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Erbarmungslos (1992)
Eine Kritik von RoedeBaer (Bewertung des Films: 10/10) eingetragen am 28.01.2008, seitdem 453 Mal gelesen
Die Sonne brennt am Zenit, zwei Schatten, in Ponchos gehüllt, stehen sich auf einer staubigen Dorfstraße gegenüber, im Hintergrund dreht ein Dornenstrauch einsam seine Runden. Der Wind fegt pfeifend durch die hölzernen Häuserfronten, in der Ferne bellt leise ein Hund. Dann ein Zucken, Schüsse peitschen durch die Luft, Sonnenlicht wird von blankem Eisen reflektiert, aus dessen Ende sich eine dünne Rauchfahne kräuselt. Einer der Schatten sackt in sich zusammen und fällt kopfüber in den Staub. Der Andere steckt sein Schießeisen in das Holster zurück, zupft seinen Sombrero zurecht und spuckt einen Flatschen Kautabak auf den ausgedörrten Boden. Dann dreht er sich um und schreitet, ohne sich umzublicken, in den langsam einsetzenden Sonnenuntergang.
So ähnlich wurde uns der wilde Westen vom Großmeister des Italowestern, Sergio Leone, präsentiert. Schweigsame Revolverhelden, zahnlückige Bösewichte, der omnipräsente Poncho auf den Schultern des Helden - und der war oft niemand anderes als Clint Eastwood. Leones Dollar-Trilogie bildet eine der Säulen für Eastwoods Ruhm, ließ ihn uns lange Zeit als beinharten Einzelgänger sehen, der sich über Autoritäten hinwegsetzt und seinem ganz persönlichen Weg folgt. Ähnlich war auch Eastwoods Rolle in den Dirty Harry-Filmen gelagert, dem zweiten Standbein seiner Hollywood-Karriere.
John Wayne hat uns gezeigt, dass die Helden im wilden Westen edel, mutig und gut waren, Gary Cooper zeigte uns, dass Helden oft allein stehen, Sergio Leone zeigte uns, dass der Westen dreckig und knallhart war - und seine Protagonisten ebenso. Einer dieser Hauptprotagonisten zeigt uns nun die wohl erste, einigermaßen ernst zu nehmende Charakterstudie eines Wildwest-Helden: Clint Eastwood. Und das im reifen Alter von 62Jahren.
Die Handlung:
In einem kleinen Nest namens Big Whisky schlitzt ein Cowboy einer Hure das Gesicht auf, weil sie sich über sein angebliches "kleines Ding" lustig gemacht hat. Zur Strafe droht ihm der Sheriff (Gene Hackmann) lediglich mit der Peitsche und befiehlt, dass die Huren mit einem Pony entschädigt werden sollen. Den Huren reicht das allerdings nicht aus, und so beschließen sie, einen Killer anzuheuern, der den Übeltäter zur Strecke bringen soll. Die Nachricht verbreitet sich und erreicht eines Tages den jungen Möchtegernkiller Schofield Kid (Jaimz Woolvet), dessen Onkel einst ein Desperado war. Dieser empfiehlt seinem Neffen, einen ehemaligen Kameraden von ihm, William 'Bill' Munny (Clint Eastwood) als Begleitung mitzunehmen. Der hat jedoch gerade ganz andere Sorgen: Nach dem Tod seiner Frau ist die kleine heimische Farm heruntergekommen, die Schweinezucht liegt aufgrund einer Seuche brach, und Munny und seine beiden kleinen Kinder blicken einer mehr als ungewissen Zukunft entgegen. Von seiner Vergangenheit will der ehemalige Killer Munny nichts mehr wissen. Er hat der Gewalt (und dem Whisky, der ihn regelmäßig dazu trieb) abgeschworen, als er seine Frau kennenlernte, und will nie wieder etwas mit Mord und Gewalt zu tun haben. Das ausgesetzte Kopfgeld, das die Lösung all seiner momentanen Probleme darstellen könnte, reizt ihn dann sber nach einigem Zögern doch zu sehr. Der Dritte im Bunde ist Munnys ehemaliger Bandenkollege Ned Logan (Morgan Freeman), der zwar ebenfalls mit der Vergangenheit abgeschlossen hat, aber seinem alten Freund zuliebe mitkommt.
In Big Whisky hat mittlerweile der dortige Sheriff Little Bill Daggett (Gene Hackman) von dem Plan der Huren Wind bekommen und beschließt, jeglichen Mordplan im Keim zu ersticken, indem er potentielle Killer gnadenlos aus der Stadt wirft. Das muss auch ein alter Bekannter von Bill, der vergreiste Revolverheld English Bob (Richard Harris) am eigenen Leib erfahren, als er auf öffentlicher Straße von Bill brutal zusammengeschlagen und schließlich aus der Stadt gejagt wird.
Nichtsdestotrotz machen sich Munny und Co. an die Arbeit und erledigen schließlich nacheinander gnadenlos den Übeltäter und dessen Freunde.
Soviel zur Rahmenhandlung, alles weitere würde hier doch gewaltig den Rahmen sprengen. Denn es gibt darüber hinaus noch etliche weitere Erzählstränge, Anekdoten und Vorkommnisse, die dem Film eine ungeheure Handlungsdichte verschaffen.
Meinung:
Erbarmungslos ist ein ganz anderer Western. Das fängt damit an, dass alle Hauptcharaktere bereits alte Männer sind, die ihre wilden und besten Zeiten eigentlich schon lange hinter sich haben. Es geht damit weiter, dass Eastwood in Erbarmungslos ebenso erbarmungslos sein eigenes Image als schweigsamer und eiskalter Revolverheld komplett demontiert. Bill Munny ist ein abgewrackter alter Mann, der auf einer heruntergekommenen Farm Schweine züchtet - und das nicht gerade erfolgreich. Mit dem Colt kann er nicht mehr schießen, dazu ist er mittlerweile zu ungeschickt. Die Waffe der Wahl ist daher eine Schrotflinte, die trifft wenigstens immer.
Aus Unterhaltungen mit seinem alten Kumpel Ned geht hervor, dass Munny früher ein dauernd besoffener Psychopath war, der in seiner Schießwütigkeit weder vor Frauen noch vor Kindern halt gemacht hat. Das ging soweit, dass seine eigenen Bandenkollegen ständig Angst haben mussten, dass er sie im Suff einfach aus purer Bosheit abknallen könnte. Vermutlich mit ein Grund dafür, dass Munny niemals Freunde gekannt hat. Ned scheint hier die große Ausnahme zu sein, jedoch scheint sich sein Zutrauen zu Munny auch erst im Alter als quasi Nachbar ergeben zu haben, nachdem dieser durch seine Frau erfolgreich von Alkohol und Gewaltausbrüchen kuriert wurde. Nun ist William Munny ein unsicherer alter Mann, der Angst davor hat, seine Gewaltader - sollte sie jemals wieder ausbrechen - nicht wieder unter Kontrolle zu bringen.
Ned kneift beim ersten Mordversuch, da er feststellen muss, dass er kein Killer mehr ist und reitet daher allein wieder nach hause. Weit kommt er allerdings nicht.
Der einzige, der ganz heiß auf Schießereien ist, ist der junge "Killer" Schofield Kid, der andauernd mit den Leuten prahlt, die er alle bereits umgelegt hat. Die Wahrheit indes stellt sich später als gänzlich anders heraus. Kid hat bisher noch niemanden erschossen, sein einziges Opfer war ein Betrunkener Messerstecher, dem er eine Schaufel über den Schädel gezogen hat. Zudem ist Kid extrem kurzsichtig, weshalb er leider auch fürderhin als Killer nichts taugt. Als er dann doch endlich seinen ersten Menschen aus nächster Nähe erschießt, verpatzt er es zunächst beinahe, nur um hinterher zusammenzubrechen und fortan dem Töten abzuschwören.
Der abgehalfterte English Bob, seinerzeit tatsächlich ein ruchloser Killer, verbringt seine Zeit nunmehr damit, dem ihn begleitenden Biografen einen Roman über seine glorreiche Vergangenheit zu diktieren, die freilich voller Übertreibungen ist.
Ganz anders Sheriff Bill. Ebenfalls bereits etwas betagter, greift er in Big Whisky mit eiserner Hand durch und erklärt seinen Hilfssheriffs, wie man in einem Gefecht die Oberhand behält: Die Ruhe bewahren, Deckung suchen, schneller ziehen als das Gegenüber und immer den gefährlichsten Gegner zuerst ausschalten. Schöne Theorie.
Unterm Strich bleiben einige alte Männer, die wider Willen in Schießereien verwickelt werden, die unheroischer kaum sein könnten, eine Handlung, bei der es weder Gute noch Böse gibt, sowie einen Clint Eastwood, der noch einmal in einen allerletzten Kampf ziehen darf.
Fazit:
Was uns Erbarmungslos zeigen will, ist vor allem eines: Am wilden Westen war nichts heroisch, echte Revolverhelden gab es nicht, und die Grenzen zwischen Gut und Böse waren damals ebenso verschwommen, wie sie es heute sind.
Bei aller Handlungsdichte bleibt Erbarmungslos ein leiser Film, der dem Zuschauer immer wieder Zeit zum verdauen gibt. Das Skript ist gut durchdacht, stets schlüssig und vermittelt den Eindruck soliden Realismus'. Die Schauspieler agieren auf höchstem Niveau, Kamera und Musik erschaffen eine authentische Atmosphäre und man hat auch ohne Materialschlachten stets den Eindruck, einen großartigen Film zu sehen.
Erbarmungslos ist ungeachtet all dessen aber vor allem eines: Ganz großes Erzählkino, wie wir es heutzutage leider nur noch selten zu Gesicht bekommen.
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