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2001: Odyssee im Weltraum (1968)
Eine Kritik von Lunev (Bewertung des Films: 10/10) eingetragen am 07.05.2011, seitdem 505 Mal gelesen
Es steht jedem frei, über die philosophische und allegorische Bedeutung des Films zu spekulieren [...] aber ich möchte keine verbale Deutung für '2001' aufstellen, der sich jeder Zuschauer verpflichtet fühlen wird, in der Befürchtung, andernfalls den Kern nicht erfasst zu haben.
Mit diesen Worten kommentierte Stanley Kubrick sein Werk 2001: Odyssee im Weltraum im Erscheinungsjahr 1968 gegenüber dem Playboy-Magazin. Dementsprechend schwer fällt es, es doch zu tun. Fast fünf Jahre Zusammenarbeit mit Buchautor Arthur C. Clarke brauchte es um den ultimativen Science-Fiction-Film zu erschaffen, wie ihn Kubrick schon vorab nannte. Eine erstaunlich vollmundige Ankündigung, aber umso erstaunlicher, dass sie keinesfalls übertrieben ist. Beispielsweise Steven Spielberg, der ein großer Bewunderer Kubricks ist und sich oft durch ihn inspirieren ließ, bezeichnte den Film als den alles bestimmenden Urknall einer ganzen Generation von Filmemachern.
In der ersten Einstellung des Films sehen wir Sonne, Mond und Erde in Konjunktion, begleitet von Richard Strauss' Sinfonie Also sprach Zarathustra. Die Erhabenheit dieses Bilds wird schon manch einem Zuschauer eine Gänsehaut verpassen. Zu Beginn finden wir uns dann jedoch in den prähistorischen Weiten Ostafrikas wieder, etwa vier Millionen Jahre vor unserer Zeit. Eine Gruppe Menschenaffen kämpft ums nackte Überleben gegen andere Artgenossen und wilde Tiere. Eines Nachts taucht ein schwarzer Monolith auf, welcher dort offenbar absichtlich platziert wurde. Erst zögern sie verängstigt, doch dann beginnen sie alle den Monolithen zu berühren und scheinen fasziniert, ja fast unterwürfig. In der nächsten Einstellung sehen wir einen Menschenaffen aus der Gruppe, wie er auf die Idee kommt die Knochen eines toten Tieres als Werkzeug zu benutzen. Wie wichtig diese kurze Szene ist, macht uns Kubrick unmissverständlich klar, in dem er erneut die Eröffnung von Strauss' Also sprach Zarathustra einspielt. Der Mensch benutzt sein erstes Werkzeug, der Beginn der Zivilisation ist ein stumpfer Knochen, der schon in der nächsten Szene zum Mordwerkzeug wird. Triumphierend wirft der Vormensch den Knochen, Werkzeug und Mordwaffe zugleich, in die Lüfte und mit einem Schnitt, in dem er sich in einen ähnlich geformten Satelliten verwandelt, endet das erste Kapitel des Films, Der Morgen der Menschheit.
Mit einem einzigen Schnitt überspringen wir hier vier Millionen Jahre Evolution und befinden uns im Jahre 1999. Vier Millionen unwichtige Jahre, denn nur der Anfang und das Ende der menschlichen Evolution zählen für Kubrick. Der Mensch befindet sich auf dem technischen Höhepunkt seiner Entwicklung und scheint alles spielend zu beherrschen, selbst den Weltraum. Das wird uns mit einer heiteren Walzermusik zu Bildern von kreisenden Raumstationen suggeriert, an denen Raumschiffe andocken. Doch es soll nicht lange dauern, bis wir eines besseren belehrt werden. Forscher finden auf dem Mond einen schwarzen Monolithen, wie wir ihn schon kennen. Er wurde absichtlich dort platziert und sendet ein Signal Richtung Jupiter aus. 18 Monate später, im Jahr 2001, machen sich fünf Wissenschaftler, von denen sich drei in künstlichem Schlaf befinden, mit ihrem Raumschiff, der Discovery, auf den langen Weg Richtung Jupiter. Gesteuert wird das Raumschiff vom hochintelligenten Supercomputer HAL 9000. Er stellt den Höhepunkt des menschlichen Schaffens dar. Noch nie hat er einen Fehler begangen, noch nie unklare Informationen gegeben oder jemals bei etwas falsch gelegen. Hier beginnt nun die eigentliche Odyssee, welche unserem Hauptprotagonisten Dr. David Bowman (Keir Dullea), stellvertretend für die gesamte Menschheit, klar machen wird, wie unvollkommen der Mensch noch ist.
2001 wird wohl die Gemüter spalten, wie es nur wenige Filme tun. Den Zuschauer erwartet keine Action, keine nervenaufreibende Spannungskurve und kein Kontakt mit Aliens, sondern minutenlange Einstellungen von sich langsam bewegenden Raumschiffen und lange Passagen in denen kein Wort gesprochen wird und manchmal nicht einmal ein Ton zu hören ist. Stanley Kubrick war auf perfekten Realismus aus: Sein Werk sollte nicht nur neue technische Maßstäbe setzen, sondern so realistisch wirken, dass man glauben könnte, es sei im Weltraum gedreht worden. Das ihm das 1968 schon beinahe so gut gelungen ist, wie wir es aus neueren Science-Fiction-Filmen der letzten Jahre gewohnt sind, ist bemerkenswert. Die Raumschiffe die wir zu Gesicht bekommen, sind in jahrelanger Arbeit als detailgetreue Modelle gebaut worden und messen teilweise bis zu 20 Meter im Durchmesser. Selbst in den unzähligen Kamerafahrten die ständig über die Modelle gleiten, sind sie nicht als solche zu erkennen. Neben diesen perfekten Raumschiffen erwartet uns auch eine so realistische Darstellung von Schwerelosigkeit, wie sie bis heute nur selten erreicht wurde. Kubricks Film prägte nicht nur das Genre Science-Fiction wie kein anderer Film: Noch heute lassen sich viele Filmemacher davon inspirieren, noch heute gleiten Raumschiffe in Sci-Fi-Filmen so durchs Bild, wie 2001 es vormacht und noch immer finden sich ständig Anspielungen auf die berühmte Odyssee in zahlreichen Filmen, Serien und Liedern, die sonst nur wenig mit Science-Fiction am Hut haben.
Fasziniert bin ich jedoch vor allem durch die endlosen Analysemöglichkeiten, die uns Kubrick hier bietet. Zuallererst wird man von der tiefen Symbolik, die in jedem Wort, jeder Handlung und jedem Bild steckt, so erdrückt, dass man gar nichts versteht, schon gar nicht das verwirrende Ende. Nach zahlreichen Wiederholungen wird man dann immer und immer wieder für sich selbst etwas neues finden und Spaß daran haben; erst dann entfaltet der Film seine faszinierende Wirkung. Jedes Bild ist in liebevoller Feinarbeit entstanden, jedes Wort wohlgewählt und jeder Schritt durchdacht. Ich las bereits dutzende Interpretationen über 2001 und stellte wenig überrascht fest, dass jede von ihnen dem Film einige ganz persönliche Facetten abgewinnen konnte, die sich in keiner anderen Interpretation fanden. Bevor man dies tut, sollte man ihn sich jedoch einmal anschauen und seinen eigenen, ganz persönlichen Bezug dazu aufbauen.
Fazit: Stanley Kubricks monumentaler Science-Fiction-Film 2001: Odyssee im Weltraum hat nichts von seiner Faszination verloren. Er begeistert in seiner unendlichen Fülle von Interpretationsmöglichkeiten genauso wie in seiner selten erreichten technischen Perfektion und gehört damit zweifelsohne neben Werken wie Orson Welles Citizen Kane und Francis Ford Coppolas Der Pate zu den bedeutendsten Filmen, die je gedreht wurden. Filme wie George Lucas' Star Wars und Ridley Scotts Alien sind nur zwei Beispiele aus vielen, die ohne 2001 nicht entstanden wären.
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