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Erbarmungslos (1992)

Eine Kritik von Der Ewige Lawrence (Bewertung des Films: 10/10)
eingetragen am 20.06.2007, seitdem 708 Mal gelesen


Jeder große Westernstar hat mindestens einen großen Auftritt auf der Bühne bzw, bekommt einen großen Abtritt von der Westernbühne.
John Wayne hatte seinen "Shootist", Eastwood hat sein "Erbarmungslos" (ich hoffe ja immer noch auf ein Remake vom Shootist mit Eastwood, aber das ist eine andere Geschichte...).

John Wayne ist der personifizierte Western, mit John Ford hat er so viele Filme und Meisterwerke des US-Western abgeliefert, dass eine Steigerung kaum möglich erscheint.
Der einzige im US-Raum, der mit Wayne mithalten konnte war ein gewisser Gary Cooper, der gleichzeitig auch die ungleich unamerikanischeren Western ablieferte, wie es Wayne wohl gesehen hätte: Es wurde weitaus weniger verklärt, vieles wurde entmystifiziert, es gab immer wieder einen gesellschaftskritischen Anstrich, was schon am relativ wertkonservativen amerikanischen Bürgertum kratzte.
Lieferte Wayne den typischen Western - aufrechte, harte Männer in einer einsamen romantischen Welt, wo die Indianer zumeist die Bösen (zumindest oberflächlich betrachtet) sind, und echte Edelmänner sich auch gegen eine Übermacht zusammenrotten können (Rio Bravo und die zwanzigtausend gleichen Verfilmungen dieser Art) - so kam von Coopers Seite der andere Western zum Ausdruck - feige Gesellschaft (High Noon) oder Gesetzlose Revolverschützen, die sich als Söldner verdingen (Vera Cruz).
So kommt es auch nicht von ungefähr, dass Vera Cruz vielerorts eigentlich auch als erster Italowestern angesehen wird.

Dann kam ein gewisser Segio Leone und drehte den tatsächlich ersten Italowestern mit Für eine Handvoll Dollar, wo er eine Vielzahl vorhandener Genreklischees umkehrte, in welchem ein gewisser Clint Eastwood seine erste ernstzunehmende Hauptrolle hatte. Sechs Filme später tötete Leone den Italowestern wieder mit seiner Amerikatrilogie. Er hatte nichts mehr dem Genre hinzuzufügen und es gab dem Genre auch nichts mehr hinzuzufügen, es hatte sich überlebt.

Als Wayne schließlich von der großen Bühne abtrat, drehte er mit Der Shootist seinen definitiven Beitrag zum Genre, ein Werk, das sein definitiv letztes Wort zum Western beinhaltete.
Hier brach Wayne erst- und zugleich letztmals gängige Konventionen auf und hätte eigentlich sogar einen Oscar verdient gehabt - wenn denn dieser Preis tatsächlich etwas bedeuten würde (Aber das ist eine andere Geschichte).

Und wie bilden wir jetzt den Bogen zu Eastwoods letztem Western?
Nach der Dollartrilogie etablierte sich Eastwood in den USA als erster Westernheld seiner Generation, einer seiner Filme war stilbildender als sein nächster, wobei es ihm mühelos gelang beide Genres miteinander zu verweben: den alten romantischen Western mit dem neuen rauhen Western, nur dass er immer irgendwie alle überstrahlte. Seine besten Filme zu diesem Genre bekamen von daher auch eher in Europa Zuspruch denn in den Staaten, mittlerweile sind sie auch dort als Klassiker angesehen.

Nur machte Eastwood nie einen Hehl aus der Tatsache, dass er eigentlich schon gerne ambitioniertere Filme drehen wollte, mit einer Aussage oder einfach nur gute Filme, und nicht unbedingt nur hohle Kassenschlager.
Immer wenn er in Bedrängnis geriet, weil einer seiner ambitionierten Filme wieder mal finanziell in die Hose gegangen war, ließ sich Eastwood breit schlagen, um einen Kassenkracher zu produzieren.
So lassen sich seine 5 (!!!!!!!) Dirty Harry Filme begründen und so lassen sich auch seine etlichen Ausflüge ins Westerngenre erklären, welche nach einer Weile irgendwie immer das gleiche Prinzip zu benutzen schienen und von daher auch mal so eine Abnutzungserscheinung nicht mehr leugenbar war.
High Plains Drifter, Sinola, Hängt ihn Höher und Pale Rider wirken irgendwie alle sehr ähnlich in ihrer Struktur, auch wenn er nicht immer als Regisseur fungierte.
Auch wirkt Pale Rider - sein spätester Beitrag zu diesem Thema -irgendwie am uninspiriertetsten und überfrachtetsten.
Fast so als wäre er den Western zwar leid, aber versuche trotzdem in dieses starre Korsett eine andere Geschichte zu zwängen.

Der einzige Western, der hierbei herausragt, qualitativ gesehen (mir aber nicht sonderlich zusagt) ist der Texaner. Ähnlich wie Gary Coopers 12 Uhr Mittags hätte das die definitive Aussage Eastwoods zum Genre sein können.
Und niemand hätte es ihm übel genommen.

Doch wo Cooper noch Vera Cruz hinterher schob und damit den klassischen Western eigentlich beerdigte, hatte Eastwood auch noch ein As im Ärmel, seine definitive Aussage zum Thema Western sollte noch folgen.
Er hatte ein derart großartiges Skript von Coppolla erworben, dass er sogar gewillt war, so lange zu warten, bis er in diese Rolle hineingealtert war.
Und als er dann endlich alt genug war, wollte er unbedingt Gene Hackmann für die Rolle seines Antagonisten verpflichten. Auch hierfür mußte Eastwood noch einige Jahre warten.
Insgesamt wartete er also knapp 20 Jahre, bis er diesen Film realisieren konnte.

Und Eastwood tritt mit einem unglaublichen Knalleffekt von der Westernbühne ab. Nicht etwa wie John Waynes Knalleffekt, wo man sieht, dass er ein großer Westernstar war, nein er geht mit einem Knalleffekt, wo man sich fragt: Welcher Western soll denn jetzt noch folgen, mehr gibt es zu diesem Genre weißgott nicht mehr zu sagen.

Jedes Klischee wird hier umgekehrt, jeder Mythos auseinander gepflückt. Man merkt diesem Werk seinen 70er Jahre Einfluß genau so an, wie den späten, reifen Eastwood, der es sichtlich genießt, sich selbst als überragende Größe auseinander zu nehmen.
Und diesmal sind es tatsächlich solche Größen wie Morgan Freeman und Gene Hackmann, die Eastwood die Leinwandpräsenz tatsächlich streitig machen können. Dass Eastwood trotzdem die überragende Figur bleibt, ist irgendwie auch unserer Sehgewohnheit und unseren Erfahrungen und Erinnerungen geschuldet. Und Eastwood weiß das, er weiß das nur zu gut.

A propos Erinnerung: Eastwood ist auch genial genug, dass er dem Mann den sie Pferd nannten, ebenso seine Referenz erweist wie allen anderen großen Western vor ihm, vielerorts erinnern seine Bilder an Fords Western, dann wiederum an Leone oder Siegel oder sind schließlich unverkennbar Eastwood.

Und Eastwood macht alles richtig: Nach diesem Werk darf es keine Western mehr geben zu sagen wäre vielleicht vermessen, aber man kann ruhigen Gewissens sagen, dass dies Eastwoods letzter Western sein sollte (mit vielleicht eingangs erwähnter Ausnahme: Der Shootist als Eastwood Remake?)

10 Punkte


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