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Hollow Man - Unsichtbare Gefahr (2000)

Eine Kritik von Fastmachine (Bewertung des Films: 5/10)
eingetragen am 04.09.2005, seitdem 483 Mal gelesen


Kurz nach dem Abspann von „Hollow Man“ der Gesamteindruck: Was für ein mittelmäßiger Film. Und dies von Paul Verhoeven, dem Regisseur, der mit „Robocop“ und „Total Recall“ einst Maßstäbe setzte, sowie mit „Starship Troopers“ immerhin noch für allgemeinen Diskussionsstoff sorgte.
Wenn eine Erfolgsformel nicht mehr funktioniert, fragt sich alles, ob es nur ein Einzelfall war oder ob sich eine grundlegende Krise andeutet. Es sah zunächst nach einem Heimspiel für Verhoeven aus: Ein Science-Fiction Film, der dank üppigem Budget mit stimmigen Sets, guten Schauspielern und vor allem erstklassigen Spezialeffekten aufwarten kann. Zudem schien das Drehbuch den Neigungen des Regisseurs entgegenzukommen: Dreht sich doch die Geschichte um einen Forscher, der durch riskante Experimente alle Kontrolle über sich verliert und seinen Trieben freien Lauf lässt: Sex und Gewalt. Wenn einer daraus erstklassige Blockbuster gemacht hatte, dann Verhoeven.

Was lief hier schief?

Zu Grunde liegt allem Übel eine eklatante künstlerische Fehlentscheidung Verhoevens: Er hätte erkennen müssen, dass die Grundidee des „unsichtbaren Mannes“ ein uraltes Thema ist, welches schon vor dem zweiten Weltkrieg verfilmt worden war und danach etliche Male aufgegriffen wurde. Wer sich im Jahr 2000 an diesem Science-Fiction Standard versucht, sollte also tunlichst darauf achten, dies Thema so zu inszenieren, dass es künstlerisch auf der Höhe der Zeit ist. Genau hier versagt diesmal Verhoevens Instinkt: Die ganze Grundanlage der Handlung und die Zeichnung der Charaktere gehört zum Repertoire vergangener Jahrzehnte, kurzum, es werden hier abgelebte Konventionen wiederholt. Verhoevens ureigenste Zutaten, nämlich die Zeichnung von Menschen als intelligente Tiere, die von Gier, Sex und Gewalt geleitet werden, deren sonstiges Gefühlsleben aber kaum je wichtig wird, bleiben bloßes Dekor. Sie können der platten Handlung weder provokative Widerhaken, geschweige denn eine Tiefendimension geben. Was Verhoeven einst auszeichnete, nämlich einerseits die Versatzstücke des Hollywoodkinos mit sehr persönlichem Stilwillen und Mythomanie künstlerisch auf der Höhe der Zeit neu zu erfinden, andererseits zugleich mit der Unverschämtheit eines Exploitationfilmers die niederen Instinkte des Publikums zu bedienen: es ist hier viel zuwenig davon zu spüren.

Verhoeven hätte dieses Drehbuch niemals annehmen dürfen, es scheint mir im Grundsätzlichen von minderer Qualität. Wer, um alles in der Welt, meint im Jahr 2000 mit dem ältesten aller abgestandenen Wissenschaftlerklischees, dem „verrückten Professor“, noch punkten zu können in einem Film oberhalb des Trash-Niveaus? Sage keiner, hier wird diesem Klischee irgendetwas Neues hinzugefügt oder gar eine Persiflage geboten. Verhoeven entblödet sich nicht, ganz dummdreist auf den ausgefahrensten Geleisen entlang zu gondeln, von der ersten bis zur letzten Minute des Films. Der Wissenschaftler Sebastian Caine (Kevin Bacon) wird uns gleich zu Beginn als veritables Arschloch vorgestellt: Besessen von Eigensucht, Geltungsdrang und sexueller Gier, dabei aber ein genialer Wissenschaftler. So sind sie halt, unsere nerdistischen Eierköpfe in den Labors. Kein Wunder, dass ihn seine Freundin und Kollegin Linda (Elisabeth Shue) verlassen hat. Dieser Hauptfigur wird im Laufe des Films nicht die geringste Weiterentwicklung oder Vertiefung zugestanden.

Folgende Geschichte sollen wir für angemessen und interessant halten: Nach diversen Tierversuchen glaubt Sebastian Caine endlich den ersehnten Durchbruch erzielt zu haben. Mittels der Injektion eines Serums kann er Lebewesen unsichtbar werden lassen und sie dann durch ein Gegenmittel wieder sichtbar machen. Der erste Versuch am Menschen ist natürlich ein Selbstversuch.
Sollte jemand sich gefragt haben, wofür erhebliche Teile des Budgets draufgegangen sind, so wird ihm mit den folgenden Computereffekten wohl eine hinreichende Antwort gegeben. Lebewesen verschwinden nicht einfach nach Injektion des Serums in die Unsichtbarkeit, sondern lösen sich buchstäblich Ader um Ader, Muskel um Muskel und Knochen um Knochen auf. Der Effektzauber hält nicht nur die Zuschauer bei der Stange, sondern unterstützt auch motivisch Verhoevens Vorstellungswelt. Indem Menschen ebenso wie Gorillas als zerlegbare Anatomiepuppen vorgeführt werden, tritt ihr gemeinsames tierisches Erbe in den Vordergrund. Der schmerzhafte Prozess der Unsichtbarwerdung verwandelt Sebastian Caine zeitweise in ein zuckendes Muskelbündel, schließlich kann man seine Innereien sehen, wo ein pumpender Fleischklumpen den Kern der menschlichen Existenz ausmacht. Leider bleiben diese Szenen, wo aufwendige Effektregie und Paul Verhoevens künstlerische Grundpositionen so in Eins fallen, die Ausnahme.

„Hollow Man“ versagt insbesondere, wenn es um die Darstellung des entfesselten Sexualtriebs von Sebastian Caine geht. Gut, Caine leidet unter der Trennung von seiner Freundin Linda. Soll vorkommen. Caine schaut zu Beginn aus seiner Wohnung hinüber in die erleuchteten Fenster des Nachbarhauses und sieht einer schönen Frau beim Ausziehen zu. Auch gut, welcher Mann würde da nicht einen Blick riskieren?
Als aber das Experiment scheitert und Caine für unabsehbare Zeit unsichtbar bleiben muss, tickt er sofort aus. Er verlässt aus Frust das Labor und das erste, was er meint tun zu müssen, ist die Nachbarin zu vergewaltigen. Man ist sprachlos und wie vor den Kopf gestoßen. Was Verhoeven sich dabei gedacht habe mag, bleibt sein Geheimnis. Ohne jede Motivation oder psychologische Plausibilität startet der Film hier von Null auf Hundert, um Caines Wahnsinn zu demonstrieren. Die psychologische Plausibilität mal bei Seite, spottet es allen handwerklichen Regeln der Dramaturgie, gleich zu Beginn eigentlich den Endpunkt einer Entwicklung zu zeigen. Das ist sogar Verhoeven aufgefallen. So hat er die eigentlichen Vergewaltigungsszenen wieder herausgenommen (sie sind im Bonus-Material enthalten), da er sonst schwerlich noch irgendetwas draufzulegen hätte. Muss man noch erwähnen, dass von der Vergewaltigung und der Nachbarin im ganzen restlichen Film nicht mehr die Rede ist, die Szene außer dem Exploitationwert mithin keine Funktion hat? In den folgenden Szenen im Labor wird dann eine Stufe zurück gefahren. Caine tatscht seine weiblichen Kolleginnen an, spannt auf dem Klo und gibt sich auch sonst allerlei Pubertätsstreichen hin. Man glaubt sich auf dem Niveau von „American Pie“ und vergleichbaren Teeniefilmen, die von albernen Witzen unter der Gürtellinie leben. Verglichen mit dieser platten Mischung weiß man erst die dramaturgisch um etliche Klassen besser inszenierten sexuellen Provokationen von „Basic Instinct“ zu schätzen.

Sebastian Caine bleibt uns als Charakter völlig gleichgültig, obwohl an Kevin Bacons schauspielerischer Leistung nichts auszusetzen ist. Er hat keine moralische Fallhöhe, es fehlt dieser Figur an jeder Tragik, man nimmt seine Handlungen ungerührt zur Kenntnis. Eine „Studie des Bösen“, wie Verhoeven meint, ist dies ganz gewiss nicht, da hier jede moralische Begrifflichkeit fehlt. Geboten wird nur: Ein uninteressantes Arschloch tickt aus und geht schließlich verdientermaßen dabei drauf. Caines Beziehung zu Linda bleibt eindimensional, ja ist selbst in dieser Schrumpfform kaum nachvollziehbar. Warum sollte die von Elisabeth Shue als selbstbewusste, gefestigte Frau dargestellte Linda jemals ein Interesse an Caine gehabt haben? Warum lässt sie ihm überhaupt seinen Wahnsinn solange durchgehen? Fragen über Fragen, die der Film nicht beantwortet, sondern mit zunehmender Dauer durch reine Action zu überspielen sucht. Caine will alle Zeugen seiner Verbrechen beseitigen und so mündet „Hollow Man“ in eine lange und insgesamt flache Verfolgungsjagd im unterirdischen Labor.

Die Verfolgungsjagden spotten jeder Logik und zitieren dann noch die ältesten Actionkamellen. Ein unsichtbarer Gegner: Man erinnert sich an „Predator“? Verfolgung eines unheimlichen Wesens durch die stählernen Gänge einer hoch technisierten Station: Wem kommt da nicht „Alien“ in den Sinn? Leider erreichen die entsprechenden Szenen von „Hollow Man“ nicht entfernt die Dramatik der großen Vorbilder. Viel zu schematisch und erwartbar läuft die Jagd auf den Unsichtbaren. Dies ist umso enttäuschender, als Paul Verhoeven ein Vielfaches des Budgets zur Verfügung stand. An der Optik liegt es auch nicht, denn Kameramann Jost Vacano sorgt für gewohnte Qualität.
Es liegt ganz allein an Drehbuch und Regie, die den Film mit zunehmender Dauer um jeden Funken von Glaubwürdigkeit und Originalität bringen. Sebastians Caine wird zwar mit Flammenwerfer geröstet und Stromschlag gegrillt, doch er will nicht sterben. Als halbverbrannter Zombie hetzt er weiter hinter Linda und Matthew hinterher. Die große Frage: Wieso ist der Kerl nicht schon lange tot? Das Serum macht bekanntlich nur unsichtbar, nicht unverwundbar. Aber ganz wie der Terminator, der einst noch als halber Schrotthaufen Sarah Connor killen wollte, lässt Sebastian Caine nicht locker. Wer nicht spätestens hier das Großhirn ganz ausgeschaltet hat, wird beim Finale fürchterlich leiden.
Das soll es gewesen sein? Der neue Verhoeven? Ja, leider.

Fazit: Zweifellos bietet „Hollow Man“ ansehnliches Effektkino mit erheblichem Produktionsaufwand und annehmbaren schauspielerischen Leistungen. Die Actionunterhaltung liegt immerhin auf Standardniveau. Recht zufrieden gestellt wird man aber nicht. Verhoeven wirkt wie ein zahnloser Löwe, dessen müde Prankenhiebe niemanden mehr erschrecken. Sind das Zeichen des Alters? Künstlerische Alterung hat nicht unbedingt etwas mit dem biologischen Alter zu tun. Es gibt früh vergreiste Regisseure wie John Carpenter, denen schon mit Vierzig nichts neues mehr einfällt, andere, wie Clint Eastwood, laufen mit Mitte Siebzig zu ganz großer Form auf.
Das Fazit nochmals in einem anderen Bild: Zu seinen besten Zeiten war Paul Verhoeven das Kampfschwein auf dem Fußballplatz, gefürchtet für seinen Körpereinsatz mit Blutgrätsche. Bei „Hollow Man“ wirkt er wie ein Standfußballer der Altherrenmannschaft mit Bauchansatz, bei dem man nur die müden Abbilder der einstigen Spielklasse sehen kann.


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