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Erbarmungslos (1992)

Eine Kritik von McClane (Bewertung des Films: 8/10)
eingetragen am 17.07.2007, seitdem 861 Mal gelesen


Clint Eastwoods „Erbarmungslos“ enttäuschte viele Zuschauer beim ersten Sehen, die in der Erwartung eines klassischen Western an sein Spätwerk herangingen – in Wahrheit handelt es sich jedoch um ein bemerkenswert unspektakuläres Requiem auf das Genre.
Bereits die Hauptfigur William Munny (Clint Eastwood) ist ein Schweinehirt, dessen wilde Tage vorbei sind – geläutert durch seine mittlerweile verstorbene Frau. Seine grausigen, kaltblütigen Taten von damals werden nur erwähnt nie gezeigt und erst zum Ende von „Erbarmungslos“ wird wirklich fassbar, was für eine Art von Mensch Munny früher war. Doch geläutert säuft er noch nicht mal mehr und will nur seine beiden Kinder großziehen.
In der Stadt Big Whiskey begehen zwei Cowboys derweil ein Verbrechen, als einer von ihnen einer Prostituierten das Gesicht zerschneidet. Der Sheriff, Little Bill Daggett (Gene Hackman), verhängt jedoch nur eine Entschädigung in Form von Ponys über die Männer – und diese gehen an den Saloonbesitzer. Die Prostituierten schreien nach Rache, werden jedoch überhört. Die Katastrophe zeichnet sich schnell ab, schon wenn der jüngere der beiden sich mit einem Pony für die Geschädigte entschuldigen will, doch deren Kolleginnen ihm keinerlei Vergebung gewähren wollen – wie der Originaltitel „Unforgiven“ treffend sagt.

Die Prostituierten setzen darauf ein Kopfgeld aus und auch Munny erfährt davon. Er zögert, doch angesichts der schlechten Lage seiner Farm reitet er los – zusammen mit seinem alten Partner Ned Logan (Morgan Freeman) und seinem neuen Partner, einem Jungspund, der sich nur Schofield nennt (Jaimz Woolvett)…
Hieraus könnte man einen klassischen Western machen, doch „Erbarmungslos“ verweigert sich den Konventionen und läuft recht unspektakulär ab. Einzig und allein der kurze Showdown hat etwas von klassischer Westernaction, ansonsten wird in „Erbarmungslos“ wenig gestorben. Sterben in „Erbarmungslos“ ist unglamourös, es kann das Opfer auf dem Klo treffen, Sterben in „Erbarmungslos“ ist langsam und qualvoll, wie ein anderes Opfer nach einem Bauchschuss erfahren muss. Keine Horden von Fieslingen, die sich mit einem Schuss niederstrecken lassen, stattdessen schweres, schmutziges Töten.
Auch sonst räumt „Erbarmungslos“ mit vielen Mythen auf. Dass der Gute nicht wirklich gut ist, das gab es (vor allem im Italowestern) zuhauf, doch selten waren sich Protagonist und Antagonist sich ähnlicher. Beide tragen den gleichen Vornamen (Bill ist schließlich nur eine Kurzform von William), auch Little Bill ist ein Killer im Ruhestand – statt des Farmlebens zimmert er am eigenen Haus. Zudem zeigt „Erbarmungslos“ stets was hinter Legenden stecken kann: Anhand von William, Little Bill und English Bob (Richard Harris), die unterschiedlich damit umgehen, dass sie Killer sind, und dem Biographen, der ein Buch über Westernlegenden schreiben will. Aber auch anhand von Ned, der im Gegensatz zu William nicht in seine frühere Rolle zurückkann, und dessen jugendlichen Schofield, der nicht nur kurzsichtig ist, sondern auch das Maul gelegentlich zu voll nimmt.

So funktioniert Eastwoods dekonstruierender Western vor allem als Drama eines gealterten Killers und seiner Seelenverwandten. Vor allem rahmenden Szenen am Grab von Munnys Frau zu Beginn und Ende des Films sind zutiefst bewegend, aber auch die Art, wie der alte kränkliche Schweinehirt noch einmal zu der Rolle wird, die er früher war. Gelegentlich lässt sich „Erbarmungslos“ dabei etwas zuviel Zeit, gerade wenn Munny noch glaubt die Geister von ihm Getöteter oder den Engel des Todes zu sehen, zieht das ein klein wenig, aber trotzdem wird der langsam erzählte Spätwestern nie langweilig.
Das Funktionieren liegt an dem mal wieder phänomenalen Eastwood, der auch vor der Kamera eine Glanzleistung vollbringt. Ebenbürtig auch Morgan Freeman und Gene Hackman, dagegen sieht Jaimz Woolvett gelegentlich etwas blass aus, aber er schlägt sich ganz gut. Richard Harris agiert ebenfalls recht überzeugend, so wie die meisten Nebendarsteller.

„Erbarmungslos“ ist zwar sehr langsam erzählt, aber fesselt trotzdem. Eastwoods toll inszenierter Abgesang auf den Western verweigert sich den Konventionen, bricht diese intelligent und entpuppt sich als packendes Drama. Gelegentlich nimmt sich „Erbarmungslos“ etwas zuviel Zeit, aber großes Kino ist er trotzdem.


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