Review

The glory in Inglourious Basterds

Wer den modernen Medien aufgeschlossen ist und sich für Kultur auch nur im weitesten Sinne interessiert, für den haben die beiden Buchstaben QT nur eine Bedeutung: Quentin Tarantino! Zwar könnte man hinter den beiden Lettern auch nicht ganz so unwichtige Dinge, wie die Quantentheorie vermuten, doch QT ist für die breite Masse zu einer Marke geworden, die zwar nicht alle lieben (wie jede wirklich gute Marke polarisiert diese), aber die für hochinteressante, zitierfreudige, originelle Filme steht, die immer wieder mit kleinen Beobachtungen oder Details zu überraschen und im besten Falle zu begeistern wissen.

Wie ein kleiner und völlig faszinierter Junge wildert Quentin Tarantino durch das filmische Spielzeugland, in dem er sich immer andere Genres aussucht, um einen eigenen Beitrag zu fabrizieren, die dabei auch immer Versatzstücke von Herrn Tarantinos Lieblingen aus der Filmgeschichte ausweisen. Dabei entstehen liebevolle Hommagen (spitze und nicht so wohlgesonnene Zungen behaupten natürlich, dass Tarantino schlicht und ergreifend klaut), die immer respektvoll mit den Originalen umgehen und von der Liebe des Regisseurs zum Kino zeugen. Nach dem Gangsterkino (Reservoir Dogs und Pulp Fiction), der Blaxploitation (Jackie Brown), den Klassikern des Martial Arts (die Kill Bill – Filme) und schließlich den autoverfolgungsjagdintensiven (DAS Unwort dieses Reviews) Actionfilmen der 70'er Jahre (Death Proof) hat sich QT also den Kriegsfilm vorgenommen. Dass der Regisseur sich nicht bei neueren Vertretern, wie „Der Soldat James Ryan“ oder „Platoon“ umgeschaut hat, überrascht bei seiner bisherigen Auswahl an Vorbildern kaum. Die beiden genannten Streifen haben auch eher das Stigma des „Anti-Kriegsfilms“. Tarantino bediente sich (und dass ist schon bei dem Titel offensichtlich) bei den „richtigen Kriegsfilmen“ der 70'er und Beginn der 80'er Jahre. Das direkte Vorbild „Inglourious Bastards“, oder auch zu deutsch „Ein Haufen verwegener Hunde“, nutzte die 2. Weltkriegsthematik für einen Actionfilm, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Action ohne Reue und schlechtes Gewissen, sozusagen. Daher auch kein „Anti-“ vor dem Wort „Kriegsfilm“. Insofern haben diese Filme nicht das Anliegen die Grausamkeiten des Krieges darzustellen, sondern nutzen diesen Schauplatz „nur“ für unterhaltsames Genrekino.

Und genau diesen Geist atmet Tarantinos „Inglourious Basterds“ auch, es liegt ihm fern, offenkundige Aussagen, wie „Die deutschen Soldaten waren auch nur Menschen“ oder „Der Krieg war echt total grausam“ zu verbreiten. Nein, auch Tarantino nutzt diesen großen Abenteuerspielplatz, um das zu tun, was Tarantino eben tut: es gibt lange, aber nichtsdestotrotz fesselnde Dialoge; Tarantino zeigt wieder genau die kleinen Besonderheiten, die in diesem Falle gerade den deutschen Rezipienten auffallen und für das eine oder andere Schmunzeln sorgen (so z.B. in der Szene, in der die deutschen Soldaten am Tisch ein Spiel spielen, in dem sie berühmte Persönlichkeiten erraten sollen. Nicht nur ist das Bild wunderbar skurril diese Soldaten mit beschrifteten Karten auf der Stirn zu sehen, aber dass einer der zu erratenden Charaktere „Edgar Wallace“ ist, sorgte im Kino für einige Lacher). Dieses Schmunzeln oder auch die Lacher bleiben in der einen oder anderen Szene durchaus im Halse stecken, wenn in solchen Situationen beinahe nebenbei rassistische Parolen gedroschen werden. Bei Tarantino sind die Nazis einfach böse. Es gibt nicht den Einen, der eigentlich gut ist, oder sich zumindest am Ende als guter Mensch erweist. Nein, Tarantino zeigt ein klares Feindbild, das diabolischer nicht sein könnte, ein Oskar Schindler ist weit und breit nicht in Sicht. Die titelgebenden Inglourious Basterds, eine amerikanische Undercover-Truppe, die sich das Töten und Skalpieren von einem Maximum an Nazis auf die Fahnen geschrieben hat, wird ebenso eindimensional charakterisiert: Selbst wenn abtrünnige Deutsche in der Truppe sind, sind die Basterds einfach amerikanische Cowboys, die immer lächelnd mit einem flotten Spruch auf den Lippen ihrer Aufgabe nachgehen. Insofern sind Vergleiche zu einem Western ebenfalls nicht von der Hand zu weisen.

Kommen wir zu einem Schmuckstück in diesem Schatzkästchen, der Besetzung. Brad Pitt spielt zum ersten Mal unter Tarantino und tut dies zwar gewollt eindimensional, füllt seinen Charakter aber eindrucksvoll mit Leben. Damen, die einfach nur wegen ihrer Vorliebe für Brad Pitt ins Kino gehen (Entschuldigung für das Nutzen dieses Klischees), sollten sich aber vorsehen, denn genau wie der Film, ist Pitt so gar nicht zimperlich und agiert immer grimmig. Vom internationalen Standpunkt aus, war es das auch schon mit dem Superstar-Aufgebot. Trotzdem hat die Besetzung noch so viel mehr zu bieten: da wäre zum Einen Eli Roth, seines Zeichens Regisseur („Hostel“, „Cabin Fever“) agiert hier als Darsteller, spielt gleich eine recht große Rolle und kann auch in dieser sehr gut überzeugen. Roth kann bedrohliche, wie auch witzige Momente vereinen und ist vielleicht die Überraschung in der Besetzung. Getoppt wird seine Performance allerdings durch einen Österreicher: Christoph Waltz spielt hier vielleicht die Rolle seines Lebens, die mit ziemlicher Sicherheit einige Rollen in Hollywood nach sich ziehen wird! Er spielt den Nazi-Jäger Landa charismatisch, charmant, bedrohlich, ekelerregend und abstoßend. Diese Leistung kann man gar nicht hoch genug hängen, wenn er immerhin in einem Tarantino-Film Brad Pitt die Schau stiehlt. Gerade, da man Waltz sonst eher aus billigen deutschen TV-Produktionen kennt, ist es einfach unglaublich zu sehen, wie er auf der großen Leinwand wirkt. Er dominiert die ersten 15-20 Minuten des Filmes mit seinem beeindruckenden Spiel. In dieser doch recht langen Zeit, beherrscht er die Leinwand, erzeugt Spannung in einem einfachen Gespräch mit einem französischen Milchbauern. Allein dieses Zusammenspiel, das Knistern, das entsteht, sollte reichen, um Waltz eine Eintrittskarte nach Hollywood zu bescheren. Auch im weiteren Verlaufe des Filmes sind seine Auftritte Höhepunkte dieses nicht an Höhepunkten armen Filmes. Man kann sich bei Betrachten dieses Filmes gar nicht vorstellen, dass Leonardo DiCaprio einer der heißesten Kandidaten auf diese Rolle gewesen ist.
Generell kann man sagen, dass sich so ziemlich die gesamte Riege der deutschen Schauspieler darum gerissen hat, in Tarantinos Film einen Nazi darzustellen. Kein Stöhnen mehr, dass man es als deutscher Schauspieler in Hollywood schwer hat, weil man immer als Nazi besetzt wird. Kaum packt Tarantino das Thema an, sind solche Gedanken vergessen, man will einfach dabei sein. Für den deutschen Zuschauer bedeutet das, dass man selbst viele der kleinsten Rollen aus dem heimischen Fernsehen kennt. Sogar Arzt Bela B hat einen kleinen Auftritt. Til Schweiger als einer von Deutschlands wenigen Darstellern, die schon einen Fuß (oder zumindest einen Zeh) in Hollywood haben, kann in seiner Rolle zwar auch überzeugen, doch er hat weniger Screentime, als viele seiner weniger bekannten Kollegen. Besondere Erwähnung aus der Riege der deutschen Darsteller soll hier noch Daniel Brühl finden, der als junger Naziheld Zoller auch im Gedächtnis bleibt. Einerseits flirtet er mit einer Französin, wirkt in diesen Szenen beinahe sympathisch, andererseits ist er auch zu jeder Zeit von der „Sache“ überzeugt. Brühl stellt diesen Charakter so glaubwürdig dar, dass bis zu einem bestimmten Zeitpunkt des Filmes eine Unsicherheit des Publikums entsteht, ob sein Charakter denn nun sympathisch ist, oder nicht. Ein weiteres erwähnenswertes Highlight aus der Besetzung stammt aus Frankreich und heißt Mélanie Laurent. Sie spielt eine unglaublich weite Palette aus verschiedensten Emotionen, die ihre Rolle im Verlaufe des Filmes durchlebt völlig glaubhaft: Todesangst (als untergetauchte Jüdin auf der Flucht vor dem Juden-Jäger Landa), genervt von Zollers andauernden Avancen bis hin zum Racheengel. Madame Laurent gehört neben Waltz zu den größten Entdeckungen dieses Filmes.

Worum es geht, ist wie in so vielen Filmen Tarantinos schon beinahe nebensächlich. Nicht, dass die Story uninteressant oder langweilig wäre, doch (und hier bleibt sich Tarantino treu) der Film lebt von seinen interessanten Charakteren, intensiven Dialogen und einzigartigen Situationen. Wie von Tarantino gewohnt, ist der Film dabei immer optisch beeindruckend, voll von interessanten visuellen Ideen und bildgewaltig. Das Finale, das in einem Kino voller Nazis stattfindet beinhaltet viel Eye-Candy, wie z.B. der brennenden Leinwand, die auch einem Comic entsprungen sein könnte und unglaublich beeindruckend wirkt. Wie in allen bisherigen Filmen Tarantinos schafft es der Regisseur seinen Stempel auf ein Genre zu drücken und sich dabei trotzdem treu zu bleiben. Mit „Inglourious Basterds“ ist ihm definitv wieder ein großer Wurf gelungen, der wohl zu seinen besten und wichtigsten Arbeiten zu zählen ist und das Trademark „QT“ weiter ausbauen wird. Quantentheorie, nimm dich in acht!

Fazit:

10 / 10

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