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Karbid und Sauerampfer (1963)

Eine Kritik von Fastmachine (Bewertung des Films: 8/10)
eingetragen am 04.05.2005, seitdem 508 Mal gelesen


Wäre der Begriff zur Entstehungszeit dieses Films in Deutschland schon gebräuchlich gewesen, man hätte „Karbid und Sauerampfer“ ein „Roadmovie“ genannt. Da er aber in der DDR von 1963 uraufgeführt wurde, also lange, bevor die amerikanische Popkultur den ostdeutschen Film nennenswert berührte, nannte man ihn ein „Filmlustspiel“. Und fügte ironisch hinzu „aus dem fernen Jahr 1945“.
Gerade einmal achtzehn Jahre nach Kriegsende herrschte in Ost- und Westdeutschland Aufbaumentalität, aus den Trümmern entstanden die modernen deutschen Teilstaaten. Der Blick war nach vorn gerichtet, krampfhaft vielleicht, denn wenn man zurückblickte, sah man das gerade überwundene Elend, das einem deshalb gerne schon „fern“ vorkam.
1945 – Deutschland liegt in Trümmern. Die Straßen sind voll, das halbe Volk ist auf Wanderschaft. Flüchtlingstrecks und Hamsterfahrten gehören zum Alltag von Millionen.
In dieses Szenario setzt Regisseur Frank Beyer kein historisches Drama, kein moralisch und politisch wohlfeiles Lehrstück und keinen sentimentalen Rührschinken, sondern eine Komödie, die deutlich farcenhafte, manchmal satirische Beiklänge hat.

Die Geschichte ist denkbar einfach aufgebaut, jedoch straff und kunstreich inszeniert.
Der Arbeiter Karl Blücher (Erwin Geschonneck), genannt „Kalle“, witzigerweise ein Nichtraucher, kehrt im Sommer 1945 an seine alte Arbeitsstätte zurück, eine Dresdener Zigarettenfabrik. Alles ist zerbombt. Um die zerstörten Stahlträger der Werkhallen zu räumen, muss man sie auseinanderschweißen. Zum Schweißen braucht man Karbid. Und Karbid gibt es nirgends, es sei denn, man hat Kontakte. Also muss Kalle quer durch die russische Besatzungszone nach Wittenberge zu seinem Schwager in der Karbidfabrik. Zu Fuß, versteht sich. Und auf dem Rückweg mit sieben großen Fässern Karbid im Schlepptau. Doch Kalle scheint bestens gerüstet für das Deutschland von 1945. Als Nichtraucher kann er mit Zigaretten handeln, als Vegetarier findet er unterwegs genug Nahrung (Sauerampfer…hmm).

Kalle sucht Pilze im Minenfeld, versucht sich im Dynamitfischen mit Karbid und schließlich als Begräbnisredner und Schwarzmarkthändler – jeweils mit mäßigem Erfolg und einem Aufenthalt hinter schwedischen Gardinen gekrönt. Er bandelt mit einer charmanten Bäuerin an, die von einer Karriere als Filmstar träumt und muss sich einer mannstollen Witwe erwehren. Immer gefährdet von zwielichtigen Personen, argwöhnisch beobachtet von der russischen Besatzungsmacht, schlägt er sich mit den Karbidfässern durch, oft entkommt er haarscharf in letzter Sekunde.
Zwanglos sind die einzelnen komischen Episoden aneinander gereiht, ganz spielerisch entsteht wie nebenbei ein tiefenscharfes Bild Deutschlands in der Stunde Null.

Erwin Geschonneck wurde nicht zuletzt durch diesen Film zu einem der populärsten Schauspieler der DDR. Seine ebenso offene wie verschmitzte Art hat einen ganz eigenen Charme. Aber die Figur des unverdrossenen „einfachen Mannes“ sollte natürlich nicht über den Nuancenreichtum von Geschonnecks Schauspielkunst hinwegtäuschen. Wie selbstverständlich hat Geschonneck von der ersten Szene an eine starke Leinwandpräsenz.

Die Qualität von „Karbid und Sauerampfer“ sticht unter den oft biederen deutschen Nachkriegskomödien hervor. Sie verdankt sich nicht nur Frank Beyers Regietalent, sondern auch seinem herausragenden Kameramann Günter Marczinkowsky. Allein die großartige Inszenierung der Landschaft, die der Natur des Flachlandes eine fast klassische Schönheit abgewinnt, macht den Film sehenswert. Trotz der in jeder Szene spürbaren handwerklichen Perfektion, erlaubt sich der Film keine manieristischen Spielereien oder pseudokünstlerischen Kitsch.
Witzig auch die Grundidee der Filmmusik, die von Joachim Werzlau geschrieben wurde. Auf seiner Wanderung pfeift Kalle eine Melodie, die einem sofort eingängig und vertraut verkommt, aber so geschickt verfremdet wurde, dass es zumindest bei mir lange gedauert hat, bis der Groschen gefallen war, woher die Melodie stammt.

Natürlich ist der Film alt und nicht mit heutigen Komödien zu vergleichen. Vielleicht mit einer Ausnahme. Als Detlev Buck 1993 sein bizarres Roadmovie „Wir können auch anders…“ drehte, zeigte er eine ähnlich abenteuerliche Reise durch die „neuen Bundesländer“. Während Beyer satirisch die deutsche Gesellschaft der Trümmerzeit auf dem Weg zur DDR besichtigte, zeigte Buck die Landschaften der gerade untergegangen DDR. Bucks verdeckte Anspielungen auf alte DEFA-Filme weisen auf die vergleichbare Situation einer Gesellschaft im Zusammenbruch und ungewissen Übergang hin.

Fazit: So leicht dieses „Filmlustspiel“ auch zugänglich ist, es ist alles andere als belanglos. Vielmehr ist es eine der wenigen unverkrampften deutschen Filmkomödien aus der Nachkriegszeit, die auch heute ohne Nostalgiebonus noch funktionieren. Die ansprechend schnörkellose und leichte Erzählweise, die dennoch kunstvoll und stilsicher ins Werk gesetzt wurde von Regisseur Frank Beyer, sichert diesem Film seinen Rang.
Ein deutsches „Roadmovie“ aus der Zeit, als halb Deutschland unfreiwillig an eigenem Leibe „Roadmovies“ erlebte.


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