„Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord.“
Mit diesen Worten beginnt Albert Camus seinen berühmten Essay „Der Mythos des Sisyphos“. David Locke, gespielt von Jack Nicholson, findet einen anderen Ausweg aus der Absurdität seines von Wohlstand und Stagnation geprägten Lebens und nutzt die einmalige Gelegenheit, sich der Identität eines gänzlich fremden zu bemächtigen. Sein altes Leben wirft der erfolgreiche Reporter über Bord um sich auf das Abenteuer eines unbekannten Weges einzulassen. Als sein Hotelnachbar David Robertson, der Locke zufällig zum Verwechseln ähnlich sieht eines, natürlichen Todes stirbt, tauscht er die Identität mit dem Toten und gilt von nun an selbst als tot.
Mit dieser Entscheidung antwortet Locke auf eine zentrale Frage in der Philosophie - er empfindet sein Leben nicht als lebenswert, getrieben von einem nicht näher beschreibbaren Drang, seinem Leben eine Bedeutung zukommen zu lassen. Diese innere Sinnsuche (die sowohl architektonischen als auch geografischen Ausdruck findet) wird von Antonioni nicht als Genrekino inszeniert, obwohl er durchaus mit Mechanismen des Spionagefilms und auch mit Thriller-Elementen spielt. „Beruf: Reporter“ ist nur schwer zugänglich wenn man den Plot in den Vordergrund stellt, Antonioni erzählt seine Geschichte beinahe rein visuell. In meditativen, langsamen Bildkompositionen beschreibt der Film den Seelenzustand seines Protagonisten in jeder Einzelheit: Seien es die kargen, weitläufigen Impressionen der lebensfeindlichen Wüstenabschnitte, die sorgsam gewählten Kulissen, die intensive Farbdramaturgie oder auch das Fehlen eines ästhetisierenden Filmscores. Die Bilder erscheinen in ihrer Perfektion kaum arrangiert sondern machen einen authentischen Eindruck, schöpfen somit all ihre lyrische Schönheit aus der Abbildung der Realität.
„Beruf: Reporter“ ist also an erster Stelle ein existenzialistischer Film, was sich auch in der dramaturgischen Gestalt des Films manifestiert: Antonioni scheint kaum Interesse zu haben seinen Plot aufregend oder spannend zu inszenieren sondern setzt viel mehr auf eine Atmosphäre totaler emotionaler Isolation. Die Handlung bietet mehrere Ansätze für eine Handlungskonstruktion um eine spannend-mysteriöse Hetzjagd mit spektakulärem Showdown, doch Antonioni lässt all diese Möglichkeiten außer Acht, demontiert die gewählten Genres spätestens im kunstvollen Finale, um eine spirituelle Reise möglichst adäquat auf die Leinwand zu bringen. Nicholson wirft all sein Können in die Waagschale, zeichnet David Locke als resignierten, müden Mann, der scheinbar selbst seinen inneren Antrieb nicht absolut versteht. Auch Maria Schneider („Der letzte Tango in Paris“) stellt sich als ideale Besetzung heraus, überzeugt mit einer unverfälschten Ausstrahlung und kontrastiert mit ihrer offenen Fröhlichkeit die Emotionen David Locke’s. Einen Namen erhält die Figur allerdings nicht, ein weiteres Detail, welches die Einsamkeit des modernen, kulturellen Menschen aufzeigt.
In all unseren Bemühungen lernen wir letztlich nur die Oberfläche eines Menschen kennen und können niemals eindeutig in dessen Gefühlsleben eindringen – jede Begegnung bleibt ein vages Gebilde aus Zufällen, Missverständnissen und ist somit im besten Fall der Versuch einer Annäherung. Gleichzeitig reflektiert Antonioni gesellschaftspolitische Problematiken wie die diversen Bürgerkriege in der Dritten Welt und wie diese erst ermöglicht und begünstigt werden durch die westlich-kapitalistische Politik. Das diese aber sogar ihre Nutznießer wie den angesehenen Reporter Locke mit der Zeit ausbrennt, ist zwar oberflächlich gesehen ein eindeutig linkes Statement, gleichzeitig wirft der Film aber auch einen kritischen Blick auf das Wesen idealistisch geprägten Widerstandes. Die Flucht vor den gesellschaftlichen Zwängen, die Antonioni zuvor schon in „Zabriskie Point“ thematisierte, wird jedoch nicht als funktionelle Möglichkeit aufgefasst, steht exemplarisch für die voran schreitende Entfremdung des Individuums in der modernen Gesellschaft, der offensichtlich nichts entgegen zu setzen ist.
Während des gesamten Films bestimmt die Anwesenheit des Todes spürbar die Atmosphäre. Da auf Hintergrundmusik im eigentlichen Sinn verzichtet wird, strahlt „Beruf: Reporter“ eine gespenstische Ruhe aus, von der wesentlich mehr Sequenzen dominiert werden als von Dialog oder voran schreitender Handlung. Dass die meisten dieser ruhigen Passagen den Eindruck machen, Ausschnitte aus Endlosbändern zu sein, liegt in der knapp bemessenen Drehzeit begründet (Jack Nicholson war schon 1975 ein gefragter Star und hatte einen dementsprechend gefüllten Terminkalender), was Antonioni am Schneidetisch, wo der Rhythmus des Films entstand, zu einem funktionstüchtigen Stilmittel kultivierte. Die Landschaftsaufnahmen vermitteln ein Gefühl von bedrückender Weite, was durch das beklemmende Tondesign deutlich intensiviert wird. Jedes Geräusch, sei es auch noch so natürlich und Teil seiner Umgebung, erweist sich als Fremdkörper, verleiht dem Geschehen sowohl einen naturalistischen als auch einen irrealen Anstrich. Verstärkt wird dieser Eindruck durch eine komplexe Montage verschiedener Zeitebenen – Antonioni erklärt die Gefühlswelt seiner Figuren in brillanten Rückblenden, rein gefühlsmäßig integriert er diese Szenen in den Erzählfluss und untersucht anhand fingierten Archivmaterials subtil das Wesen des Journalismus. Insgesamt finden sich derartig viele Bedeutungsebenen, dass sogar der überaus vielschichtige „Zabriskie Point“ in dieser Hinsicht abfällt. Mit welcher Lakonie Locke seinem Lebensende entgegen sieht, zeigt aber auch, dass sich Antonionis Weltbild scheinbar verdunkelt hat, denn vorliegender Film ist der deutlich pessimistischere. Die siebenminütige Sequenz, mit der Antonioni seinen Film beendet, ist fester Bestandteil der Filmgeschichte, verdichtet alle philosophischen Gedanken, die zuvor aufbereitet wurden und ist in ihrer ästhetischen Präzision wohl unmöglich zu übertreffen.
Fazit: „Beruf: Reporter“ erweist sich als sperriges Kunstwerk, dessen volle Bedeutung kaum beim ersten Sichten erfasst werden kann. Antonionis Bildsprache beeindruckt durch einen völlig zeitlosen Stil, der den Film ungeheuer modern wirken lässt. Als filmische Auseinandersetzung mit existenzialistischen Themenkreisen von ebenso hohem Wert wie von filmhistorischer Bedeutung, so könnte man nahezu jedes Standbild einer eigenen Analyse unterziehen. Fest steht aber, „Beruf: Reporter“ sollte sehr persönlich aufgenommen werden und muss individuell gelesen werden, Antonionis Film drängt dem Zuschauer weder Lösung noch Bedeutung auf. Wie schön, das manche Regisseure sich trauen, das Publikum zum Denken zu zwingen statt immer nur davon abzuhalten.
09 / 10 – Ohne Gewähr auf die Endgültigkeit der Benotung.