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Welt am Draht (1973)

Eine Kritik von Fastmachine (Bewertung des Films: 8/10)
eingetragen am 12.03.2010, seitdem 976 Mal gelesen


Um die alte Bundesrepublik liegt ein Schleier des Unwirklichen, als wenn dieser Staat, so handfest und banal er einen auch im Alltag umgab, nicht in der Weise tatsächlich vorhanden war, wie er es in den herrschenden Vorstellungen seiner Bewohner und Regierenden hätte sein sollen. Es haftet etwas Schiefes an den Bildern, die dieses selbst erklärte Staatsprovisorium von sich hervorbrachte, als wenn sein Wirklichkeitsprojektor nach einem extremen Einriff noch nicht wieder richtig justiert worden wäre.

Rainer Werner Fassbinder spürte in seinen Filmen auf verschiedene Weise dem eigentümlichen Wirklichkeitsverständnis der Bundesrepublik und ihres Kinos nach, mit dem Science-Fiction-Gleichnis „Welt am Draht“ machte er es unmittelbar zum Thema. Er siedelte seinen Film direkt in der Gegenwart an, der Bundesrepublik von 1973.

Die Bundesregierung unterhält das „Institut für Kybernetik und Zukunftsforschung (IKZ)“, um durch Computer gestützte Berechnungen politische und wirtschaftliche Fehlentscheidungen zu vermeiden, die sich in der Zukunft fatal auswirken könnten. Dazu haben die Wissenschaftler um Professor Vollmer mit „Simulacron 1“ eine völlig neue Generation von Supercomputer gebaut, der eine perfekte digitale Nachschöpfung der bundesrepublikanischen Gesellschaft errechnen kann. Diese Welt hat bisher nur die Größe einer Kleinstadt, doch ihre Bewohner, etwa 10000 „Identitätseinheiten“, wissen nichts von ihrer Existenz als digitale Schatten, sie halten alles für wirklich. Ihre Welt hängt am Draht, sie werden ferngesteuert und glauben doch an ihren freien Willen.

Von der ersten Minute an macht Fassbinder deutlich, dass etwas Ungutes, Unbehagliches von dieser Gesellschaftsplanung durch Simulation ausgeht. Der Film beginnt mit merkwürdig unscharf wabernden Bildern, man sieht den Wagen des Staatssekretärs von Weinlaub auf das IKZ zufahren. Gerade in dem Moment, wo Simulacron 1 vor der Vollendung steht, will sich die Regierung bei Institutsdirektor Siskins (Karl Heinz Vosgerau) über den planmäßigen Gang der Dinge informieren. Doch der wissenschaftliche Bericht von Professor Vollmer (Adrian Hoven) entgleist noch vor seinem Beginn.

Der sichtliche verstörte Vollmer fordert den befremdeten Staatssekretär auf, in seinen Taschenspiegel zu sehen. Dem Staatssekretär wird der Spiegel vorgehalten, nicht zur klassischen Selbsterkenntnis oder narzisstischen Selbstbestätigung, sondern zur Entdeckung der eigenen Unwirklichkeit. Er sei nur das Bild, dass andere sich von ihm machen. Trotz aller Bemühungen, die Siskins aufwendet, um ihn von der Realitätstüchtigkeit des eigenen Handels zu überzeugen, bleiben ihm Zweifel.

Kurz nach seinem peinlichen Auftritt kommt Vollmer unter mysteriösen Umständen im Computerraum des IKZs ums Leben. Sein Nachfolger Fred Stiller (Klaus Löwitsch) wird von Siskins, der Vollmer offensichtlich wenig nachtrauert, umstandslos installiert, weil er hofft, mit ihm weniger Probleme zu haben. Eine vergebliche Hoffnung, denn so nüchtern und karriereorientiert Stiller sich gibt, so spricht seine selbstbewusste, geradezu rebellische Körperlichkeit, die ihm Klaus Löwitsch durch sein energiereiches, kraftgeladenes Spiel verleiht, eine andere Sprache. Dieser Stiller wird sich niemals der herrschenden Vernunft der Bürokratie, die sich selbst als das einzige Wirklichkeitsprinzip sieht, unterordnen.

Ohne dass sie sich auseinander gesetzt hätten, erscheint Siskins allein durch sein Charisma als das gegnerische Prinzip zu Stiller. Vosgeraus sonore Stimme, die sich niemals erhebt oder gar ausfallend wird, sein leicht graumeliertes Haar, sein breites, glattes Gesicht lassen einen Menschen gegenwärtig werden, der anderen Göttern huldigt als Löwitsch’ Stiller.

Vom Thema der virtuellen Realität her hört sich „Welt am Draht“ wie ein Vorläufer von „Matrix“, „eXistenZ“ und „The Thirteenth Floor“ an, letzterer ein amerikanisiertes Remake des Fassbinderfilms. Alle diese Filme bauen auf dieselbe philosophische Gedankenfigur, nämlich Platons Höhlengleichnis, das den Unterschied zwischen der tatsächlichen Natur der Welt und ihrer bestenfalls schattenhaften Wahrnehmung durch die begrenzten menschlichen Sinne zum Thema hat. Man kann zwar mit einigem Recht „Welt am Draht“ in dieser Hinsicht auch eine Pionierleistung des Science-Fiction-Films nennen, des deutschsprachigen sowieso, kommt damit aber Fassbinders künstlerischen Absichten nur sehr eingeschränkt nahe.

Typische Kulissenbauten eines Science-Fiction-Films bietet „Welt am Draht“ nur in sehr geringem Maße. Den Computerraum mit seinen Schaltelementen und allgegenwärtigen Kontrollmonitoren, die geisterhafte Einblicke in die digitale Welt von Simulacron 1 bieten, gestaltete Fassbinder bewusst nahe am damaligen technischen Stand, er ist zwar als phantastische, aber prinzipiell 1973 mögliche oder denkbare Technik gemeint. Allein die Kontakteinheit, mittels derer die IKZ-Mitarbeiter in die Welt von Simulacron eintauchen können, indem ihr Geist einen der dortigen Körper übernimmt, wirkt futuristisch. Eine Liege, auf der man eine Art Raumhelm übergestülpt bekommt, von dem aus viele lange Drähte mit dem Computer verbunden sind. Das Überwechseln in die virtuelle Realität sieht dann ganz wie bei „Matrix“ aus. Bedenkt man noch, welche Bedeutung hier die Telefonzellen haben, dann wird sinnfällig, wie stark die Wachowski-Brüder sich bei diesem Film bedient haben.

In „Welt am Draht“ steht das Phantastische nicht als Genre vor uns, sondern wird von Fassbinder im verfremdeten Blick auf den Alltag und sein zeitgenössisches Dekor entdeckt. Transparente Großraumbüros, durch großflächige Glasscheiben und Spiegel locker gegliedert oder hypermoderne Lofts, in deren Weiten sich die Möbel und Menschen verlieren, schaffen eine kühle, entfremdete Umgebung, die die einzelnen Personen voneinander isoliert. Im Gegenzug stellt Fassbinder die Wände und Tische mit einer überdetaillierten Ausstattung im knallig bunten Popdesign der frühen Siebziger voll. Die Leere dieser Räume erfährt der Zuschauer ganz hautnah, da Fassbinder seine Kamera in langen Fahrten durch die Räume gleiten lässt. Er beobachtet seine Figuren aus ungewohnten Perspektiven, verzerrt Blicke, indem er durch Glasscheiben oder Möbel filmt.

Hand in Hand mit der Inszenierung des Raumes und der Ausstattung als Fremdwelt steht seine Schauspielerführung. Wenn sich drei Personen unterhalten, sitzen sie nicht ruhig auf Sesseln, sondern einer springt auf und wandert durch den ganzen Raum, während die Gesprächspartner scheinbar endlos entfernt auf der anderen Raumseite ausharren. Wenn Stiller schon mal sitzt, dann nicht ruhig, sondern in stetiger Drehbewegung auf seinem Chefsessel. Gespenstisch geradezu stehen dagegen die vielen Nebendarsteller in den Räumen herum, erst wenn eine bestimmte Handlung erforderlich wird, setzen sie sich in Bewegung. Der abwesende Sprechton der Schauspieler gibt ihnen einen leichten, keineswegs übertriebenen Puppencharakter. Die Figuren warten auf ihren Einsatz und zögern den Redeansatz um Augenblicke hinaus.

Der Titel „Welt am Draht“ fragt nach den Drahtziehern, den Mächten, die unser Leben bestimmen. Fassbinder stellt diese Frage in denkbar weitestem Rahmen auf verschiedenen Ebenen. Wenn Institutsdirektor Siskins die Ergebnisse von Simulacron halblegal einem Konzern zuschanzen will und Stiller dagegen kämpft, dann wäre dies wohl der typische sozialkritische Handlungsverlauf eines Mainstream Science-Fiction-Films der siebziger Jahre. Doch für Fassbinder stehen andere Fragen im Vordergrund, sein Stiller kommt Manipulationen ganz anderer Dimensionen auf die Spur, die unsere Vorstellungen von gesellschaftlicher und persönlicher Selbstbestimmung auf grundsätzlicher Ebene erschüttern.

Fassbinder fragt nach den wirklichkeitsbildenden Kräften, die unser Leben, die Freiheit unseres Willens und Körpers bestimmen. Es geht ihm dabei auch nicht um einen philosophischen Trivaleffekt wie in „Matrix“, wo sich die Welt als von Maschinen künstlich erzeugt Realität entpuppt, wo ein klar erkennbarer Gegner nach konventioneller Genrelogik bekämpft wird und das auch noch mit religiöser Überhöhung.

Für Fassbinder steht das Bild der simulierten Welt nur als Gleichnis für den Zustand unser unwirklichen Gesellschaft, die wie fremdbestimmt funktioniert, die nicht von körperhaften Bewohnern bevölkert wird, sondern von Identitätseinheiten. Sein Film hat daher mit der Tradition der amerikanischen Science-Fiction wenig, dafür umso mehr mit dem neuen französischen Film der sechziger Jahre zu tun. Jean-Luc Godards „Alphaville“ dürfte ihn mit seiner Inszenierung einer entfremdeten Zukunftswelt und ihrer Steuerung durch einen Computer unmittelbar angeregt haben.

Doch Fassbinder überwindet seine Vorläufer, es geht ihm nicht um ein ideologisches Programm, keine demonstrativ vorgeführten künstlerischen Avantgardegesten. Als Regisseur waren ihm die Wirkungen der gesellschaftlichen Zustände auf die Körper der Menschen wichtiger, als ihre abstrakte Ausformulierung. „Welt am Draht“ zeugt von einem aufgeklärten Blick, der nie als aufklärerischer Gestus daherkommt, sondern im Erzählen selbst steckt. Er liefert keine Metaphysik von wahrer und eingebildeter Welt, sondern deren weltlichen und körperlichen Ausdruck.

Fred Stiller kämpft nicht als Erlöser gegen böse Maschinen oder sonstige Schurken wie Neo gegen die Matrix, Fred Stiller kämpft um seinen Körper, die Wirklichkeit seines Körpers, dessen unverstellte Liebesfähigkeit. Nur wer sich frei hält von falschen Erwartungen an Genrekonventionen oder die Auflösung von abstrakten philosophischen Thesen, wird das Ende von „Welt am Draht“ in seiner ganzen subversiven Kraft erleben können. Fassbinder gibt eine radikal persönliche Antwort, die aber weiter reicht, als alle seine Vorläufer je gekommen sind.

Stillers Erlösung kommt durch Marie, die Tochter des verstorbenen Professors Vollmer, doch in dieser Welt bleibt sie unmöglich. Hier wirkt Marie wie entrückt, nur äußerlich anwesend und voll verstörendem Begehren, im Geiste wo ganz anders. Fassbinder gibt dieser Liebe viel Raum, zeigt das Paar nackt und ungeschützt, doch selbst beim Liebesakt müssen die Körper einander fremd bleiben.
Erst in einer jenseitigen Welt wird das Diesseitige möglich. Aus diesem Grund endet der Film mit einer unerwartet körperbetonten Liebesszene, die mehr dem Herumwälzen der Körper bei einem Ringkampf ähnelt. Nicht eine trickreiche, überraschende Wende im Sinne des Genres, noch eine (nebenbei uralte) philosophische Pointe will Fassbinder mit dem eigenartigen Schluss vorführen, sondern die Überwindung eines gesellschaftlichen Zustandes, in dem einer liebenden Berührung etwas Unwahres, Unwirkliches, fast müsste man sagen: Unmögliches anhaftet.
Darin liegt die eigentlich utopische Hoffnung Fassbinders, das eigentlich Phantastische.


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