Review

In meinem Review zu Dolph Lundgrens zweiter Regiearbeit „The Mechanik“ begann ich mit einer Parallele zu dem damaligen Bundestrainer Jürgen Klinsmann und der damals aktuellen, wie brisanten Torwartfrage zwischen Oliver Kahn und Jens Lehmann. Ja, wie die Zeit vergeht. Jürgen Klinsmann ist schon lange nicht mehr im Amt, hatte danach auch als Bayern-Trainer nicht den erhofften Erfolg und sowohl Kahn als auch Lehmann sind mittlerweile nicht mehr aktiv. Der Dolph allerdings schon!

Ich sprach damals von einer Trendwende, die „The Mechanik“ bedeuten könnte, die Lundgren zurück in das Mainstream-Geschäft katapultieren könnte. Tja, so schnell schießen die Preußen nicht und nach „The Mechanik“ drehte Lundgren die minder erfolgreichen Werke „Diamond Dogs“, „Missionary Man“ und „Command Performance“, die zumindest nicht das überraschend hohe Niveau von „The Mechanik“ halten konnten. Aber immerhin ist der Mann unbeirrbar und schneidert sich seine B-Action-Vehikel punktgenau auf sich selbst zu. Und schon wären wir im Hier und Jetzt. „Icarus“ ist mittlerweile Lundgrens sechste Regiearbeit und wieder hatte ich beim Schauen einen Aha-Effekt. Handwerklich wird Lundgren nämlich immer besser und die Sache mit dem Altern hat er sehr gut im Griff. Aber der Reihe nach...

Wenn es etwas Unwichtiges und Sekundäres in B-Actionern gibt, ist es die Story. Serviert man dem geneigten Fan ein halbwegs logisches Gerüst, das zum Einen ein Mindestmaß an Spannung erzeugt und zum Anderen das Zeug hat, die viel wichtigeren Actionszenen miteinander zu verbinden, ist die halbe Miete schon eingefahren. Diese Hürde nimmt „Icarus“ leicht. Zwar ist die Mär von dem Ex-KGB-Agenten, der sich nach dem Kalten Krieg im Westen als Killer verdingt nicht wirklich originell, aber wie beschrieben, ist dies auch gar nicht notwendig. Lundgren-Aficionados werden nicht überfordert und andere Seher nicht in ihrer Intelligenz beleidigt. Zudem ist spätestens seit „96 Hours“ auch dem Mainstream-Seher klar, dass knackige, pure und knüppelharte Actioner wieder in Mode sind. Die Glaubwürdigkeit der Story steht und fällt natürlich auch mit den Darstellern. Die gesamte Besetzung kann sich sehen lassen, besonders, da man nicht die Einheitsbetonköpfe aus den Ostblock-Actionern sehen muss, sondern oft unauffällige, aber immerhin gute Darsteller. Als Beispiel hierfür sei Stefanie von Pfetten genannt, die die Ehefrau Lundgrens überzeugend und vor allem glaubhaft spielt und overacting vermeidet. Zwar liegt es in der Natur der Dinge, dass ihre Leistung beim Zuschauer nicht wirklich hängen bleibt (dies ist einzig und allein Herrn Lundgren vergönnt), doch der B-Film-gestählte Zuschauer weiß ihre Leistung durchaus zu goutieren. Begutachtet man die schauspielerische Leistung des Meisters selbst, kann man auf den einfachen Nenner kommen: Lundgren tut, was ein Lundgren eben tut. Man kann ihm aber attestieren seine zweifelsohne begrenzten schauspielerischen Fähigkeiten (die über die Jahre aber durchaus gereift sind) effektiv einzusetzen. Von der Physis her macht der mittlerweile 52 Jahre alte Schwede einem Sylvester Stallone durchaus Konkurrenz. Er wirkt fit, die Actionszenen mit ihm sind allesamt glaubhaft. Es ist beachtlich, welchen Grad an Fitness sich Lundgren bewahren konnte. Eine gewisse Steifheit in den Hüften, gerade in Szenen, in denen er rennt, ist wohl eher der enormen Körpergröße zuzurechnen, da sie auch in älteren Produktionen gelegentlich auffällt. Ansonsten präsentiert sich Lundgren fit und durchtrainiert.

Wenn wir schon bei der Action und der Inszenierung sind: es ist überaus bemerkenswert, was Lundgren aus einem Budget von 5 Millionen Dollar so herausholt. Die Actionszenen wirken für ein B-Movie durchaus aufwendig (auch wenn manche der Zeitlupensequenzen etwas ungelenk wirken), ebenso die Schauplätze und die Ausstattung. Lundgren hat scheinbar ein Händchen dafür, aus begrenzten Budgets das Maximum herauszuholen. Vergleicht man „Icarus“ mit dem ebenfalls gelungenen Actioner „Driven to Kill“ mit Steven Seagal, wirkt „Icarus“ hochwertiger, runder und letztendlich besser. Dies umfasst sowohl die Inszenierung als auch die darstellerische Leistung und ist zu einem hohen Anteil Dolph Lundgren zuzurechnen, der sowohl als Actionheld, als auch als Regisseur scheinbar jederzeit genau weiß, was er tut.

Lundgren ist auf einem guten Weg, immer noch. Im Gegenteil, zwar ist der Sprung zurück in das Licht der Mainstream-Öffentlichkeit nicht so schnell verlaufen, wie vielleicht von mir anno 2006 mit leicht verklärtem Blick vermutet, doch eine stete Verbesserung ist definitiv beobachtbar. Dies gilt speziell für Lundgrens eigene Filme. Vergleicht man „Icarus“ nämlich mit dem letzten „Universal Soldier“-Film (in dem Lundgren eine kleine Rolle übernahm) der in Genre-Kreisen sehr wohlwollend aufgenommen wurde, dann bemerkt man, wie viel professioneller und aufwendiger „Icarus“ geworden ist. Und dann kommt dann ja noch „The Expendables“, Stallones lang erwartetes Actionprojekt, das den Genrefilm wieder in den Mainstream hieven kann und alte Actionstars zusammen mit der neuen Generation auf der Leinwand vereint. Lundgren ist dabei und vielleicht ist dies dann wirklich der erste Schritt zu einem zweiten Frühling des in die Jahre gekommenen Schweden. Speziell ein von Lundgren selbst inszeniertes Werk auf der großen Leinwand und einem (überschaubaren) Mainstream-Budget wäre für viele Fans sicherlich ein reizvoller Gedanke, der vielleicht gar nicht so abwegig ist, wie er auf den ersten Blick vielleicht erscheinen mag...

Fazit:

8,5 / 10

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