Das Geschichten immer wieder neu verfilmt werden, ist in Hollywood keine Ausnahme. Remakes beherrschen momentan einen ziemlich großen Teil des Marktes und auch sonst werden mit Sequels von längst vergangenen Filmen wieder Geschichten und Erzählungen zu Tage befördert, bei denen man meinte, dass sie schon längst eingemottet sind. Ja, wenn eine Geschichte Erfolg verspricht, dann darf man sie melken bis zum geht nicht mehr und Neuheiten haben da kaum Platz. Auch Robert Zemeckis macht da keine Ausnahme, denn er nahm sich für sein neustes Projekt die wohl am meisten verfilmte Geschichte aller Zeiten zu Brust: Charles Dickens Weihnachtsgeschichte. 59 Mal wurde sie (nach offiziellen Kenntnissen) in allen möglichen und unmöglichen Variationen bereits verfilmt, seine Version würde nun also die 60. Verfilmung darstellen. Doch kann man der klassischen Geschichte um die Läuterung eines Geizhalses überhaupt noch etwas Neues abgewinnen? Und wie! Das beweist Zemeckis eindrucksvoll und das obwohl der Geist des Ursprünglichen präsenter denn je bleibt.
Denn Zemeckis wollte endlich mal eine Version der Geschichte präsentieren, die frei von jeglicher zusätzlicher Interpretation ist, frei von neu Hinzugedichtetem oder neuen Ideen, welche aber nur selten passen. So wie Dickens damals seine Geschichte niederschrieb, so soll sie der Zuschauer auf der Leinwand erleben. Der Inhalt dieser Geschichte dürfte dabei jedem bekannt sein. Es geht um den alten Geizhals und Menschenhasser Ebenezer Scrooge. Seit dem sein Teilhaber Jacob Marley vor 7 Jahren verstorben ist, hasst er das Weihnachtsfest und die Menschen wie kaum etwas anderes. Als er an einem heilligen Abend wieder einmal verbittert und allein gelassen zu Hause sitzt, erscheint ihm der Geist von Marley, der ihm drei Geister ankündigt, die ihm die Vergangenheit, die Gegenwart sowie die Zukunft vor Augen führen werden. Scrooge bekommt die Chance sein Leben zu ändern... Auch wenn die Geschichte einer Wandlung vom Menschenhasser zum Menschenfreund mittlerweile schon etwas angestaubt wirken mag, wer Dickens kennt, der weiß, dass sie dennoch präsenter denn je ist. Dickens verstand es schon 1843, was es heißt eine Geschichte so mit einer guten Moral zu verpacken, dass sie stehts aktuell bleibt und auch im 21. Jahrhundert nicht nervt. Man nimmt die Botschaft mit, versteht sie und versucht sie umzusetzen. Auch wenn emsige Weihnachtshasser vielleicht ihre Probleme damit haben, wer auch nur ein Fünkchen von dem versteht, was Weihnachten für die Menschheit bedeutet, der dürfte sich ein Weihnachtsfest ohne den alten Dickens kaum vorstellen können.
Zemeckis nimmt sich nun dieser Geschichte an und verfilmt sie in einer derartig detailgetreuen Umsetzung, nach der sich jeder Dickens-Fan lange gesehnt haben dürfte. Während z. Bsp. Brian Henson in seiner (wunderbaren) Muppets-Version gleich zwei Marley-Brüder präsentiert, Disney in seiner Dagobert Duck-Version den Geist der zukünftigen Weihnacht sprechen lässt und auch sonst in den anderen Verfilmungen meist irgend etwas hinzugedichtet wird, hält sich Zemeckis in seiner Story absolut streng an die Vorlage, so dass Kenner der Geschichte nahezu jedes Detail ihrer geliebten Weihnachtsgeschichte wiederfinden. Selten ist es z. Bsp. in den Verfilmungen zu sehen gewesen, wie Scrooge seinen alten Partner zu Grabe trägt, obwohl das Buch mit den Worten "Jacob Marley war tot, damit wollen wir beginnen" anfängt. Für eine Weihnachtsgeschichte wahrscheinlich vielen Produzenten einfach ein zu düsterer Einstieg, doch Zemeckis fährt diesen auf, genau wie alle anderen Details, die man in dieser oder jener Verfilmung vermisst hat.
Scrooge vergrault also erst einmal seinen Neffen, der ihn zum Weihnachtsessen einlädt, lässt ein paar Spendensammler sprichwörtlich im Regen stehen und meckert mit seinem Angestellten Bob Cratchit, weil sich dieser am Weihnachtstag frei nehmen will. In seinem düsteren, dunklen Haus trifft er dann auf Marley, erst in Form eines Türknaufs, dann als kompletter, verfallener Geist, der ihm die kommenden Geister voraussagt. Scrooge trifft in der Vergangenheit auf sich selbst als allein gelassenes Kind aber auch als Junge, der sich auf seine Schwester freut, welche nur allzu früh verstirbt (dieses Detail wurde in nahe zu allen anderen Verfilmungen völlig außen vor gelassen). Dann natürlich auf Fezziwig, Belle und auf seinen Wandel zum Griesgram. Die Gegenwart beschert ihm seinen Neffen, der sich über seinen Onkel in einem Spiel lustig macht und auf Cratchit, dessen Sohn totkrank ist. Und die Zukunft zeigt ihm dann das äußerst grausige Bild, wenn sich Scrooge nicht schnellstens ändert. An wirklich alles hat Zemeckis gedacht, keines der sonst so gerne unter dem Teppich gekehrten Details (vor allem in der Vergangenheit) wird vergessen und seien sie noch so düster.
Sogar im Finale wird an alles gedacht. In vielen Verfilmungen wird dem Zuschauer nämlich vorgegaukelt, dass Scrooge noch am Weihnachtsabend bei Cratchit einkehrt und mit ihm das Weihnachtsfest feiert, was aber schlichtweg nicht stimmt. Der Geschichte zufolge feiert er nämlich bei seinem Neffen und Cratchit erfährt erst am nächsten Tag von der Wandlung seines Bosses, natürlich nach einer kleinen Schelmerei. Ja, auch wenn ich mich vielleicht langsam anfange zu wiederholen, aber die Werkstreue von Zemeckis, bei der Umsetzung von Dickens Weihnachtsgeschichte, ist einfach nur sensationell gut und man hat den Hut zu ziehen, vor so viel Eifer und dem Mut, nicht auch nur im geringsten etwas vergessen zu lassen. Würde Dickens noch leben, so dürfte er sich über diese Tatsache wohl enorm freuen. Was auch daran liegt, dass sich Zemeckis nicht nur eng an die Buchvorlage, sondern auch an die Originalstiche gehalten hat, was vor allem den Geistern zu Gute kommt. Es ist schon fast nicht zu glauben, wie ähnlich nah die beiden Geister der Vergangenheit und der Gegenwart am visuellen Stich der Vorlage dran sind und der Geist der Zukunft ist, so wie es sich gehört, nicht mehr als nur ein Schatten. Kurzum, perfekter kann Dickens kaum auf der Leinwand aussehen.
Aber Zemeckis macht nicht nur mit der detailfreudigen Umsetzung des Romans eine extrem gute Figur, auch mit seiner Liebe zum neuen und modernen 3D-Kino schafft er es Akzente zu setzen. Denn Zemeckis schafft hier etwas, dass sonst noch niemand so wirklich hinbekommen hat. Er verknüpft die uralte und nostalgische Geschichte mit dem modernen Kino so perfekt, dass man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt. Da wäre zum einen das Motion Capture-Verfahren, bei dem die Schauspieler zu erst ihre Rollen spielen und dann am Computer verfremdet werden. Stieß diese Technik bei "Der Polarexpress" fast noch an ihre Grenzen und wurde von nicht wenigen Kinofans kritisiert, so hat sich diese Technik hier nun wirklich deutlich entwickelt und beschert dem Zuschauer nun wirklich das, was mit der Motion Capture-Technik erreicht werden will. Figuren und Animationen die so quicklebendig und lebensnah agieren, dass es nur so eine Freude ist. Ob man diese Technik deshalb als wirklich sinnvoll erachtet kann man zwar immer noch diskutieren, Fakt ist aber, dass die Animationen hier nun endlich auf einem Niveau angekommen sind, das realistischer kaum aussehen kann.
Dazu der Einbau von so manchem 3D-Effekt, welcher aber hier, im Gegensatz zu vielen anderen Filmen, sauber und nahezu nahtlos in die Geschichte eingebaut wurde. Ähnlich schon wie bei "Coraline" wartet der Zuschauer hier nicht darauf, dass etwas aus der Leinwand ragt oder dieser oder jener Gegenstand aus der Leinwand fliegt. Sondern hier macht sich der 3D-Effekt vor allem durch eine unglaubliche Plastizität bemerkbar, welche vor allem bei den Schnee-Sequenzen spürbar ist. Man möchte sich förmlich die Brille abwischen, da man das Gefühl hat, dass einem der Schnee diese beschlägt. Dazu gibt es auch ein paar wilde Kamerafahrten, welche sich vor allem durch so manche Flug- und Rutschsequenz bemerkbar macht. Und hier könnte man dann auch den einzigen wirklichen Kritikpunkt an dieser Umsetzung finden, denn alles in allem hätte so manche dieser Sequenzen etwas kompakter ausfallen dürfen. Vor allem in dem Part mit dem Geist der kommenden Weihnachten wird dann doch ab und an ein wenig zu viel gerutscht, gerannt und geflogen und auf den bombastischen 3D-Effekt gesetzt. Doch, auch wenn es die Story im Endeffekt nicht wirklich nötig gehabt hat, solche überbordenden Effekte an die Seite gestellt zu bekommen, wirklich stören tun sie einen im Endeffekt nicht. Dafür funktioniert die Verschmelzung von Alt und Neu zu gut und der visuelle Augenschmaus übertüncht diesen kleinen Kritikpunkt mit Leichtigkeit.
Abgerundet wird der Film, welchen man nun fast schon als Weihnachtszauber bezeichnen kann, durch seine akustische Untermalung. Auch hier hat der Regisseur noch einmal streng aufgepasst, dass hier alles möglichst so klingt, wie es im 19. Jahrhundert geklungen hat, vor allem was die musikalische Untermalung angeht. Abgesehen vom (grandiosen) Andrea Boccelli-Song im Abspann, bekommen wir es hier nur mit klassischem Gesangsgut zu tun, das schon damals in den Straßen gesungen wurde. Vor allem "Hark the herald angels sing", aus dem Jahre 1739 kommt hier mehr als nur einmal in seiner völligen Pracht zur Geltung. Und als kleines Schmankerl rundet Zemeckis mit diesem Lied dann seine Verfilmung auch ab, genauso wie es damals Frank Capra bei "Ist das Leben nicht schön?" getan hat. Weihnachten darf nun endgültig kommen!
Aber was wäre eine detailgetreue und aufwendige Verfilmung, ohne seine Schauspieler? Nachdem uns in den letzten Jahren vor allem Alastair Sim, George C. Scott und Michael Caine als erinnerungswürdige Scrooge-Darsteller im Gedächtnis geblieben sind, reiht sich nun auch Jim Carrey in diesen Reigen ein. Denn seine Scrooge-Darstellung, sowie die der Geister, ist schlichtweg sensationell geworden. Auch wenn man ihn natürlich nicht so ganz unter den digitalen Pixeln erkennt, so hat er seinem Scrooge eine eigene Note aufgesetzt, die nie albern wirkt, aber dennoch für manch komische Momente, im üblichen Carrey-Stil, gut ist. Vor allem wenn er als geläuterter Mensch durch die Straßen zieht und einigen Musikanten erst einen Schrecken einjagt, bevor er mit ihnen singt, kann sich niemand einem herzigen Lachen entziehen. Dazu der wunderbare Gary Oldman als Cratchit, Collin Firth als Neffe Silias, Robin Wright Penn als Belle, sowie Carey Elwes als Dick Wilkins und Bob Hoskins als Fezziwig. Kurzum, auch hier kann man mehr als nur zufrieden sein.
Fazit: Nicht weniger als eine der besten Verfilmungen überhaupt, dass ist Zemeckis Motion Capture-Version von Charles Dickens Weihnachtsgeschichte. Selten, ja in mancher Hinsicht vielleicht sogar noch nie, hat es so eine detailverliebte und werksgetreue Verfilmung gegeben, wie bei Zemeckis neustem MC-Streich. Jedes noch so kleine Detail, das in früheren Filmen gerne vergessen wurde, ist hier mit an Bord. Sogar das Sterbedatum auf dem Grabstein von Scrooge ist in korrekter Form vorhanden. Verpackt in ein aufwendiges und hoch modernes 3D-Gewand könnte manch einer Verrat an der altertümlichen Geschichte wittern, doch Zemeckis ist es auf schier unglaublicher Weise gelungen, das Uralte perfekt mit dem Hochmodernen zu verknüpfen, so dass man aus beider Sicht hier seine uneingeschränkte Freude hat. Wer Dickens Klassiker zu Weihnachten genauso braucht, wie das Beisammensein am heilligen Abend und sich dennoch nicht scheut, dieses grandiose Stück Weltliteratur detailgetreu im modernen Gewand zu sehen, der kommt an Zemeckis Version einfach nicht vorbei. Schon jetzt ein moderner Weihnachtsklassiker, den man sich Jahr für Jahr aufs Neue ansehen möchte!
Wertung: 9/10 Punkte