eindrucksvoll beweisen, dass die etablierte Erfolgsformel durchaus noch steigerbar war.
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Literatur:
Weber, Reinhard, Der Schatz im Silbersee. Eine Erfolgsgeschichte des deutschen Films, 2012.