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Wer Gewalt sät (1971)
Eine Kritik von Blade Runner (Bewertung des Films: 9/10) eingetragen am 24.08.2005, seitdem 4917 Mal gelesen
Hollywoods Outsider Nr. 1 ging zwei Jahre nach „The Wild Bunch” in die totale Offensive und kombinierte mit seinem Axiom, dass Gewalt sich in der Natur eines jeden versteckt, mit seiner wütend-bissigen Gesellschaftskritik. „Straw Dogs“ ist eine volle Breitseite, durch und durch pessimistisch, schwer verdaulich und deshalb nicht ansatzweise als Unterhaltung getarnt. Vielleicht Peckinpahs („Pat Garrett and Billy the Kid“, „Cross of Iron“) radikalster Film, der damals schon unendlich viele Tabus brach, mit seiner berüchtigten Doppelvergewaltigung für einen Skandal sorgte und gerade in heutigen Zeiten, wo sich die halbe Welt über „Irréversible“ aufregt, nachwirkt. Da fällt es nicht sonderlich schwer sich vorzustellen, wie 1971 die Zuschauer auf diesen Film reagiert haben müssen.
In Peckinpahs verkommener, krankhafter, perverser Gesellschaft werden grundsätzlich die falschen Entscheidungen getroffen. Er siedelt „Straw Dogs“ in Cornwall (England) an, denn dorthin zieht es aus Liebe zu seiner Frau Amy (Susan George, „Mandingo“, „Enter the Ninja“) den jungen Mathematiker David Summer (Dustin Hoffman, „Papillon“, „Meet the Fockers“). Sie wuchs dort in einem kleinen Kaff auf und hielt es für eine gute Idee von Amerika hierüber zu siedeln. Aus Liebe folgte er ihren Wunsch. Nun sieht er was er davon hat.
Peckinpahs in vielen Filmen alles andere als positive Frauenbild treibt er hier auf die spitze. Amy ist eine wunderschöne Frau, die sich ihrer Reize sehr wohl bewusst ist. Früh hält die Kamera direkt auf die üppige Oberweite dieser Dame, die keine BHs zu pflegen trägt und sich absichtlich den Arbeitskräften, die das Garagendach reparieren, oben ohne zeigt. Sie langweilt sich schnell in dieser Einöde, zumal David mit seiner Arbeit beschäftigt ist und sich von ihrem infantilen Verhalten genervt sieht.
Also fängt sie an mit den einfältigen Männern zu spielen, ohne dabei zu ahnen, dass sie mit dem Feuer spielt und später ihre eigene Vergewaltigung heraufbeschwört. Schlimmer noch, ihr gefällt es sogar, bis auch noch der Zweite ran darf. Warum findet sie Gefallen daran? Weil ihr Peiniger alles das verkörpert, was ihr verweichlichter, überordentlicher Ehemann ihr nicht zu geben vermag?
Das zweite Weibsbild trifft es noch schlimmer. Sie bandelt naiv wie sie ist, als David sie kühl abweist, mit einem bekannten Geistesgestörten an, der sie letztlich umbringt. Warum? Auch sie ist sich des Risikos bewusst, zieht aber aus einer Trotzreaktion mit dem Mann los. Glaubt sie etwa an das Gute in diesem Menschen? Was für ein Trugschluss.
Waren seine Frauen in Western meist Huren, so sind es hier amoralische Gestalten, die sich so sehr nach Aufmerksamkeit sehnen, dass sie dafür nicht nur ihre Hüllen fallen lassen, sondern auch einen Ehebruch in Kauf nehmen. Das Spiel mit dem männlichen Geschlecht hat für sie einen Reiz, der sie süchtig macht. Begehrt zu werden ist ihre Waffe, die ihnen in Peckinpahs Welt zum Verhängnis wird.
Die Parabel auf den gesellschaftlichen Zeitgeist personifiziert David am ehesten. David ist ein Stadtmensch, dem praktische Arbeit nun mal völlig fremd ist. Ihm fehlt die Courage, die Arbeiter von seinem Grund und Boden zu jagen, als die eindeutig in seinem Schlafzimmer gewesen sein müssen. Er will keinen Konflikt, sondern seine Ruhe. Stattdessen versucht er zwanghaft Kontakte zu knüpfen. Doch im Dorf stößt er schon im Pub auf Missbilligung, wird schon auf dem Weg dorthin fast von der Straße abgedrängt. Mit diesem komischen, intellektuellen Kauz wollen sie nichts zu tun haben, sich höchstens über dessen Unfähigkeit amüsieren.
Als er einer Einladung folgt und mit ihnen jagen geht, legt er damit unwissentlich den Grundstein zur Vergewaltigung seiner Frau. Sie drangl
saliert ihn bereits früh, er möge doch endlich etwas tun, sein Dasein als Feigling ablegen und Farbe bekennen, verschweigt gleichzeitig jedoch die Vergewaltigung aus Angst, er könnte eine Reaktion zeigen und ihrer Manipulation damit entgleiten. Das tut er dann am Ende auch, aber aus falsch verstandenem Schuld- und Wertgefühlen. Als er den Frauenmörder, den er versehentlich anfährt, bei sich beherbergt und bald der volltrunkene Lynchmob vor der Tür steht, um die Auslieferung zu fordern, glaubt David sein Haus verteidigen zu müssen und provoziert damit eine Orgie der Gewalt, in deren Verlauf er zum mehrfachen, rasenden, ja animalischen Mörder wird und werden muss, weil er den Bogen überspannt und im Verlauf dessen sogar seine Frau zu Vernunft prügelt. Sein letzter Kommentar verdeutlicht, dass er vor sich selbst erschreckt und nicht weiß, was aus ihm eigentlich im Verlauf dieser Nacht geworden ist und was aus ihm wird.
Die Obrigkeit, die Justiz, ist, gleich einer Metapher, ein Krüppel, sieht lieber weg und drückt ein Auge zu anstatt zu handeln, kommt zu spät, sieht die Gefahr nicht und unterschätzt den erregten Lynchmob, der sich zur Einstimmung zwanghaft alkoholisiert hat, um während ihrer kommenden Arbeit auch ja keine Hemmungen unterdrücken zu müssen.
Der Rest der Bewohner bekommt auch sein Fett weg. Lieber wegsehen, als selbst handeln, lieber dulden, anstatt das Wort ergreifen. Der Reverend lässt sich mit David in eine Diskussion um Wissenschaft um Glauben nur kurz ein und gibt mit einem giftigen Grinsen auf. Nein, hier gibt es keine guten Menschen, sondern nur falsche.
Peckinpahs visuelle Markenzeichen sollte man hier eher nicht erwarten. Der Film steigert sich final in einen fast 20minütigen Kampf auf Leben und Tod, in dem der Regisseur dann typisch alle Menschlichkeit fallen lässt und inmitten dieser nebeligen Nacht menschlichen, mörderischen Irrsinn heraufbeschwört, aber „Straw Dogs“ hat beileibe nichts in Zeitlupenästhetik verpackter Action zu tun. Der Film ist eine nackte, unverhohlene, bösartige Abrechnung mit der Gesellschaft. Man muss die Figuren eben nur zu interpretieren wissen.
Ab dem ersten Take schwört Sam Peckinpah zusammen mit seinen langjährigen Weggefährten, dem Kameramann John Coquillon („Pat Garrett and Billy the Kid“, „Cross of Iron“) und Komponist Jerry Fielding („The Wild Bunch“, „The Killer Elite“), dessen Score für den Oscar nominiert wurde, sein Publikum auf eine beklemmende, bedrohliche Atmosphäre, die gar kein Zweifel an seiner Intention lässt, ein.
Wirklich jede, aber auch jede seiner Filmfiguren ist verkommen. Ein Geschwisterpaar gibt sich dem Voyeurismus hin, die ungehobelten Arbeiter klauen Amys Unterwäsche aus dem Schlafzimmer und erdrosseln die Katze, wobei das noch vergleichsweise Kavaliersdelikte sind. Selbst das Ehepaar Summer scheint nur im Bett glücklich zu sein. Abseits der Matratze herrscht von Anfang an eine unterkühlte, gereizte Stimmung zwischen den beiden.
Bei Sam Peckinpah erkennt man nie ein Licht am Ende des Tunnels, hier malt er aber alles dazu noch pechschwarz an und hält dem Publikum seinen Film als Spiegel vor Augen. Er klagt gegen falsche Werte, fehlende Courage und die Verkommenheit der Gesellschaft, zeigt die fatalen Folgen und schreckt vor keiner drastischen Einstellung zurück. Langsam bereitet er sein Plädoyer vor, lässt Hinweise fallen, legt sich die Handlungen der Figuren wie Munition zurecht und schlägt dann mit voller Wucht zu, ohne vorzuwarnen.
Herausragend, wie er vor allem die Vergewaltigung umsetzt, indem er zwischen der nur anfangs verzweifelten Amy und den sich auf der Jagd befindlichen, unwissenden David abwechselnd hin und her schneidet.
Fazit:
Beklemmende Gesellschaftsstudie im typisch rohen Stil Sam Peckinpahs. Der zwangsläufigen, gewalttätigen Eskalation der Situation geht eine offensichtliche Kritik an den Verhaltensweisen unserer Gesellschaft zurück. Fehlende Courage, die Verrohung der Zivilisation und verdrehte Auffassungen von Recht und Ordnung sind genauso falsch, wie das laszive Verhalten der Frauen, die Verbrechen geradezu provozieren. Vergewaltiger, Trunkenbolde, Tierquäler, Verrückte, Wegseher, unfähige Gesetzeshüter, Geisteskranke, Lügner und Männer mit falschen Auffassungen bezüglich Schuld, Sühne, dafür aber falschen Wertvorstellungen hat Peckinpah hier versammelt. Er blickt in sie alle hinein, prangert sie an und verpasst ihnen die verdienten Ohrfeigen. Die Gesellschaft ist eine Pestbeule und er sticht hinein, heraus quillt das eitrige Sekret, genannt Mensch.
Keiner seiner Filme ist so schwer zu verdauen wie dieser hier. Peckinpah wollte es nie jemanden einfach machen, steigert sich auch hier wieder ins Extreme, einen Rausch aus nackter, brutaler Gewalt, und übertreibt es überambitioniert zum Schluss auch mit seinem überlangen Gewaltsausbruch. Doch das ist sein wütender Stil. Unbeherrscht und schonungslos bis zum Schluss, ohne auch nur einmal etwas Gutes im Menschen zu sehen. Er war immer ein Außenseiter, der gemieden wurde, mit dem später auch immer weniger Produzenten zusammenarbeiten wollten, von dem sich selbst seine treuen Weggefährten distanzierten, doch er blieb sich treu, bis Alkohol und Drogen ihn zugrunde richteten.
„Straw Dogs“ ist heute aktueller denn je und das macht ihn so beängstigend real.
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