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Wer Gewalt sät (1971)
Eine Kritik von Cinecritic (Bewertung des Films: 9/10) eingetragen am 27.05.2008, seitdem 429 Mal gelesen
Als Sam Peckinpah Anfang der 70er Jahre "Straw Dogs" realisierte, hatte er zuvor lediglich Western inszeniert. Dass der Mann, der vor allem durch "The Wild Bunch- Sie kannten kein Gesetz" berühmt geworden war, nun einen reinrassigen Thriller anging, überraschte nicht wenige. Dabei ist "Straw Dogs" im tiefsten Inneren ebenfalls ein Western. Man muss nur genau hinsehen!
Etwas, dass die Hauptfiguren dieses Films nicht tun. Hätten sie es mal, denn so ziehen der amerikanische Mathematiker David Sumner (Dustin Hoffman) und seine Frau Amy (Susan George) geradezu blauäugig in ein britisches Provinznest auf dem Land, in dem sie schon bald feststellen müssen, von einem Teil der Einheimischen misstrauisch beäugt zu werden. Aufgrund von Zufällen, Missverständnissen und der Verschiedenheit der miteinander konfrontierten Menschen, spitzt sich für das junge Ehepaar die Lage immer mehr zu. Da sie auch mit sich selbst nicht im Reinen sind, können David und Amy den Bewohnern nicht allzuviel entgegen setzen. Bis das Maß endgültig voll ist...
Sam Peckinpah wird ja gern als Vorläufer von Tarantino und Co. gesehen. Auch heute noch gelten seine Werke bei weitem nicht als unumstritten. Gerade die Gewaltexzesse in Filmen wie "The Wild Bunch" oder "Getaway" macht diesen großen Regisseur, selbst nach seinem Tod, immer wieder gern zur Zielscheibe der konservativen Kritik. Dabei wird häufig übersehen, dass Peckinpahs Streifen eben mehr zu bieten haben als von Kugeln durchsiebte Körper. Sicher, die von ihm zelebrierte Action ist stets eindrucksvoll und ein wichtiger Bestandteil seiner Arbeit. Aber im Gegensatz zu Tarantino ist Peckinpah eben auch ein Geschichtenerzähler, bei dem sich die Coolness aus der Handlung ergibt und weniger aus dem meist bemühten Zitieren anderer Werke. Und ganz ehrlich: Wer traut dem guten Quentin schon differenzierte Charakterstudien oder psychologisch ausgefeilte Thriller zu?
Mit "Straw Dogs" zeigt sich Sam Peckinpah wahrhaftig auf der Höhe seiner Kunst. Er verliert keine Zeit, sondern wirft Dustin Hoffman und Susan George sogleich mit Filmbeginn in das Landleben hinein- und mit ihnen den Zuschauer. Wo andere Regisseure mit dem Holzhammer gekommen wären und wahrscheinlich schon nach 20 Minuten klar Schiff gemacht hätten, lassen sich Peckinpah und Co-Autor David Z. Goodman dann plötzlich doch Zeit. Sie haben die Ausgangssituation zügig etabliert, hetzen müssen sie deshalb nicht. Im Wissen, dass der Zuschauer nur dann ordentlich mit den Charakteren leidet, wenn er sie auch gut genug kennt, werden Hoffman und George zum Zentrum des Films. Ihre Figuren sind sympathisch, werden mit ihren Stärken, aber auch Schwächen gezeigt. Sie gehen dem Zuschauer nahe, da sie echt wirken, aber eben auch fehlerbehaftet. Die Unfähigkeit zur Kommunikation fällt dabei besonders auf. Scheinen beide zu Beginn noch glücklich, offenbaren sich nach und nach Risse in der Fassade: David scheint ein Kontrollfreak zu sein, der für seine Arbeit auch gern mal die Ehefrau links liegen lässt, während Amy unfähig ist, sich mitzuteilen. Offenbar soll das Leben auf dem Land wieder kitten, was womöglich nicht mehr zu retten ist. Kein Wunder, wenn die Figuren nicht nur den Partner, sondern auch sich selbst belügen und mehr oder weniger aneinander vorbeileben.
Es sind in erster Linie Nuancen, die Peckinpah hier einsetzt. Zur gleichen Zeit nimmt jedoch auch die äußere Bedrohung zu. Scheinbar unmerklich hält sie in das Leben der Sumners Einzug. Zuerst sind es nur lüsterne Blicke der männlichen Einheimischen, die Amy ins Visisier nehmen. Dass einer der Männer mal mit ihr zusammen war, entschärft die Situation keineswegs. Im Gegenteil. Zumal David in seiner Akademikerart auf die rustikalen Dorfbewohner anfangs befremdlich und belustigend wirkt, später jedoch immer mehr zu einer Art von "Bedrohung" für sie wird.
Wie einfach wäre es nun, die Gemeinde einfach als Haufen eindimensionaler Neandertaler zu zeigen, die dem porentief reinen Pärchen das Leben zur Hölle machen? Doch da David und Amy nun einmal nicht perfekt sind (genauso wie die Menschen im wahren Leben), so sind auch die einheimischen Männer alles andere als Schablonen. Vielmehr handelt es sich um Menschen, die dem "Schubladen"-Denken angehören, gern mal Andersartige (wie z.B. den von David Warner dargestellten Dorftrottel) ausgrenzen und bei Konflikten immer einen Schuldigen parat haben, der natürlich nie aus ihren eigenen, eingeschworenen Reihen stammt. Gerade weil die Autoren hier auf simple Schwarz-Weiß-Malerei verzeichten, gelingt es ihnen eine schier unerträgliche Aura der (An-)Spannung zu schaffen. Denn wo es keine Klischees gibt, da ist auch nichts wirklich vorhersehbar. Das Ergebnis fällt darum auch sehr effektiv und, wie die meisten Filme Peckinpahs, immer noch modern aus. Wer weiss, was in Amerika und unter einem anderen Regisseur aus dem Stoff geworden wäre?
Ein hervorragender Cast ist hier das A und O. Denn was nützt das beste Skript, wenn man nur eine untalentierte Riege Möchtegernschauspieler zur Verfügung hat, die selbiges in den Sand setzen. Nun, das ist bei "Straw Dogs" nun wirklich nicht der Fall. Dustin Hoffman ist schlichtweg brilliant als zurückhaltend-introvertierter Denker, der solange in die Enge getrieben wird, bis er sich selbst auf das Niveau seiner Feinde begeben und darum zur Gewalt greifen muss. Mag sein, dass Hoffman mittlerweile ähnliche Manierismen entwickelt hat, wie seine Kollegen Robert De Niro und Jack Nicholson, in neueren Filmen also eher als Star wahrgenommen wird, wodurch seine Rolle in den Hintergrund gerät. Hier ist jedenfalls noch nichts davon zu spüren. Im Gegenteil: Hoffman läuft wahrlich zur Höchstform auf und bringt dem Zuschauer die Entwicklung seiner Figur absolut überzeugend rüber. Susan George kann da zwar nicht ganz mithalten, begeistert dafür aber auf anderer Ebene. Denn dass sie Hoffman als Partnerin nicht wirklich ebenbürtig ist, passt hervorragend zu ihrem Charakter. Da Amy lange Zeit gar nicht weiss wie ihr geschieht, wirkt die Leistung von Susan George umso authentischer. Spätestens die grausige Vergewaltigung in der Amy sich zwischenzeitlich vormacht, sie zu genießen, um diese Tortur für sich erträglich zu machen, zeigt, mit welcher Zerbrechlichkeit und Intensität George spielen kann, was sie auch im Finale unter Beweis stellt. Der Rest der Besetzung teilt sich, je nach Größe der Rolle, in die Sparten "gut" bis "sehr gut". Ausfälle gibt es dagegen nicht.
Inszenatorisch hat Peckinpah alles im Griff, wobei "Straw Dogs" eben besonders unter Beweis stellt, dass der Mann auch die leisen Töne beherrscht. Von Subtilität also sehr wohl etwas versteht. Darum wird die Gewalt hier auch nie selbstzweckhaft eingesetzt. Sie ist stets durch die Handlung bedingt und fällt deshalb so wirkungsvoll aus. Es verwundert, um ehrlich zu sein, schon sehr, dass "Straw Dogs" überhaupt indiziert war, wird die Brutalität in diesem Film doch in keinstem Maße glorifiziert. Die inzwischen vergebene FSK 16-Freigabe ist jedenfalls mehr als passend, hat man es hier schließlich mit einer intelligenten, in einen Psychothriller verpackten Gesellschaftskritk zu tun. Die Westernbezüge ergeben sich übrigens aus den Grundzügen der Geschichte: Fremder kommt in eine Stadt oder in einen Ort, hat alsbald eine ganze Menge Ärger und zwielichtige Typen am Hals, was im Endeffekt in eine (bleihaltige) Auseinandersetzung mündet, damit die Ordnung wieder hergestellt ist.
Ganz so einfach ist es dann am Ende freilich nicht, hat Hoffmans Charakter doch so gut wie alles verloren. Gerade der kurze Schlussdialog zwischen David Warner und ihm unterstreicht noch einmal die düstere Grundstimmung dieses Juwels und lässt erahnen, dass ein Happy End für David und Amy mehr als unwahrscheinlich ist. Wenigstens erwartet den Zuschauer ein glücklicher Ausklang, ist "Straw Dogs" ein doch mehr als sehenswerter Film. Dass man sich hier vieles selbst erarbeiten muss (in erster Linie: Zusammenhänge und Schlussfolgerungen sowie Motivationen der Charaktere), sollte niemanden abschrecken. Schließlich wird in diesem Fall eine eher simple Geschichte realistisch und mehrdeutig unterfüttert. Der Handlung kann man also definitv folgen.
Fazit: Fesselnder Psychothrill voller Subtext und Spannung. Grandios gespielt und dicht inszeniert, erweist sich der Streifen als bitterböse Parabel auf Selbstbetrug, Engstirnigkeit und Intoleranz. Nebenbei wird auch noch mit den vermeintlichen Vorzügen des Landlebens abgerechnet. Ein überraschend reichhaltiger Film zum Immer-Wieder-Sehen. Schockierend, verstörend, klug. Neben "The Wild Bunch" vermutlich Peckinpahs bestes Werk!
9/10 Punkten
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