Ganz im Ernst: was soll man denn noch über einen Film schreiben, über den in den vergangenen 15 Jahren Horden von blutgeilen Spaßhorrorfans wie die Hunnen drüber gezogen sind und davon nur mehr einen zerrupften Must-Have-Kadaver übrig gelassen haben?
Am Besten, man schaut ihn einmal nach der Veröffentlichung, ignoriert ihn dann über 10 Jahre und sieht ihn sich dann noch mal mit einem gereiften Äuglein an, in der stillen Hoffnung, er könnte noch nicht alles von seiner Wirkung verloren haben.
Als „Braindead“ 1992/93 erschien, war Peter Jackson ein kleiner Kultregisseur mit bizarrem Geschmack und doch ungewöhnlichen Ambitionen, niemand konnte ahnen, das daraus ein kreatives Schwergewicht werden könnnte, der allein in Anbetracht verliehener Auszeichnungen gestandene Unterhaltungsregisseure wie Lucas oder Spielberg mal in die zweite Reihe verweisen würde.
Heute sieht man dieses erlesene Geschmodder mit einem nostalgisch-lächelnden Auge, denn sich mit so einer Produktion auf eine dermaßene Skala an Exzessen einzulassen, bedingt schon eine Menge Chuzpe.
Sinnfreies Auftürmen von eklen Spezialeffekten kriegt inzwischen jeder halbgare deutsche Fanregisseur hin, das aber in einen einigermaßen befriedigenden Kontext einzupassen, ohne daß es so wirkt, als würden die FX-Leute den Film sicherheitshalber zumasturbieren, damit die Makel nicht so ins Gewicht fallen.
„Braindead“ ist und war schon immer eine kleine Liebeserklärung an den Film, kann man heute merken. Allein der Prolog, der schon an „King Kong“ gemahnt (Rattenaffenjagd auf Skull Island), verrät das Liebhaberstück – und später bei begrenztem Budget ausgerechnet den Film in den späten 50ern anzusiedeln, spricht durchaus von vorhandenem Stilbewußtsein.
Doch dabei ist „Braindead“ nicht zuletzt immer eins: eine Komödie mit ödipalen Untertönen; der schüchterne, von seiner rabiaten Mutter erdrückte Sohn, der glaubt, den Tod seines Vaters verursacht zu haben und der zu sich selbst finden und stehen muß, damit die Frau, die ihn liebt, ihre Ausschließlichkeit auch durchsetzen kann.
Dazu noch eine kleine shakespearsche Prophezeiung (von der wahrsagenden Großmutter) und ein (angeblich) schützendes Amulett (was nie bewiesen wird) und fertig ist die Story von der Vorbestimmung des Helden, der die Monstren überwinden muß, um seine wahre Liebe und sein Selbst zu finden – was da noch keiner weiß, ist, daß er durch ein Meer von Blut warten muß, um schließlich den Weg in den Bauch der Mutter zurück zu gehen, um sich in einem zweiten monströsen Geburtsakt schlußendlich von ihr zu befreien.
Doch was immer an Metaphern hier untergebracht wird, all das wird mit einer kaum zu bezwingenden Drastik visualisiert, die jedoch, und das ist ungewöhnlich mit dem Slapstick des klassischen Stummfilms einher geht, was dahin führt, daß gewisse Sequenzen nicht nur eine brutale Komödie (wie z.B. die eigentlich sinnfreie, aber urkomische Sequenz im Park, wo Lionel das Zombiebaby ausführt und nach Kräften malträtiert) sind, sondern eine einwandfreie Slapstickklamotte, die wie der ganze Film übrigens auch als Stummfilm mit Texttafeln funktionieren könnte, er ist definitiv selbsterklärend.
Geliebt wird der Film aber hauptsächlich wegen seines absolut kruden Humors, der das Geschmacksempfinden des Publikums vor immer neue Hürden stellt, um den brachialen Ekel immer rechtzeitig durch totale Abstrusität zu konterkarieren. Beuleneiter in Vanillecreme, die mit großem Genuss gelöffelt wird (und wohl ohne Folgen bleibt); aus Mutters Hals gezogene Teilstücke eines verschlungenen Schäferhunds, kopulierende Zombies (samt Schnellschwangerschaft und Mutationsbaby), ständig abfallende Köpfe, kaum ein Körperteil, aus dem nicht einmal Fremdkörper ragen, ein kampfsporterprobter Kick-Ass-Priester, Leichenzerkleinerung im Mixer und nicht zuletzt eine Sammlung sehr agiler Organe mit Würgeabsichten ergänzen ununterbrochen das Schlachtfest bis zum großen Rasenmäherfinale und einer Auseinandersetzung mit dem monströsen Auswuchs einer krankhaften Mutter.
Jackson setzte seine Ekelhöhepunkte sehr stilsicher und immer dann, wenn zu viel Subplot ins Spiel kommt, praktisch alle Figuren sind ironisch gefärbt oder übertrieben grotesk (oder sehr britisch...) gezeichnet, nie soll man sich ernsthaft fürchten oder gruseln, sondern schlicht und einfach eine bombastische Schlammschlacht miterleben, die den Zuschauer ob der Möglichkeiten immer wieder staunen läßt.
Zwar ist das inzwischen technisch nicht mehr up to date, aber der Drive läßt kleine budgetbedingte Mängel kaum bemerken und für die vielen fiesen Einfälle, wie man einen Menschen um die Ecke bringen oder zerteilen kann, gebührt Jackson schon Respekt.
Daß er dabei die Möglichkeiten der Visualisierung des Zeigbaren als erschöpft auswies, markiert den Film als Wendepunkt in der Geschichte des Horrorfilms, die von da an über eine längere Strecke oft der Ernsthaftigkeit und Bedrohung entsagte, ehe sich die Filmemacher einer neuen Grenze „anatomischen Inventur“ (Sabine Horst über den Film) widmeten, nämlich noch expliziter speziell geschützte Geschmacksgrenzen in allen Details einzureißen.
Ein wunderbar lustiger Film, der allerdings auch ertragen werden muß, um ihn als die postmoderne Satire zu sehen, die er möglicherweise ungewollt war. Nicht ganz zeitlos, aber historisch ein Knotenpunkt. Und ein fabulöses Rumgesaue noch dazu. (8/10)