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Erbarmungslos (1992)
Eine Kritik von Doc Holiday (Bewertung des Films: 10/10) eingetragen am 21.05.2003, seitdem 788 Mal gelesen
Eine ganz einfache Geschichte aus dem Wilden Westen - und zugleich eine der seltsamsten, die wohl je in diesem Genre erzählt wurden: eine Gruppe gewalttätiger Cowboys, die in Wirklichkeit nur leicht pöbelige, tumbe Dorftrottel sind; ein rücksichtsloser Killer, der inzwischen zu trottelig ist, um auf sein Pferd zu steigen und eine Dose mit dem Colt zu treffen, die direkt vor ihm steht: durch die Liebe seiner Frau war er zum Familienvater geworden, aber die Armut treibt ihn in das alte Geschäft zurück und macht aus ihm das, was er vorher war und was ihm niemand mehr zutraut; ein Sheriff, der gern fabulierend ausführliche Geschichten erzählt, der "Little Bill" heißt, der ein völlig ungeschickter Häuslebauer ist, der plötzlich zu Gewaltexzessen neigt, angesichts derer wir uns nur wundern können, dass der Film noch eine FSK 16 - Freigabe hat; ein englischer versnobter Monarchist mit althergebrachtem Ehrgefühl, der sich als plumper Lügner und Hochstapler erweist; ein freundlicher und mitfühlender farbiger Farmer, der niemandem etwas tut, aber eine sichtbar todunglückliche indianische Ehefrau hat; ein vermeintlicher Schriftsteller, der in Wirklichkeit nur verlogene Legenden über Revolverhelden hören will, weil er selbst ein Feigling ist; eine Gruppe schlecht behandelter, schweigsamer Huren, die Mitgefühl erwecken könnten, wenn sie sich nicht passiv von ihrer einzigen Wortführerin zu sinnloser Rachsucht verleiten ließen; ein jugendlicher schießwütiger Hitzkopf, der fast blind ist; und schließlich die idyllische, wildromantische Weite des Westens, die doch immer so aussieht, als sei der jüngste Tag gerade angebrochen...
Abgesänge auf den Western gibt es schon seit Mitte der 60er Jahre, und die ersten Versuche auf diesem Gebiet waren so desillusionierend, dass von der alten Hawks- und Fordpoesie nichts mehr übrig blieb - sie wurde ja auch absichtlich nicht mehr angestrebt. Nach so vielen Demontagen war es 1992 an der Zeit, das ganz Alte mit dem auch schon alt Gewordenen zu etwas Neuem zusammenzufügen bzw. selbst dem Abgesang einen Abgesang folgen zu lassen. Und das ist es, was Eastwood geschafft hat. Sein Film zeigt uns die Absurdität und Sinnlosigkeit all dieser Handlungsmuster, die den Mythos des Westerns ausmachen; er stellt die Spirale schwachsinnigster Gewalt so beiläufig ins Bild, dass ihre gerade nicht mehr spürbare Betonung den Zuschauer nur umso härter trifft: durch nichts könnte Gewalt hier so deutlich in Frage gestellt werden wie durch ihre vermeintliche Selbstverständlichkeit. Und so kann mit zwingender Logik auch das Ende der Story nur darin bestehen, dass ausgerechnet der einzige der "Killer" gelyncht wird, der nie vorgehabt hat, jemanden zu töten, und dass diese Sinnlosigkeit wiederum zu einem eiskalten Blutbad eskaliert, das den einstigen echten Killer zu seinen Unwerten zurückführt und uns erschaudern lässt.
Nach diesem Film hätte kein Western mehr gedreht werden müssen - was Eastwood uns hier zeigt, ist das ultimative Schlusswort; der Rest sollte Schweigen sein. Es ist nicht damit zu rechnen, dass der eisige Schrecken des Faustrechts uns noch einmal so in die Glieder kriechen wird wie beim Anschauen dieses wahrhaft "erbarmungslosen" Films, der wie kein anderer die Quintessenz all dessen umfasst, was den "echten" sowie den mythischen Westen je ausgemacht hat - und das in einer Story, deren einfache Struktur allein schon in ihrer Glaubwürdigkeit beängstigend ist. Das ist die Apokalypse einer (nur zum Teil) fiktiven Welt in ihrer beklemmendsten Form.
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